Differentia

Legitimationsprobleme #bankenkrise #schuldenkrise

Als 2008 die Bankenkrise deutlich machte, wie sehr die Legitimation der Renditevorbehalts der Banken an Überzeugungsfähigkeit verloren hatte, lag der Gedanke nahe, dass mit diesem Legitimationsschwund auch die Staaten in eine Legitimationskrise hinein gezogen werden würden. Der Renditevorbehalt der Banken ist ja gleichsam eine Art Arbeitsverbot für alle, das man nur überwinden kann, wenn für eine gewerbliche Tätigkeit Kredite gegeben werden. Erst die Kreditvergabe und damit der Nachweis über ein lohnendes Geschäft stellt praktisch die Erlaubnis zur gewerblichen Tätigkeit dar, weil damit garantiert ist, dass die Banken zuerst und vor allen anderen genug und in der Logik des Wachstumszwangs immer mehr verdienen. Kann eine Bank an einem Geschäfts nichts oder nicht geng verdienen, gibt’s keine Kredite. Und dann auch kein Geld. Damit stellt die Überwindung diese Art des Arbeitsverbots die entscheidene Erfolgsbedingung für Investionen und damit auch für jede Arbeit dar, wobei die Überwindung dieses Verbots nur eine Frage der sozialen Verteilung von Wahrscheinlichkeiten ist, die im Vermögen, im Willen und in den Absichten von Menschen keineswegs ihre Ursache haben. Daraus ergibt, dass weder Karrieren noch Arbeitslosigkeit von Menschen selbst gemacht sind, sondern nur das wahrscheinliche Ergebnis von sozialen Chancen der Überwindung des Arbeitsverbots.
Die Legitimation, welche identisch ist mit der Selbstbeschreibung der Finanzwirtschaft, ist eine andere. Sie bezieht sich auf die Freiwilligkeit von Wirtschaftssubjekten, die durch rationales Handeln auf vertraglicher Basis Geschäfte eingehen und damit ihre Gewinne durch die Akzeptanz von Risiken legitimieren. Wer das Risiko für das Scheitern von Geschäften trägt, habe angeblich auch das legitme Recht auf Gewinn.
Die Bankenkrise brachte diese Legitimation in Schwierigkeiten, ohne damit gleichwohl die Finanzwirtschaft in Schwierigkeiten zu bringen. Seitdem ist bekannt, dass sie auch ohne diese Legitimation so funktioniert, wie sie funktioniert. Und es kam heraus, in welche Schwierigkeiten die Staaten kommen könnten, wenn die Banken in Schwierigkeiten kommen, sobald sie durch ihr eigenes Versagen keine Kredite mehr vergeben würden: alle gewerbliche Tätigkeit ist von Krediten abhängig, die nur die Banken vergeben können, woraus sich andersherum das Arbeitsverbot ergibt, dass mit dem Kreditmonopol der Banken durchgesetzt wird. Gibt es keine Kredite mehr, kann nicht mehr gearbeitet werden.
Für die Staaten dürften solche Aussichten katastrophal sein. Und könnte man daraus nicht den Schluss ziehen, dass mit dem Legitimationsverlust der Finanzwirtschaft auch zugleich die Staaten ihre Legitimation, wenn nicht sofort verlieren, so doch wenigstens ebenfalls in eine Krise der Legitimierung ihrer Macht hinein schlittern. Aber wie?
Der Vorschlag des griechischen Ministerpräsidenten Papandreou über eine „Volksbefragung“ weist in diese Richtung. Es handelt sich dabei nicht nur um einen propagandistischen Schachzug, um den eigenen Machterhalt zu retten, sondern um die konsequente Erprobung der Haltbarkeit von Legitimierungen, was man an den Reaktionen auf diesen Vorschlag ablesen kann. Diese Irritationen, wie sie sich an den Börsen genau so wie in den politischen Gremien zeigten, machten deutlich, wie wenig bislang eine bedeutende Karte berücksichtigt wurde. Hier wird „Demokratie“ beinahe überraschend als Joker eingebracht. Zwar wird eine solche Volksbefragung auf den Fortgang der Verwicklung in die Schuldenfalle keine Auswirkung haben, allein, die relevanten Auswirkungen bestehen in der Steigerung eines Verdachts: kann es sein, dass an Demokratie, so viel auch immer davon geredet wurde, ernstlich niemand gedacht hatte?
Könnte es sein, dass mit diesen Legitimierungsschwierigkeiten, die in der Folge ja zunehmen werden, wenn die Krisensymptome sich verschärfen, auch zutage treten könnte, worin eigentlich das Problem besteht? Das Problem könnte dann lauten: warum sollten es nur die Banken sein, die ein Arbeitsverbot zur Sicherung ihres Renditevorbehalts durchsetzen dürfen? Warum nicht auch alle anderen „Wirtschaftssubjekte“? Was ja heißen könnte, dass auch alle anderen Kredite vergeben dürften, um dieses Arbeitsverbot zu umgehen. Warum nur Rendite zuerst für die Banken? Warum nicht auch zuerst für alle anderen?
Die Behauptung, dass nur Banken verantwortungsvoll mit der Kreditvergabe umgehen, ist nicht nach den jüngsten Erfahrungen nicht mehr glaubhaft. Denn es ist nicht erkennbar, dass Banken verantwortungsvoller wirtschaften als alle anderen.

