Die Freundlichkeit des Freund/Feind-Schemas #aly #kaube
von Kusanowsky
Ist es antisemitisch, wenn man das Geschäftsgebaren Mark Zuckerbergs kritisiert? Der Historiker Götz Aly behauptet das. Dem muss widersprochen werden.
Zeitungen müssen leserfreundlich sein. Diese Leserfreundlichkeit ist deshalb wichtig, da Zeitungen ein industrielles Produkt sind und nur massenweise verkauft werden können.
Diese Massenhaftigkeit ist allerdings komplexitäts- und differenzierungsfeindlich, weil es nicht um den Geschmack oder das Urteilsvermögen individueller Leser oder kleiner Gruppen gehen kann, sondern nur um statistische Durchschnittswerte, die Alter, Bildungsstand, Schichtzugehörigkeit, Konsumverhalten und dergleichen betreffen.
An solche Durchschnittwerte müssen sich Journalisten halten, da diese Durchschnittswerte gebraucht werden, um den Charakter einer Zeitung zu definieren. Die Wiedererkennbarkeit eines bestimmten Charakters ist nämlich verkaufsfreundlich. Denn ohne ausreichenden Verkaufserfolg kann sich kein industrielles Produkt lange halten.
Für Zeitungen kommt außerdem hinzu, dass sie beständig unter der Beständigkeitsfeindlichkeit der Gesellschaft leiden. Jeden Tag geschieht Anderes und Neues, das jeden Tag wahrheitsgemäß, informativ, kritisch, unterhaltsam, wirklichkeitsgetreu und zeitlich punktgenau aufgeschrieben werden muss, damit das ganze Netzwerk der industriellen Zeitungsproduktion reibungslos funktionieren kann.
Dieses beinahe reibungslos funktionierende Geschäft ist auch verbunden mit einer Kooperationsfeindlichkeit, die sich in einer Konkurrenzfreundlichkeit niederschlägt. Konkurrenz erzeugt, dass jeder Verlag das gleiche Geschäft betreibt, das gleiche Know-how binden muss und letztlich auch an dem gleichen Geld der Zeitungskäufer interessiert ist. Aber damit innerhalb einer komplexitäts- und differenzierungsfreundlichen Gesellschaft Zeitungen und ihre Inhalte überhaupt auffallen, müssen Journalisten aufmerksamkeitsfreundlich schreiben umd der Ablenkungsfreundlichkeit des Leserpublikums zu entgehen.
Diese Ablenkungsfreundlichkeit entsteht durch eine überall erkennbare Klarheitsfeindlichkeit, da es überall so viel zu lesen, zu hören und zu gucken gibt, was für die Leser bedeutet, dass eine intelligenzmäßige Unterforderungsfeindlichkeit auf eine kommunikative Überforderungsfreundlichkeit stößt, die es schließlich schwer macht, all das zu unterscheiden, was unterscheidbar ist, was letztlich auch für Journalisten gilt.
Damit also noch die Kenntlichmachung von all dem gelingt, was durch die Massenmedien selbst zerstört wird, nämlich: Übersichtlichkeit, Klarheit, Beständigkeit, Zufriedenheit, Gelassenheit, Informiertheit, müssen Journalisten einerseits eine Feindlichkeit gegen dieses Freund/Fein-Schema zeigen, weil dieses Schema ja differenzierungsfeindlich ist, andererseits aber, weil Journalisten auch differenzierungsfeindlich sein müssen, können sie auf dieses Freund/Feind-Schema gar nicht verzichten.
So zeigt sich, dass dieses ganze Geschäft absolut schlamasselfreundlich ist.
Was kann man da machen? Eine brauchbare und zuverlässige Methode besteht darin, dass sich Journalisten indifferenzfreundlich gegenüber dieser Schamasselfreundlichkeit zeigen, was deshalb geht, weil sie damit rechnen können, dass die Leser letztlich auch keine andere Chance haben als sich differenzierungsfeindlich zu verhalten. Niemand kann jeden Unterschied aufgrund einer allgemeinen Gleichzeitigkeitsfeindlichkeit bemerken.
Gerade diese Ausgangssituation, gemeint ist eine allgemeine Hoffnungsstabilisierungsfeindlichkeit, verlangt eine Deprimierungsvermeidungsfreundlichkeit. Dafür kommen verschiedene Strategien in Frage, die alle eines gemeinsam haben: eine jede Strategie muss die allgemeine Skandalfreundlichkeit ausnutzen um der Idiotiefeindlichkeit zu entgehen.
Für den deutschen Zeitungsmarkt hat sich die Antisemitsmus-Debatte als ein probates Mittel etabliert um all der Irrsinnfreundlichkeit dieser Schwachsinnsfeindlichkeit hinsichtlich des Freund/Feind-Schemas entgegen zu kommen.
