Anfangsparadox

von Kusanowsky

Das Anfangsparadoxon besagt, dass man, wie man auch immer anfängt, bereits begonnen hat. Diese Paradoxie ergibt sich aus einer Zeitlogik, die das Axiom formuliert, zuvor geschehe etwas Bestimmtes und danach etwas weiteres, und es könnte angeblich nicht schon vorher geschehen sein, was erst nachher geschieht; etwas könnte also nicht anfangen, wenn es längst begonnen hat. Denn wenn man unterstellte, jeder Ansatz habe bereits eingesetzt, und jeder Anfang immer schon begonnen, würde man diese Logik hintertreiben und die streng unterschiedenen Zeiten von Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderbringen, was letztlich jeder Evidenz widerspricht.
Wie auch immer man es drehen und wenden will, gelöst werden kann der Evidenzcharakter dieser Zeitlogik nur dadurch, wenn man bemerkt, durch welche spezifische Beobachtungsweise sich diese Zeitlogik als evident herausstellt. Oder so gefragt: Was wird durch Aussschluss eingeschlossen, wenn man postuliert, dass eins nach dem anderen geschehe?

Die Antwort lautet: Gleichzeitigkeit. Und insofern ist dann weniger die Frage interessant, wie man das Problem umformen muss, damit die Paradoxie verschwindet, sondern mehr, auf welche Probleme man sich einlässt, wenn man leugnet, dass alles, was geschieht, gleichzeitig geschieht.

So gewinnt man dann auch Einsicht in die Rätselhaftigkeit des Anfangsparadoxons und darin, wie Geheimnisse entstehen. Denn tatsächlich: Wie kann ein Paradoxon zur Welt kommen, ohne diese Welt gleichsam in sich hineinzuziehen und zu verschlingen wie ein schwarzes Loch?

 Wie kann die Kommunikation die schwere Last einer Paradoxien ertragen? Auf welch’ geheimnisvolle Weise bringt sie sich in paradoxe Formen; und wie kommt sie aus diesen wieder heraus, wenn es doch heißt, Paradoxien blockierten die Kommunikation, und deshalb sei Kommunikation gezwungen, Paradoxien aufzulösen? Seitdem man systemtheoretische Überlegungen diskutiert kann man sagen kann, eine Paradoxie werde entparadoxiert, indem man Zeit einführt, indem man die Verschränkung von Operationen auseinanderzieht und beobachtet, wie durch Abschweifung, durch Verfolgung eines weiteren Unterschieds die Paradoxie verschwindet. Aber die Paradoxie scheint ein Geheimnis zu bleiben, denn wenn man an die Stelle innerhalb des Zeitverlaufs zurückkehrt, an dem sie entstanden ist, begegnet man wieder eben jener Paradoxie, die man zuvor noch glaubte, enträtselt zu haben. Auch hier wird wieder deutlich, wie Geheimnisbildung funktioniert: man könnte angeblich im Zeitverlauf zurück kehren, etwa, indem man die Zeilen eines Texte zurück verfolgt bis an die Stelle, wo die Paradoxie noch evident war. Die Frage ist nicht, ob so etwas tatsächlich geht, ob man also tatsächlich in der Zeit rückwärts gehen könnte, sondern  wie und wodurch diese Behauptung selbst wieder akzeptabel erscheint. Akzeptabel wird dies durch eine sich auf selbe Weise erschließende Empirie, die das ermöglicht, was nicht etwa schon zuvor behauptet wurde, sondern sich zugleich durch Beobachtung bewahrheitet hat: gehe einfach in diesem Text an die Stelle zurück, an dem die Paradoxie noch eine war. Sapperlot! Empirisch ist, was man unleugbar begreifen und nachvollziehen kann. Eine Paradoxie kann also nur dann entstehen, wenn die Evidenz der Empirieform das Gegenteil von dem ermöglicht, was sie aufgrund ihres evidenten Charakters ausschließt.

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