Zur Semantik von Rationalität und Subjektivität

von Kusanowsky

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Für die moderne Gesellschaft hat sich die Rationalitätsemantik als eine dominante soziale Semantik etabliert, mit welcher meistenteils ein Verhältnis von Organisation und Gesellschaft beschreiben wird. Eine gesellschaftliche Normalerwartung an Organisation der modernen Gesellschaft wird im westlichen „Zentralmythos der Rationalität“ und daran anschließenden Rationalitätssemantiken formuliert und transportiert. Eine gesellschaftlche Standarderwartung gegenüber modernen Organisationen scheint zu sein, dass diese nicht auf unbestimmte Weise, nicht nach Maßgabe traditioneller Vorstellungen und nicht intuitiv, sondern rational entscheiden.

Wenn dies auch in besonderem Maße für bürokratische Organisationen gelten dürfte, so erstreckt sich diese Leitsemantik auch auf den Bereich der Organisation von Produktion und Dienstlesitung. In diesem Bereich reproduziert sich die Forderung nach möglichst rationaler Operationstätigkeit von Organisationen durch immer neue Managementmethoden und Technologieverheißungen, was insbesondere mit der Verbreitung des Internets um ein weiteres Mal betrieben wird. Und: sie reproduziert sich deshalb so hartnäckig, da alle Organisation wie kein anderer Systemtyp an der Erfüllung solcher Forderungen scheitert und gerade dadurch die Forderung nach Rationalität wachhalten kann. Aber, und das wäre gleichsam der Pferdefuß der Geschichte: mit der routinierten Forderung nach Rationalität, die einhergeht mit der ständigen Erweiterung von Wahlmöglichkeiten, werden Entscheidungsspielräume differenziert und so weit ausgedehnt, dass alle Entscheidungen immer öfter unter Bedingungen der Unsicherheit getroffen werden müssen. Die Rationalitätssemantik muss sich angesichts solcher Häufungen, will sie noch durchhaltbar sein, auch noch zur Analyse ihrer eigenen Widersprüchlichkeit eignen, indem auch Irrationales noch als rational behandelt wird, sofern sich alle Erwartungen an Rationalität auch selbsreflexiv orientieren können.

Wer ist schon verrückt, der zugibt, verrückt zu sein? Solche Zugeständnisse werde gebraucht, um einer weiteren Semantik, die genauso prominent durchgehalten wird, zu unterstützen. Gemeint ist damit die Subjektivitätssemantik, die maßgeblich verwendet wird, um Handeln zu legitimieren. Rationalität wird so mit Subjektivität zugleich erweitert und eingeschränkt: erweitert, weil alle Rationaliät damit ihr selbstreflexives Verschiebepotzenzial ausnutzt, um haltbar zu bleiben; eingeschränkt, weil damit alle Subjektivität nach bekannten Rationalitätserwartungen wieder kritisierbar wird. Rationalität und Subjektvität sind darum nicht zufällig ein gleichzeitiges Ergebnis, das in der Ausformulierung einer Transzendentalphilosphie eine bis dahin härteste Form gefunden hatte.

Für die Entwicklung der modernen Gesellschaft dürfte sicher gelten, dass mit der reflexiven Modernisierung (Ulrich Beck) eine ernsthafte Belastungsprobe unternommen werden musste, welche die Elastizität dieser Semantiken genauso beobachtbar macht wie ihre Rigidisierung. Aber der interessantere Punkt scheint zu sein, dass in der Folge beider Struktureffekte die Verdrängungsleistungen offenbar werden, die mit der erfolgreichen Durchsetzung dieser Semantiken entstehen. Denn wo immer sich Semantik dazu eignet, das Unterscheidungsverhalten so zu dirigieren, dass mit einer hohen Wahrscheinlichkeit stets die gleiche Seite einer Unterscheidung anschlussfähig wird, wird immer auch das, was so als alles andere augeschlossen wird und latent verbleibt, zur immer dringlicher werdenden Fragestellung und damit als Anschlussmöglichkeit wahrscheinlich. Alle Semantik liefert damit immer genügend Möglichkeiten der steuerbaren Anschlussfindung, die bei Erfolg, und erst recht bei zunehmender Unsicherheit ihrer Folgewirkungen, immer auch auf die Latenzen, psychoanalytisch formuliert: auf das Verdrängte verweist. Wobei das Verdrängte bei der Rationalität gar nicht die Irrtationalität ist, da diese selbst reflexiv genauso rational behandelt wird, wie alles andere auch. Vielmehr scheint es sich bei dem Verdrängten um dasjenige Beobachtungsschema zu handeln, das die Unterscheidung von rational und irrtational attraktiv macht. Damit wäre der Unterschied gemeint, der diesen Unterschied deutlich macht. Ersterer kann dann nicht in letzterem aufgefunden werden, ist nicht darin enthalten, ist als weder rational noch irrational. Die Latenzen verweisen darauf, dass die Entscheidungsalternative verworfen werden müsste, um verstehen zu können, warum gerade diese Unterscheidungmöglichkeit die Problemstellung definiert.
Die Rationalitäts- und Subjetivitätsemantik ist aber für solche Überlegungen nur schwer geeignet. Damit ist nicht gemeint, man könne mit ihr nicht auf Kontingenz reagieren. Ganz im Gegenteil. Vielmehr sind an diese Semantiken immer Erwartungen geknüpft, die den Unterschied von Referenzierbarkeit und Arbitrarität verdeutlichen. Dabei ist es ausgerechnet wohl diese Unterscheidung, welche die Rationalitäts- und Subjektivitätssemantik so erfolgreich macht. Ihr Erfolg ist zugleich das Ausmaß ihrer Fähigkeit zur Verdrängung alles anderen.
Fortsetzung

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