Semantik und Inkommunikabilität

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Eine erfolgreiche Semantik ist immer auch ein Verstärker von Inkommunikabilität.
Das, was mit Inkommunikabilität gemeint ist, wird nicht vollständig erfasst, wenn man nur an die Beschränkungen des sprachlichen Ausdrucksvermögens denkt. Es geht auch nicht nur darum, dass Kommunikation Zeit braucht und die Ereignisse schneller ablaufen als die Kommunikation, so dass man schon beim Versuch, die Anschlussfindung auf den aktuellen Stand der Dinge auszurichten, unausweichlich in Rückstand geraten würde. Auch geht es bei Inkommunikabilität nicht um moralische Rücksichtnahmen, die es verhindern könnten, dass gewisse Dinge kommuniziert werden können.
Es geht vielmehr um das Problem, dass gerade der Verlass auf eine Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik einen Sinn erzeugt, der dadurch zerstört wird, dass man ihn zum Gegenstand einer Mitteilung macht. Gemeint wären damit: Ansprüche an Vernunft, Individualität, Persönlichkeit und Moral. Es geht also nicht um Sprechverbote, sondern darum, dass durch das Ansprechen derjenige Sinn zerstört wird, der gebraucht würde, um das kommunizieren zu können, worum es geht. Das wäre kurz zu erklären:
Kommunikation entsteht durch eine Differenz von Mitteilung und Information. Diese Differenz wird gebraucht, um zwischen diesen beiden Aspekten zu unterscheiden, damit  Annahme bzw. Ablehnung der durch sie mitgeteilten Selektionen erfolgen kann. So muss es durch die Kommunikation gelingen, die Selektivität der Information, z.B. durch die Isolierung von Tatsachen, von der Selektion der Mitteilung, also das, was damit gemeint sein könnte, zu trennen. Das bedeutet auch, dass auf beides beim Ablauf der Kommunikaiton reagiert und gegebenenfalls, dass auf beides verschieden reagieren werden kann: Man mag die Mitteilung für authentisch und aufrichtig, die Information aber für falsch halten; man mag für eine unangenehme Nachricht dankbar sein; man mag die Tatsache für belanglos, aber die Mitteilung trotzdem für ärgerlich halten.
Entsprechend kann ein Sinnerleben zustande kommen, das sich nicht kommunizieren lässt, weil die Behauptung einer Differenz von Mitteilung und Information sich in Bezug auf diesen Sinn selbst zerstört. Man kennt das vor allem aus verschärften Beobachtungssituationen in Intimbeziehungen, die vornehmlich auf Nicht-Reden angewiesen sind, weil beide Partner über den Sachverhalt im klaren sind. Oft ist es besser, nichts zu sagen, da ja vom Partner durch jede Mitteilung Schlüsse gezogen werden, inwiefern der andere auf seine Welt eingeht. So bringt man in Erfahrung, wie es wahrscheinlich im Gespräch weiter gehen wird, und zögert dann, etwas in Gang zu bringen, weil, wenn es erst einmal in der Kommunikation ist, nur noch schwer zu kontrollieren sein wird. Unter der Bedingung von Intimität hat jede Kommunikation einen Personbezug und trägt die Erwartung in sich, dass auch dies jeweils mitgesehen, mitberücksichtigt, mitverantwortet wird.
