Differentia

Die Metamorphosen des Trolls

Eine Bemerkung zur aktuellen Diskussion von Thorsten K.:

Um zu einigen Gedanken der Trollproblematik zurück zu kehren: Die Überforderung der Kommunikation durch Trolle und deren Metamorphosen könnten wir mit Durkheim als eine Situation der wahgenommenen Anomie kennzeichnen, in der Verwirrung über soziale und/oder moralische Normen herrscht, in der diese Normen unklar sind und – hier ja vor allem – in der die Gruppe nur sehr begrenzte und/oder überhaupt keine Filter besitzt sowie Stoppregeln, um sich selbst zu regulieren. Gleichzeitig eine Variation der Münchhausen-Paradoxie..der Sumpf, die Haare und das Selbst. Anomie war bei Durkheim als Erklärung für „abweichendes Verhalten“ beschrieben worden (wobei abweichend wieder diese merkwürdige Ontologie einer stabilen Beobachtung voraussetzt, mit der wir Heute so unsere Schwierigkeiten haben), als dessen extremste Form der Selbstmord beobachtbar wird. Man bräuchte also eine Anomietheorie der Trollkommunikation, in der Selbstmord eine der möglichen Verläufe darstellt, und zwar sowohl für den Troll wie auch für die Gruppe insgesamt oder sogar – im Super-GAU Szenario – der Exodus für eine „Kommuikationskultur“ als soziale Form.

Zu klären wäre dann, ob der Troll einen egoistischen Selbstmord oder einen altruistischen Selbstmord begeht, ob er sich wie ein Alkoholabhängiger, dessen Selbstkybernetik (vgl. Bateson, Ökologie des Geistes) aus dem Ruder läuft, in der Kommunikation verliert oder ob es nicht vielmehr so ist, dass dessen Selbstmord letztlich für die Gruppe funktional ist, also die Gruppe in diesem Fall nur die Troll-Rolle definiert, sie besetzt um sich anschließend durch die Beobachtung des Trolls „selbst zu finden.“ Wenn es ein egoistischer Selbstmord ist, dann ist die Aufforderung „sei kein Troll“ oder „don’t feed the trolls“ in etwa so hilfreich wie wenn eine Gesellschaft dem Alkoholiker zuruft „höre auf Alkoholiker zu sein“ oder wenn sie versucht, das Alkoholismusproblem durch Verkaufsverbote abzuwürgen… (während der Prohibition wurde mehr Alkohol getrunken als vorher, weil die knappe Verfügbarkeit und der „Regelbruch“ selbst noch als Anreiz funktionierten, der den Schwarzmarkt boomen ließ sowie das soziale Prestige der Regelbrecher, die heimliche Verehrung der Regeltreuen etc.)

Robert K. Merton ist auch ganz interessant in diesem Kontext, denn der hat Durkheims Anomiekonzept mit dem Begriff der Dissoziation verbunden: ein Auseinanderbrechen kultureller Ziele/Projektionen einerseits und dem Zugang bestimmter sozialer Schichten, heute vielleicht eher zu dazu notwendigen Mitteln andererseits, die er mit fünf Reaktionsweisen in Verbindung bringt: Konformität, Innovation, Ritualismus, Rückzug und Rebellion. Vielleicht kann man in der Trollkommunikation viele dieser Verhaltensweisen beobachten, die Frage wäre dann, ob sich die Kommunikation auf einen oder vielleicht zwei dominate Reaktionen begrenzen lässt. Dann wäre das Phänomen sozial erwartbar und man könnte „Bearbeitungsroutinen“ anwenden, die dem Moderator oder einem Blog-Owner zufällt, oder ob sich diese Reaktionen notwendig selbstreferent hochschaukeln … dann wird es tatsächlich inflationär bis zum Exodus.

(1) Der Alkoholiker kämpft mit den Unannehmlichkeiten der Nüchternheit bis zu einem kritischen Punkt, an dem er die Erkenntnistheorie der ‚Selbstkontrolle‘ völlig zugrunde gerichtet hat. Dann betrinkt er sich – weil das System stärker ist als er und er sich ihm ebensogut ausliefern kann (2) Er arbeitet weiter wiederholt daran, betrunken zu werden, bis er beweist, daß es ein noch größeres System gibt. Dann begegnet er der Panik, ‚am Ende zu sein.“ (Gregory Bateson, 1972: Ökologie des Geistes, Suhrkamp: S. 427)

 

