Differentia

Der Leviathan: das Internet als Katastrophe und soziale Dämonie

Autopoiet hat gestern eine Replik geschrieben auf den Artikel von Patrick Breitenbach „Das Internet, ein konstruierter Leviathan?„. Beide, sowohl der Artikel als auch die Replik, scheinen sich trotz gegensätzlicher Ergebnisse der Urteilsbildung darin einig, gemeinsam einen blinden Fleck zu teilen; beide, indem sie lediglich auf Chancen und Risiken des Internets verweisen, auf Beobachtungsaspekte, über die ein „Für und Wider“ argumentativ verhandelt werden kann.

Breitenbach: Das Internet und all die Chancen, die damit zusammenhängen, der interkulturelle Austausch, die Wissensvernetzung, die Informationstransparenz, der freien Handel der demokratische Grundgedanke, den so viele Staatsführer schnell auf den Lippen haben, das alles wird derzeit massiv durch Angst und Kontrollmaßnahmen bedroht.Das muss aufhören. Und zwar jetzt. 

Autopoiet: Das Internet „bedroht die gesellschaftliche Ordnung und das kulturelle Niveau“ tatsächlich – das ist aber weder „abgrundtief böse“ noch ist es uneingeschränkt gut. Das ist zunächst einmal ein Faktum. Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen. Jenseits der Binärlogik von Dämonisierung und Euphorie.

„Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit“ – aber die Frage ist, ob sich die Kommunikation bewegen könnte, ohne sich zugleich von einem bewegenden Bewusstsein begleitet zu wissen (und andersherum). Tatsächlich scheinen sich Kommunikation und Bewusstsein simultan zu bewegen, ohne ihre Geschwindigkeiten allerdings koordinieren zu können. Aber auf solche Allgemeinplätze der Theorie scheint es weniger anzukommen, sondern mehr darauf, dass beide lediglich appellativ auf beobachtbare Verhältnisse reagieren. Dadurch kommt in beiden Standpunkten ein Beobachtungsverhältnis zum Ausdruck, das den Differenzen der Beobachtung nicht in der Weise gerecht werden kann, wie es den Aussagen nach angemessen erscheint. Diese Diskrepanz der „Unangemessenheit“ bezeichne ich als eine Diskrepanz, die durch ein Beobachtungszusammenhang von Verbreitungsmedien entsteht: „Gegenstand und Meinung“ können über normale Verbreitungsmedien so auseinander gezogen werden, dass „Meinung hier“ und „Gegenstand dort“ als Unterscheidungsverfahren das Medium invisibilisieren, durch das Meinung und Gegenstand in Erscheinung treten. (Das macht auch möglich, dass das Verbreitungsmedium wiederum als Gegenstand genommen wird, über das Meinung geäußert werden kann.) Möglich wird das durch Zeitverzug, aber entscheidender: normale Verbreitungsmedien lassen die Beobachtung eines „Stands der Diskussion“ zu, wenigstens, solange die entsprechende Komplexität auf bekannte und relevante Referenzen verteilt werden kann. Wenn auch schon frühzeitig im Gebrauch von Verbreitungsmedien erkannt werden konnte, dass ein vollständiger Überblick über die Diskussion nicht möglich ist, so konnte immerhin noch „Vollständigkeit“ als unvollständig einschränkend behandelt werden; und damit als ergänzungsbedürftig, als irrtumsträchtig, als differenzierungsfähig. In jedem Fall aber war die Unterscheidung von Meinung und Gegenstand deshalb hartnäckig durchsetzungsfähig, weil sie sie in jedem Verbreitungskontext als haltbar erschien, etwa durch das Interaktionsgeschehen auf Tagungen genauso wie in Vorträgen, Anhörungen, Meetings, Parlamenten und Diskussionen unter Anwesenden aller Art, deren Ergebnisse dann dokumentiert und über Druckverfahren woanders auf andere Weise verbreitbar waren.
Für eine Übergangszeit lässt das Internet die Beibehaltung einer Unterscheidung von Meinung und Gegenstand zu, indem etwa die Frage, was vom Internet zu halten sei, nicht nur über das Internet allein diskutiert werden kann. Das Interessante ist aber doch, dass das Internet diese verschiedenen Verbreitungskontexte hybridisiert: Schrift- und Bilddokumente werden über Monitore allein oder in Versammlungen gleichzeitig simulierbar; das Internet lässt Interkationen zwischen Beobachtern zu, die sich über den Unterschied von Ab- und Anwesenheit irritieren können, ohne sich auf die Eindeutigkeit von An- und Abwesenheit verlassen zu müssen. (Siehe dazu: „Interaktion als Kommunikation zwischen absentierenden Beobachtern„). Insbesondere dann, wenn man über das „real-time-internet“ nachdenkt, wird man feststellen, dass die Unterscheidungsroutine zwischen Meinung und Gegenstand keine Relevanz mehr besitzt, weil sich alle Reproduktionsstrukturen auf die Erwartung ihrer Gleichzeitigkeit anpassen. Über den Unterschied von Gegenstand und Meinung kann dann zwar immer noch geredet werden, aber dann differenzieren sich Beobachtungsroutinen heraus, die ihre Gleichzeitigkeit nicht nur deskriptiv mitthematisieren, sondern performativ auf Gleichzeitigkeit reagieren.
Letztlich heißt das auch, dass das Internet nicht einfach nur ein Verbeitungsmedium ist, das Dokumente zu Zwecken der Urteils- und Meinungsbildung massenhaft im Raum verteilt, was in erster Linie daran liegt, dass das Internet den Raum, über den es sich erstreckt durch seine Verfahrensweise selbst simuliert (oder, wie man verlegenheitsmäßig sagen würde: virtualisiert.) Verkürzt formuliert: Das Internet ist kein Gegenstand, über das man eine Meinung haben kann. Natürlich kann man es dabei belassen, lediglich Meinung zu äußern und die räumliche Verbreitung von Meinung zu simulieren. Aber kann man damit verstehen, worauf man sich einlässt, wenn man glaubt, man würde sich auf nichts anderes als auf ein Verbreitungsmedium einlassen? Dass das Internet dämonisch über die Gesellschaft herzieht kann man schon beoachten. In welcher Weise aber die damit zusammenhängende Emprieform einer funktional differenzierten Gesellschaft katastrophal auseinanderbricht, weil der Zerrüttungsprozess seit der Industrialisierung durch das Internet auf einen Kulminationspunkt getrieben wird, kann deshalb nur schwer verstehbar – was auch heißt: empirisch gemacht werden, weil die verbindlichkeitsstiftenden Instiutionen nicht einfach ihre Verfahrens- und Unterscheidungsroutinen ändern können.
Deshalb bleibt wohl nichts anderes übrig als zu fordern: „Das muss aufhören. Und zwar jetzt“ – aber das geschieht nicht, weil mit Forderungen dieser Art das Unterscheidungsverfahren nur wiederholt wird, welches solche Forderungen möglich macht, indem eine Meinung darüber geäußert wird, wie sich der Gegestand zu verhalten habe, damit eine solche Forderung ihre Relevanz verliert.