Ähnliches dürfte für eine Beanspruchung einer Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik gelten, was daran liegen kann, dass mithilfe dieser Semantiken jeder Gegenstand analysiert, jedes Thema anschlussfähig und schließlich die ganze Welt kommunikabel wird. In der Intimbeziehung mag es die Vollinklusion aller Beteiligten sind, welche die Inkommunikbalität verstärkt; für alle anderen, nicht direkt auf Interaktion angewiesene Kommunikaiton dürfte aber gelten, dass durch eine erfolgreiche Semantik, die eine Thematisierung aller Dinge zulässt, Beschränkungen der Anschlussfindung so eng geführt werden, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit immer solche Anschlüsse weitere Anschlüsse nach sich ziehen, die garantiert dasjenige Beobachtungsdefizit wiederholen, das mit der Differenz von Mitteilung und Information vermieden werden sollte. Gemeint sind damit Sätze wie „Ich meine das jetzt nicht persönlich, aber…“ , „ich bin kein Rassist, aber…“, „ich meine das ganz wertneutral“ oder auch Beteuerungen von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit fallen darunter. Aber auch die Einforderung von Sachlichkeit fällt darunter oder Appelle an Vernunft und Moral. Paradox formuliert: man kann darüber nicht mehr reden, sobald darüber einer Weise geredet wird, die das zu behandelnde Defizit mit Sicherheit wiederholt.
All dies lässt auf Absichten schließen, von welchen vorher nicht genau gewusst wird, wie sie sich anschließend zeigen werden. Damit bezieht sich die Zuschreibung von „Absicht“  immer auf einen kleinen Selektionsraum, in dem man über Ursache/Wirkungs-Beobachtungen zweckmäßig disponieren kann. Absicht ist wäre damit der Versuch seine Handlungen so zu wählen, dass sie auf einen Zweck hin gerichtet werden. Dieses „Auf einen Zweck hin ausrichten“ passiert dann natürlich im Rückgriff auf individuell zugängliche Kapazitäten um Ursache/Wirkungskalküle aufzubauen. Und solche Ursache/Wirkungskalküle sind in den konventionellen Verbreitungsmedien Fernsehen, Radio, Zeitungen höchst selektiv und deshalb erfolgreich, weil erprobte Exklusionsregeln verbreitet sind, die eine sehr hohe Trefferquote der Erwartbarkeit von spezifischen Kommunikation ermöglicht. Man denke dabei nur an das Antwortverhalten von Politikern in Interviewsituationen, welches fast nie eine Anwort auf die gestellt Frage erbringt.
Mit dem Internet ist für die Durchhaltbarkeit einer überkommenen Semantik eine ganz andere Ausgangssituation geschaffen, welche zunächst darin besteht, die bekannte Situation zu verschärfen und die Strukturen zu überfordern. Die Nischen der Beteiligung an der Internetkommunikaiton sind  sehr viel situativer, viel impulsiver, viel individueller. Und der Grund etwas zu lesen oder zu schreiben ist nicht nur ein sachlicher, sondern eventuell auch ein Ästhetischer. Und vor allen Dingen gibt es keine regelfähigen Ausgangspunkte mehr, die die Erwartung von Sachlichkeit noch rechtfertigen könnten.
Die Art und Weise wie Lesestoff im Internet seine Leser findet und ggf. dessen Blick auf weiteren Lesestoff verändert, kann man auf keiner Seite, weder auf Seiten des Lesers noch auf Seiten der Schreibenden auf „Absicht“ zurechnen, zumindest immer weniger, wenn überhaupt jemals richtig. Die Schablonen mit denen wir über die Welt schreiben, auf die Welt Bezug nehmen werden vielfältiger, teilweise stumpfer, teilweise elaborierter, teilweise überhaupt erst kombinationsfähig.
Die Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik ist darum paradoxerweise immer noch die „Killerapplikation“ für das Internet.
Fortsetzung folgt.

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