Die diabolische Falle und der transzendentale Vermeidungsirrtum 3

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Der von mir bezeichnete „transzendentale Vermeidungsirrtum“ ist das, was sich auf der Außenseite der Dokumentform zeigt und was man nur beobachten kann, wenn man die Beobachtungsmöglichkeiten zulässt, wie sie durch die Dokumentform entstehen.  Dazu gehört vor allem, dass dieser Irrtum nicht als Irrtum zur Welt gekommen war, sondern als eine höchst überraschende und enorm faszinierende Lösung für Probleme, die durch die stratifizierte Gesellschaftsform überliefert wurden. Diese kannte keine Dokumente. Für sie war die Dokumentform selbst nur die Außenseite ihrer eigenen Problembehandlungsroutinen, die sich in ihrem Selbstbeschreibungsprogramm niederschlugen und durch welche diese Außenseite sich peu á peu als ein Problem aufdrängte, das der Behandlung bedurfte. Dafür mussten aber erst die Freigabeformalitäten in der Gesellschaft verbreitet sein, damit man das, was sich durch das Selbstbeschreibungprogramm als Zivilisationsstolz manifestierte, für die Nachfahren zur Verhandlungssache werden konnte.
Dieses Selbstbeschreibungprogramm der stratifzierten Gesellschaft zeigte ich in der Behandlung der Form des Monuments, welches die Wahrheit (Gesetz, Logos, Gottes Wille) apriori behandelte und Irrtum ausschloß und durch diesen Ausschluss lernte, ihn auf der Innenseite der Form zu behandeln; bekannt als aristotelische Tradition. Diese Monumentform hatte sich im Laufe eines langen Entwicklungsprozesses in ein Medium aufgelöst, dessen Elemente zur neuen Formenbildung genutzt wurde, nachdem sich zeigte, dass alle Wahrheit kontingent ist. Dieser Lernprozess war spätestens mit der Reformationszeit abgeschlossen, bzw besser: war auf einen Punkt gekommen, der all die Irrversibilitäten der Evolution schließlich unter andere Bedingungen stellte.
Das ist natürlich alles sehr grob formuliert und soll nur dem Zweck dienen zu zeigen, dass die Evolution von Gesellschaft immer durch historische Voraussetzung geschieht, die erst nach und nach durch einen Abbauprozess  entweder vergessen oder als Strukturen überliefert werden, die als Ruinen nur noch schwer eine Ahnung davon geben, was ehedem die Menschen beschäftigte. Ein prominentes Beispiel: die katholische Kirche, in welcher praktisch das antike Römische Weltreich als Ruine erhalten geblieben ist. Tasächlich aber sind solche Reststrukturen in der Gesellschaft ständig beobachtbar; man denke allein an unsere Sprache oder auch ganz banale Alltagsdinge oder Verhaltensweisen, so z.B das Nicken und Schütteln mit dem Kopf, um Zustimmung oder Ablehnung zu signalisieren. Aber wichtig: diese Reststrukturen sind anderen Verhältnissen ausgesetzt, durch welche sie weiterhin reproduziert werden und durch welche sie dann noch, und dann auch anders interpretiert werden können. Und das wichtigste Beispiel in diesem Zusammenhang: „Wahrheit“. Noch immer kennen wir Wahrheit, noch immer ist darüber ein Gespräch, ein Diskurs möglich, was daher daher kommt, dass sie verhandelt werden darf, dass also die Kontigenz selbst für einen Wahrheitsdiskurs gar kein Hindernis darstellt, sondern im Gegenteil für diesen Diskurs selbst als kontingent behandelt werden muss, damit der Diskurs funktioniert. Das erklärt dann auch, weshalb wir immer noch Wahrheit erkennen, aber doch nur schwer damit zu recht kommen, wenn es darum gehen müsste, sie apriori zu verstehen. Das geht jetzt nicht mehr. Wir erkennen und verstehen Wahrheit, aber definieren können wir sie nicht. Das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium Wahrheit stammt aus einem älteren Stadium der Evolution und ist erarbeitet, geformt und verbreitet worden zu einer Zeit als sie selbst zwar durch Latenz gestüzt in der sozialen Alchemie verhandelt wurde, aber nicht so, dass es bemerkbar war, weil die Außenform des Monuments, die Kontingenz der Wahrheit, vermieden werden musste. Die Ketzverbrennung zeigen uns dies, denn die Ketzerverbrennung waren gleichsam die empirische Art und Weise, das Problem zu behandeln, bzw.: es zu vermeiden.

Die Unterscheidung von Medium und Form, wie Niklas Luhmann sie verwendet hat, liefert einen sehr interessanten Ansatz für die Beschreibung von Werden und Vergehen. Der Erkenntnisreichtum von Forschungen, die auf diese Weise kulturelle Evolutionsprozesse beschreiben, dürfte man dabei kaum gering schätzen können. Noch ein kurzes Beispiel: das, was ab dem 18. Jahrhundert als „Aberglauben des Volkes“ beschrieben wurde, war durch die Verbürgerlichung der Wissenschaften entstanden, die zur Vergewisserung über ihre Selbstbeschreibung ein Material heran gezogen hatte, das aus der vorher gehenden Gesellschaft stammte und als Restbestand der aristotelischen Tradition erhalten geblieben war, aber jetzt anders betrachtet wurde. Dieser Aberglauben war nämlich nun eine schwache, weil triviale Form – also Element eines Mediums – geworden, die nun von dem sich sich zeigenden transzendentalen Subjekt benutzt wurde, um seine eigene Leistungsfähigkeit, kognitive Stärke und soziale Selbstverwirklichung zu trainieren. Man schätze nun die Dummheiten und Abwegigkeiten des Volkes nicht mehr, weil man auf eine Spur gekommen war, die auf etwas Härteres,Festeres zeigte, aber um dies in Erfahrung zu bringen, war ein hoher Aufwand nötig, der nur gelang, solange der Findungs- und Gestaltungsprozess der transzendentalen Subjektivität nicht selbstreferenziell beobachtbar war. Deshalb sammelte man Beweise, Erklärungen, Widerlegungen um die Überlegenheit der modernen Wissenschaft und Philosophie zu demonstrieren. Und sobald das gelang passierte es auch, dass dieser Aberglauben und das ganze Volkstum romantiziert wurde, also zu einer verblassenden Erinnerung an einer vergangene Zeit degenerierte.

Meine These lautet: etwas vegleichbares geschieht gegenwärtig mit der Dokumentform und der transzendentalen Subjektivität, indem dieses Subjekt anfängt, sich selbstreferenziell zu beobachten.

Fortsetzung folgt.

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