Paradoxie und Geheimnis – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft 4

von Kusanowsky

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Es ist eigentlich noch gar nicht lange her, dass die Utopie einer Öffentlichkeit, der ein Vermögen zur Aufklärung gesellschaftlicher Verhältnisse zugeschrieben werden konnte, einen reflexionssteigernden Attraktor ausbilden konnte. Aber trotz aller Zumutungen entsprechender Unterstellungen, die zuweilen immer noch zu hören sind, hat eine aufklärungsbewirkende Öffentlichkeit allenfalls utopischen Charakter. Das liegt vor allem an der Vielzahl individueller Publizitätskonstrukte, die nachhaltig alle Versuche eine Welt als zusammenhangbedingtes Geschehen universalisieren zu können, unterlaufen. Statt Wissen, wie konsensfähig auch immer gedacht, verbreiten zu können, wird die Wirklichkeit von Wissen durch seine Möglichkeit ersetzt, was sich durch die Beobachtung erhärtet, dass alle Öffentlichkeit eher flüchtig herstellbar ist und aus zahllosen Kommunikationen hervor gehen kann. Massenmedien verstärken dieses Chaos durch einen ständigen und unüberschaubaren Strom von Angeboten, reduzieren allerdings auch Komplexität durch thematische Kumulation und Konsonanz, die keineswegs widerspruchsfrei ausfällt, aber wohl gerade deshalb die Wahrnhemung zu rhythmisieren vermag. Als Folge davon entsteht Öffentlichkeit allenfalls in der Entfaltung höchst widersprüchlicher Funktionen und Differenzierungen, die insbesondere Desintegration, Flexibilisierung und Individuierung sozialer Realitäten nach sich ziehen. Differenzierung und Individuierung zeigen wiederum, dass es keinen Zustand schrankenloser Öffentlichkeit gibt, sondern immer nur simultane Parallelöffentlichkeiten, deren Teilnehmer und Inhalte erheblich variieren. Sie bilden für Unbeteiligte jeweils funktionale Mysterien, oft sogar im reflexiven Sinne, wenn diesen ihre Existenz unbekannt bleibt. Trotz enorm gesteigerter Mobilität, Medienvielfalt und Dokumentpoduktion ist man nicht viel weiter gekommen als die alte Weisheit des Sokrates zu wiederholen. Unzählbare, für einanander unzugängliche Kommunikationen bilden Hindernisse, die einen Zugang zu einem Großteil des Weltgeschehens blockieren; und ein nicht zu beendender Zwang zur Steigerung der Selektivität steht eine Sturzflut von Informationsangeboten unversöhnlich gegenüber. Die Paradoxie eines Zeitalters, das einstmals viele Gründe fand für einen überschwänglichen Ausbau von Massenmedien, liegt in einem Antagonismus von universellem Öffentlichkeitsanspruch und ständig verknappender Aufmerksamkeit mit der Folge, dass Massenkommunikation nur durch temporäre Ignoranz der meisten Informationsangebote zu realisieren ist. So kann es dann kommen, dass Paradoxien, wenn sie öffentlich auftreten, wenigstens noch einen Unterhaltungswert beweisen können. Denn Öffentlichkeit und Geheimnis sind nur Begriffsgegensätze, die sich in ihrer Plausiblität gegenseitig bedingen. So setzt jede Geheimhaltung gerade die Bekanntheit dieser Tatsache voraus, und wenn man von offenen Geheimnissen und geheimen Öffentlichkeiten spricht, denkt man dabei keineswegs zuerst an skurrile Wahrnehmungsmuster, sondern an die tägliche Praxis taktvoller Tabuisierung von Themen und an die übliche Bildung kleiner Verschwörungen hinter anderer Leute Rücken. (Weiter)

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