Wissenschaft ohne Bürokratie?

von Kusanowsky

Das VroniPlag, die bekannte Plattform zur Überprüfung von Plagiaten in Dissertationen, liefert vielleicht einen Indikator für die Einschätzung einer  Problementwicklung, die durch das Internet angestoßen wird.

Das Internet ermöglicht die arbeitsteilige Zusammenarbeit über Raum- und Zeitgrenzen hinweg und erlaubt damit die in den letzten Jahrzehnten angefallene Intransparenz bürokratischer Verhältnisse an den Universitäten auf eine Weise zu behandeln, die diese Bürokratie nicht selbst leisten kann, obwohl sie sich ihrer Selbstauskunft nach genau zu diesem Zweck legitimiert. Insbesondere gilt dies hinsichtlich der Aufgabe der Professorenschaft, die wie keine andere Expertengruppe dazu befähigt sein sollte darüber zu urteilen, was wissenschaftlich korrekt ist und was nicht. Die ständig wachsende Liste der überprüften Disserationen bei VroniPlag lässt die skeptische Frage aufkommen, ob die Massenuniversität überhaupt dazu geeignet ist, das Selbstbeschreibungsprogramm der Wissenschaft plausibel zu halten. Denn Professoren werden u.a. auch bezahlt um wissenschaftliche Ergebnisse vollständig zu berurteilen. Das erstreckt sich insbesondere auf die Beurteilung der Qualität der Arbeiten, auf die Beurteilung von neuen Forschungsergebnissen. Doktorarbeiten, die aus Plagiaten bestehen, liefern keine neue Forschungsergebnisse. Das zu erkennen wäre aber die Aufgabe von Professoren. Das wäre ihr Job gewesen, nicht der von ehrenamtlich engagierten Internetnutzern.

Inwischen wurden/werden bei VroniPlag 40 Dissertationen überprüft, 10 Überprüfungen führten bislang zur Aberkennung des Doktortitels und nur in drei Fällen wurde keine Aberkennung des Doktortitels vorgenommen. Alle anderen Überprüfungen sind noch nicht abgeschlossen, der größte Teil also. Das zeigt, dass sich hier an Stau anbahnt, weil die Plagiatsüberprüfung durch die Internetnutzer schneller voran geht als die Beurteilung dieser Überprüfungen an den Universitäten. Wenn man grob davon ausgeht, dass die Wachstumsgeschwindigkeit von Überprüfungsfällen beim VroniPlag mindestens gleich bleibt, wenn nicht sogar ansteigt, und zugleich erkennbar wird, dass die Wissenschaftsbürokratie ihre eigene Überprüfungsgeschwindigkeit nicht synchronisieren kann, so dürfte hier bald ein Überhang entstehen, der an den Universitäten nicht abgearbeitet werden kann, weil Universitätsprofessoren jetzt schon kaum Zeit haben, sich um die Wissenschaft zu kümmern. Es käme jetzt für Professoren gleichsam eine weitere Aufgabe hinzu, nämlich: ihren eigentlichen Job zu machen, den sie ja, was die Liste der Plagiatsfälle zeigt, jetzt schon nicht in der Weise erledigen können wie sie es müssten. Das heißt: diese Plagiatsüberprüfung steuert auf einen (weiteren) Bürokratiestau zu.

So könnte dieses bienenfleißige Überprüfen dazu führen, dass zwar über Plagiatsfälle geurteilt werden kann, nicht aber über die Aberkennung von Doktortiteln, und damit auch nicht über Wissenschaftlichkeit der Arbeiten, weil dafür einfach keine Zeit ist. Entsprechned führt dieses Überprüfen zu nichts. Es bleibt aufgrund des Rückstaus folgenlos, wie eindeutig die Plagiatsnachweise auch immer sein mögen.
Oder an den Universitäten wird selbst eine effiziente Plagiatsüberprüfung installiert. Das aber ist wenig glaubhaft, da eine Bürokratie kaum eine Effizienzsteigerung herstellen kann, wenn genau das Gegenteil diese Probleme erzeugt.

Die Differenz zwischen den anhängigen Disserationsüberprüfungen beim VroniPlag und die Zahl der tatsächlich abgeschlossen Überprüfungen an den Unversitäten kann dann als Indikator für die Wahrscheinlichkeit einer Problemlösung genommen werden. Je größer diese Differenz wird um so wahrscheinlicher wird eine Lösung gefunden werden.

Die mögliche Lösung könnte lauten: Wissenschaft ohne Bürokratie. Warum soll der Staat eine kostenintensive und leistungsunfähige Wissenschaftsbürokratie weiter finanzieren, wenn sich zeigt, dass durch Internet eine sehr viel effizientere Leistung möglich ist? Fraglich ist allerdings, dass solche Überlegungen in der Ministerialbürokratie zu irgendetwas führen können, dürfte man doch damit rechnen, dass dort ebenfalls ein Bürokratiestau anhängig ist. Denn die Probleme entstehen ja durch eine überforderte Bürokratie.

So könnte die Vermutung lauten, dass eine Lösung erst entsteht, wenn eine Entkoppelung zustande kommt, wenn also eine doppelte Beurteilung anschlussfähig wird, indem zwischen Wissenschaftlichkeit von Erkenntnissen und ihrer bürokratischen Legitimität unterschieden wird. Eine solche Entkoppelung könnte dann auch eine Wissenschaft ohne Bürokratie befördern. Das geht aber erst, wenn erkennbar wird, dass die soziale Fruchtbarkeit von Wissen entscheidend ist und nicht seine bürokratische Eigentümlichkeit. Gegenwärtig werden daran aber noch die größten Hoffnungen geknüpft.

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