Diese Antisemitismus-Debatten stellen praktisch ein gesunkenes Kulturgut dar, das in dieser Freund/Feind-Unterscheidung besteht. Früher wurde dieses Freund/Feind-Schema für eine sehr gefährliche Angelegenheit genutzt, nämlich für Kriege und Massenmord. Seitdem in Deutschland keiner mehr so einfach Kriege führen und Massenmorde begehen kann und will, stellt sich die Frage, was mit dieser Unterscheidung noch anzufangen wäre. Eine Möglichkeit besteht darin, sie zu nostalgischen Zwecken zu benutzen, um eine Erinnerung an ihrer ehemaligen Gefährlichkeit wachzuhalten, was allerdings nur unter sehr ungefährlichen Bedingungen möglich ist. Speziell auf diese Antisemitismus-Debatten bezogen heißt das, dass sie nicht nur ganz ungefährlich sind, sondern auch, dass das Freund/Feind-Schema nur noch sehr ungefähr funktioniert.
Das Freund/Feind-Schema steht also für seine Ungefährlichkeitsfreundlichkeit. Und so kann das bleiben.
@Kusanowsky : In diesem Begriffsdschungel der exotischsten Freundlichkeiten und der ausgefallensten Feindlichkeiten eine Schneise zu schlagen fehlt mir einfach die trennscharfe intellektuelle Machete 😉 – aber bei dieser Gelegenheit, (weil mir das entsprechende Kommentieren bei der FAZ eben misslungen ist, trotz Anmeldung), muss ich das eben hier loswerden:
Ich kann es nicht mehr hören (lesen), wenn sich in solch einer heiklen bis blamablen Situation, in die Henryk M. Broder sich selber auf seine bekannte (und offensichtlich bewährte Weise) hineinmanövriert hat, dann die übliche Entschuldigung aufgefahren wird. Das ist Unsinn: man kann sich bei so etwas nicht einfach selber entschuldigen, im Gegenteil: Man muss den Beleidigten oder fälschlich und überzogen Angegriffenen schlicht, offen und ohne die geringste Einschränkung bitten, er möge verzeihen. Also: Fremdreferenz statt Selbstreferenz. Verzeihen geht nur sozial und nicht autopoietisch.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders
https://twitter.com/autopoiet/status/290129694815318016
Diese zyklischen Antisemitismus-Debatten sind nicht das Ergebnis einer Gesinnungsproblematik. Vielmehr ergibt sich die Gesinnungsproblematik aus dem spezifischen Dispositiv von Massenmedien, das immer auch auf die Adressierbarkeit von Kollektivsingularen angewiesen ist.
(Siehe dazu: Reinhart Koselleck: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache. Frankfurt/M. 2006.)
Massenmedien bewirken zweierlei zugleich, nämlich einerseits eine Überinformiertheit aufgrund von Redundanzen: man weiß immer mehr als irgendwo geschrieben oder gesendet wurde; und andererseits zeigt sich durch die enorme Spreizung von Informationsstrukturen, dass jeder aufgrund von Information über nichts mehr noch informiert ist. Denn was immer massenmedial thematisierbar ist, ist niemals möglich, ohne, dass es schon irgendwo und irgendwie thematisiert wurde und entropische Beobachtungsverhältnisse bewirkt. Andernfalls würde das Dispositiv, das Massentauglichkeit als Imperativ benutzt, kollabieren. Aber dann kollabieren auch Massenmedien.
Eben dieses Dispositiv ist Ergebnis der Funktionsweise von Massenmedien und zugleich der geeignete Ausgangspunkt für ihre autopoietische Selbststabilisierung.
Diese Antisemitismus-Debatten sind darauf ideal angepasst. Sie benutzen ein Freund/Feind-Schema, das so einfach ist, dass jeder es kennt, versteht und eine Meinung dazu bilden kann, aber zugleich eröffnet dieses Schema innerhalb immer schon entfalteter Informationsstrukturen eine unüberschaubare Gemengelage, die immer wieder dafür sorgt, dass genau jene blinde Flecken entstehen, die durch Informierung aus Welt geschaft werden sollen. Ein Umstand übrigens, der – obgleich durch die Massenmedien gar nicht unbemerkt bleibt – geradezu ideal geeignet ist, die Dauerhaftigkeit der Problemsituation zu garantieren, hier ein Beispiel:
„Was helfen würde, wären Sensibilisierung und gesunder Menschenverstand. Doch auch damit sind wir in Deutschland offenbar gescheitert. 60 Jahre politische Aufklärungsarbeit, exzessiver Geschichtsunterricht in den Schulen, Claude Lanzmanns Film Shoah in den Wohnzimmern und Guido Knopp als Endlosschleife vor dem Zubettgehen haben es nicht vermocht, die Öffentlichkeit ausreichend für Verleumdung, Verhetzung und Lügen über Juden und Israel zu sensibilisieren .. “
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14882
Hier heißt es: „Was helfen würde, wären Sensibilisierung und gesunder Menschenverstand.“ Wo kommt denn der Mangel daran her, wenn nicht durch Massenmedien? Wie sollte denn sonst diese Problematik verhandelt werden, wenn nicht durch Massenmedien? So sind es gerade Massenmedien, die einerseits dieses Problem in die Welt setzen (Berliner Antisemitismusstreit, 1879: Karsten Krieger: Der „Berliner Antisemitismusstreit“ 1879 – 1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. 2 Teile. Saur, München 2003.) Und andererseits arbeiten Massenmedien hartnäckig an seiner Vermeidung. Ergebnis: Autopoiesis.