Siehe dazu auch:
Die Katastrophe der Empirieform

Das Internet ist schlicht und einfach noch nicht erwachsen

Auszug eines Blog-Beitrags von Autopoiet vom 2. Oktober

Eine Antwort auf den F.A.Z.-Blogs-Gastbeitrag »Das Internet, ein konstruierter Leviathan?« von Patrick Breitenbach vom 01.10. 2010.

Die Frage nach dem Leviathan (der als Metapher in Anspielung auf die ↳ Schrift Thomas Hobbes’ schlicht und einfach falsch verwendet worden ist), ist bereits andernorts (1/2/3) andiskutiert worden und soll hier nicht Thema sein. Geschenkt. Auch die Reduktionen auf wirtschaftlich bzw. machtpolitisch interpretierte Kritik (»Genau diese Leuchttürme sehen sich aber in ihrer Existenz bedroht«) am neuen Leitmedium ist mir an dieser Stelle egal – obwohl ich denke, dass solche Erklärungsversuche zu kurz greifen. Nach der Lektüre des Beitrags stellt sich mir vor allem die Frage, ob die fast beiläufige Behauptung des Autors haltbar ist, derzufolge wir die Maschinen lenkten – und nicht etwa die Maschinen uns.

Die zugespitzte Formulierung ist vermutlich eine implizite Replik auf kulturpessimistische und neuromystifizierende Artikel, die nahezu alltäglich abgespult werden (zuletzt und besonders unrühmlich: »Denken, wie das Netz es will« von Uwe Jean Häuser in DIE ZEIT 39 vom 23. September 2010, S. 26f., online) und in diesem Kontext sicher ein lobenswertes Unterfangen. Trotzdem (oder gerade deswegen): die bloße Negation dummer Thesen garantiert keine Wahrheit, im Gegenteil. Wer sich zu einer Behauptung wie »Nicht die Maschinen lenken uns, wir lenken die Maschinen« hinreißen lässt, verbreitet meines Erachtens Unsinn. Man lässt dann nämlich unberücksichtigt, dass das Medium (für das Hard- und Software sowie Netzwerk zusammen gedacht werden muss – oder vielleicht noch grundsätzlicher und mit McLuhan: Elektrizität) für die Mehrheit der Nutzer opak bleibt. Das beginnt bei der Architektur der Maschine, setzt sich bei Grammatik und Wortschatz von Programmiersprachen fort und endet nicht bei (potentiellen wie faktischen) sozialen Konsequenzen unreflektierter Nutzung digitaler Technologien. Der Computer bleibt für den Großteil seiner Nutzer eine black box….

Den ganzen Artikel findet man hier.

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