Die Inkommunikabilität von Gleichheit und Gerechtigkeit

von Kusanowsky

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Bei Wikipedia kann man lesen, dass die Bezeichnung „Elferrat“ als karnvevalistische Institution während der napoleonischen Besatzung im Rheinland eingeführt wurde, indem die Revolutionslosung „Egalité, Liberté, Fraternité“ verballhornend als Abkürzung benutzt wurde: ELF . Der Ausdruck „Verballhornung“ bezeichnet, als Anlehnung an den Namen des Druckers Johann Balhorn aus dem 16. Jahrhundert, den Effekt der „Verschlimmbesserung“: Indem man versucht, einen Druckfehler zu korrigieren, wird der Fehler unbemerkbar, weil die Sinnverfremdung durch die Verbesserung so groß wird, dass man anschließend den Druckfehler gar nicht mehr bemerkt. (Der Ausdruck „Verballhornung“ ist übrigens selbst eine Verballhornung, konnte der tüchtige Drucker Balhorn doch eigentlich selbst nichts dafür.) Es kann es zu einer vollständigen semantischen Verschiebung kommen, die erst dann auffällt, wenn man Rezeptitonsketten zurück verfolgt. Ein bekanntes Beispiel für eine solche Verballhornung ist der Sylverstergruß „ein guter Rutsch“. Dabei handelt es sich um die Übernahme einer jiddischen Redewendung, in welcher mit „rosch“ ein guter Anfang gewünscht wurde. Die Verballhornung machte aus „rosch“ „Rutsch“ und bezieht sich damit doppeldeutig auf die winterliche Wetterlage und auf diesen Sylvester-Gruß.
Leider gibt es wenig Zeit, sich mit dieser Thematik intensiver zu beschäftigen. Täte man dies, würde man feststellen, wie häufig und wie unverzichtbar solche Verschiebungen sind. Daher kommt es auch, dass man solche Verschiebungen, die ja immer auch Verschmelzungen von Sinngehalten sind, nur schwer erklären kann. Das, was zum Zeitverlust führt, führt auch zu solchen Verschiebungen: Die Kommunikation geht immer schneller voran als man ihr folgen könnte, weshalb ihre Folgen immer wieder überraschend erscheinen und dann niemand mehr weiß, wie es dazu kommen konnte.
Jedenfalls scheint gerade im Umkreis der Piratenpartei eine recht interessante Diskussion voranzuschreiten, in welcher man eine rechtzeitige semantische Verschiebung der Revolutionsslosung „ELF“ bemerken könnte, wenn man nur genügend Zeit hätte, diesen Verballhornungsprozess im einzelnen zu studieren; eine Unmöglichkeit, die auch dadurch vergrößert wird, dass jede Beobachtung dieses Prozesses diesen Prozess mit beeinflusst.
Eine kurze Chronik der Diskussion: Nach einem Vortrag von Julia Schramm anlässlich einer Veranstaltung der Piratenpartei veröffentlichte dieselbe bei Telepolis einen Artikel, indem welchem zum wiederholten Male aussichtslos versucht wurde, in das Gespräch mit Internetusern über Feminismus etwas Klarheit einzubringen. Dass dieser Versuch gescheitert war, kann man nun am nächsten Versuch ablesen: Jörg Friedrich versucht im „Freitag“ unter dem Titel „Die Identitätsfalle“ die Beobachtungsdefizite bei Julia Schramm zu beheben. Und dass auch er daran scheitern wird, hängt mit den eigenen Beobachtungsdefiziten zusammen, die man bei Jörg Friedrich fest stellen kann: Er argumentiert, dass aus der Zurechnung von Identitäten immer wieder Konflikte resultieren. Daher schlägt er vor, dass zur Lösung solcher Konflikte ein Dritter tauglich sein könnte, der allerdings, diese Betrachtung fehlt bei Friedrich, niemals verhindern kann, selbst als Identität beobachtet zu werden.
Man sieht also, dass dieser Vorschlag zur Lösung des Problems gar nicht tauglich ist, weil er nur das Beobachtungsdefizit wiederholt, indem die Selbstwidersprüchlichkeit der Beobachterposition ignoriert wird. Die Inkommunkabiltität von Gleichheit und Gerechtigkeit wird damit nur wieder verstärkt, und zwar gerade dadurch, dass beides wieder und wieder in die Kommunikation gelangt. Denn was könnte über Gleichheit noch kommuniziert werden, wäre sie hergestellt? Wenn also der Unterschied verschwunden wäre um den es geht? Das selbe gilt für Gerechtigkeit. Woran merkt man, dass einem Gerechtigkeit widerfährt, wenn die Ungerechtigkeit verschwunden wäre? Und: ist jemals Gerechtigkeit entstanden oder Gleichheit? Und wenn ja, wer hat das gemacht und wie? Welches geniale Vermögen besitzt ein Subjekt, das solches könnte? Und wenn man ein solches Genie identifizieren könnte, warum es nicht gleich zum Königsphilosophen erheben? Man merkt: irgendwie geht das alles nicht. Aber das hindert gleichwohl niemanden daran, eine Defizitbehandlung weiter zu betreiben, weil die Annahme hartnäckig genug bleibt, derzufolge diese Defizite auf menschliches Versagen zurück zu führen wären.

Und da Argumente nicht weiter helfen, muss die Kommunikation auf etwas anderes achten. Vielleicht darauf, wie das Problem anfängt dadurch zu verschwinden, dass es durch Verballhornung semantisch verschoben wird. Einen ersten Versuch dazu konnte man bei Julia Schramm festellen: statt von Feminismus zu sprechen, wäre es vielleicht besser den Ausdruck Equalismus zu benutzen; und statt „Benachteiligung“ „Nerdismus„? Wie auch immer das ausgehen wird, eines könnte man schon bemerken: dass das Recht, sich ungerecht behandelt zu fühlen, anfängt, gerecht auf alle verteilt zu werden. Im Grunde hat es daran bislang nie gefehlt, denn die einzige Gerechtigkeit, die bislang empirisch möglich war, war die Ungerechtigkeit für alle.  Interessant ist aber, dass ein Recht darauf, als benachteiligt zu gelten, inzwischen gegenseitig zugestanden wird. Wer hätte das gedacht? Dass Emanzipation auch darin bestehen kann, sich gleichberechtigt als ungleichberechtigt zu verstehen?

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