Semantik und Inkommunikabilität

von Kusanowsky

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Eine erfolgreiche Semantik ist immer auch ein Verstärker von Inkommunikabilität.
Das, was mit Inkommunikabilität gemeint ist, wird nicht vollständig erfasst, wenn man nur an die Beschränkungen des sprachlichen Ausdrucksvermögens denkt. Es geht auch nicht nur darum, dass Kommunikation Zeit braucht und die Ereignisse schneller ablaufen als die Kommunikation, so dass man schon beim Versuch, die Anschlussfindung auf den aktuellen Stand der Dinge auszurichten, unausweichlich in Rückstand geraten würde. Auch geht es bei Inkommunikabilität nicht um moralische Rücksichtnahmen, die es verhindern könnten, dass gewisse Dinge kommuniziert werden können.
Es geht vielmehr um das Problem, dass gerade der Verlass auf eine Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik einen Sinn erzeugt, der dadurch zerstört wird, dass man ihn zum Gegenstand einer Mitteilung macht. Gemeint wären damit: Ansprüche an Vernunft, Individualität, Persönlichkeit und Moral. Es geht also nicht um Sprechverbote, sondern darum, dass durch das Ansprechen derjenige Sinn zerstört wird, der gebraucht würde, um das kommunizieren zu können, worum es geht. Das wäre kurz zu erklären:
Kommunikation entsteht durch eine Differenz von Mitteilung und Information. Diese Differenz wird gebraucht, um zwischen diesen beiden Aspekten zu unterscheiden, damit  Annahme bzw. Ablehnung der durch sie mitgeteilten Selektionen erfolgen kann. So muss es durch die Kommunikation gelingen, die Selektivität der Information, z.B. durch die Isolierung von Tatsachen, von der Selektion der Mitteilung, also das, was damit gemeint sein könnte, zu trennen. Das bedeutet auch, dass auf beides beim Ablauf der Kommunikaiton reagiert und gegebenenfalls, dass auf beides verschieden reagieren werden kann: Man mag die Mitteilung für authentisch und aufrichtig, die Information aber für falsch halten; man mag für eine unangenehme Nachricht dankbar sein; man mag die Tatsache für belanglos, aber die Mitteilung trotzdem für ärgerlich halten.
Entsprechend kann ein Sinnerleben zustande kommen, das sich nicht kommunizieren lässt, weil die Behauptung einer Differenz von Mitteilung und Information sich in Bezug auf diesen Sinn selbst zerstört. Man kennt das vor allem aus verschärften Beobachtungssituationen in Intimbeziehungen, die vornehmlich auf Nicht-Reden angewiesen sind, weil beide Partner über den Sachverhalt im klaren sind. Oft ist es besser, nichts zu sagen, da ja vom Partner durch jede Mitteilung Schlüsse gezogen werden, inwiefern der andere auf seine Welt eingeht. So bringt man in Erfahrung, wie es wahrscheinlich im Gespräch weiter gehen wird, und zögert dann, etwas in Gang zu bringen, weil, wenn es erst einmal in der Kommunikation ist, nur noch schwer zu kontrollieren sein wird. Unter der Bedingung von Intimität hat jede Kommunikation einen Personbezug und trägt die Erwartung in sich, dass auch dies jeweils mitgesehen, mitberücksichtigt, mitverantwortet wird.
Ähnliches dürfte für eine Beanspruchung einer Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik gelten, was daran liegen kann, dass mithilfe dieser Semantiken jeder Gegenstand analysiert, jedes Thema anschlussfähig und schließlich die ganze Welt kommunikabel wird. In der Intimbeziehung mag es die Vollinklusion aller Beteiligten sind, welche die Inkommunikbalität verstärkt; für alle anderen, nicht direkt auf Interaktion angewiesene Kommunikaiton dürfte aber gelten, dass durch eine erfolgreiche Semantik, die eine Thematisierung aller Dinge zulässt, Beschränkungen der Anschlussfindung so eng geführt werden, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit immer solche Anschlüsse weitere Anschlüsse nach sich ziehen, die garantiert dasjenige Beobachtungsdefizit wiederholen, das mit der Differenz von Mitteilung und Information vermieden werden sollte. Gemeint sind damit Sätze wie „Ich meine das jetzt nicht persönlich, aber…“ , „ich bin kein Rassist, aber…“, „ich meine das ganz wertneutral“ oder auch Beteuerungen von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit fallen darunter. Aber auch die Einforderung von Sachlichkeit fällt darunter oder Appelle an Vernunft und Moral. Paradox formuliert: man kann darüber nicht mehr reden, sobald darüber einer Weise geredet wird, die das zu behandelnde Defizit mit Sicherheit wiederholt.
All dies lässt auf Absichten schließen, von welchen vorher nicht genau gewusst wird, wie sie sich anschließend zeigen werden. Damit bezieht sich die Zuschreibung von „Absicht“  immer auf einen kleinen Selektionsraum, in dem man über Ursache/Wirkungs-Beobachtungen zweckmäßig disponieren kann. Absicht ist wäre damit der Versuch seine Handlungen so zu wählen, dass sie auf einen Zweck hin gerichtet werden. Dieses „Auf einen Zweck hin ausrichten“ passiert dann natürlich im Rückgriff auf individuell zugängliche Kapazitäten um Ursache/Wirkungskalküle aufzubauen. Und solche Ursache/Wirkungskalküle sind in den konventionellen Verbreitungsmedien Fernsehen, Radio, Zeitungen höchst selektiv und deshalb erfolgreich, weil erprobte Exklusionsregeln verbreitet sind, die eine sehr hohe Trefferquote der Erwartbarkeit von spezifischen Kommunikation ermöglicht. Man denke dabei nur an das Antwortverhalten von Politikern in Interviewsituationen, welches fast nie eine Anwort auf die gestellt Frage erbringt.
Mit dem Internet ist für die Durchhaltbarkeit einer überkommenen Semantik eine ganz andere Ausgangssituation geschaffen, welche zunächst darin besteht, die bekannte Situation zu verschärfen und die Strukturen zu überfordern. Die Nischen der Beteiligung an der Internetkommunikaiton sind  sehr viel situativer, viel impulsiver, viel individueller. Und der Grund etwas zu lesen oder zu schreiben ist nicht nur ein sachlicher, sondern eventuell auch ein Ästhetischer. Und vor allen Dingen gibt es keine regelfähigen Ausgangspunkte mehr, die die Erwartung von Sachlichkeit noch rechtfertigen könnten.
Die Art und Weise wie Lesestoff im Internet seine Leser findet und ggf. dessen Blick auf weiteren Lesestoff verändert, kann man auf keiner Seite, weder auf Seiten des Lesers noch auf Seiten der Schreibenden auf „Absicht“ zurechnen, zumindest immer weniger, wenn überhaupt jemals richtig. Die Schablonen mit denen wir über die Welt schreiben, auf die Welt Bezug nehmen werden vielfältiger, teilweise stumpfer, teilweise elaborierter, teilweise überhaupt erst kombinationsfähig.
Die Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik ist darum paradoxerweise immer noch die „Killerapplikation“ für das Internet.
Fortsetzung folgt.

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