Der Appell an den gesunden Menschenverstand ist dabei geradzu niedlich, hübsch, ja, eine reine Freundlichkeit, die allerdings auch auf das Freund/Feind-Schema nicht verzichten will.
Die funktionale Analyse ist richtig. Das ändert aber nichts daran, dass gemessen an notwendig kontingenten Kriterien (die dann eben referenziert, d.i. beobachtbar gemacht werden müssen) in der Sachdimension Antisemitismus identifiziert werden kann. Dass das SWC in seiner Top Ten-Liste von Anfang an gar nicht „die zehn schlimmsten Antisemiten“ (Antisemitismus also auf Personen zurechnete) zusammengestellt hat, wie allerorts zu lesen war, sondern „anti-semitic slurs“, mithin also Entgleisungen, sprich: Kommunikation, ist ein Detail, das in der oben von Kusanowsky geradezu liebevoll beschriebenen Erregungseskalation irgendwie untergegangen ist. Man musste sich ja schnell zur verbalen Verteidigung seines Favoriten (in der dt. Presse i.d.R. also Augstein) positionieren.
Was kann aus dem Schlamassel gelernt werden?
Es ist offenbar bedenklicher als Antisemit bezeichnet zu werden als einer zu sein.
„Was kann aus dem Schlamassel gelernt werden?“ Nichts. Es wird einfach so weiter gehen. Die Antisemitismus-Debatte ist ein echter Verkaufsschlager.
Sicher. Allerdings sagt weder ihre ökonomische Verwertbarkeit noch ihre erhöhte Anschlusswahrscheinlichkeit für konfligierende Kommunikation etwas über die politische Relevanz des Staates Israel für den Weltfrieden und mehr oder weniger vorbewusste Ressentiments darüber aus (um einen der Vorwürfe gegen Augstein aufzugreifen).
Und war es nicht eben jener Herr Augstein, der in einer seiner SpOn-Kolumnen eine Inflation der Antisemitismus-Debatte befürchtete? Ein Schelm, der Böses dabei denkt…
„Die Antisemitismus-Debatte ist ein echter Verkaufsschlager“, ja, das ist sie, und nicht nur das: diese immer wieder leicht zu inszenierende, dann spielend leicht laufende und durchlaufende Debatte, sie ist vor allem eine kostengünstige Ersatzdebatte, ein Verdrängungsthread. Was wird damit verdrängt? Und womit hat sie etwas nicht unbedeutendes gemeinsam? Die Antisemitismusdebatte dient genauso wie die Sicherheitsdebatte und die Fremdenhassdebatte nur dem einen großen Ziel unserer im Hintergrund agierenden wahren Machthaber, die Herren der allumfassenden Kommunikationsszene, an deren erster und bedeutendster Stelle sogar eine Frau steht, nämlich Friede Springer. Als Mahnung und als ein immer wieder wirksamer Zornerreger liegt neben mir ein Ausdruck aus dem Netz, elf Seiten lang, worin nichts weiter aufgeführt und aufgezählt werden als die finanziellen Beteiligungen dieser Friede Springer und der Springer-Stiftung. Wer das einmal gesehen und gelesen hat, der wird es nie wieder vergessen können: Elf Seiten Machtkonzentration im Meinungsverbreitungssektor. Es gibt in Deutschland kein Druckerzeugnis, (Ausnahme die FAZ?), das nicht nach der Pfeife dieser Frau tanzen muss. Soweit die Fakten über das Unabweisbare.
Nun zur Frage, WAS denn von dem allen verdrängt und bewusst vergessen gemacht wird: Es ist die Soziale Frage! Seitdem es den Mächtigen so überaus wirkungsvoll gelungen ist, und zwar unter Beteiligung aller Universitäten, Akademien und den mit ihnen verbundenen Geist- und Meinungsproduzenten, seitdem also es diesen Mächten gelungen ist, das einmal so strahlend in die öffentliche Debatte hineinleuchtende Aufklärungslicht der beiden Großdenker Marx und Engels so zu schwärzen und als Teufelsgedankengut weltweit zu desavoieren, dass es niemand (bis auf ganz wenige Unerschrockene) mehr wagt, die Worte Sozialismus und Solidarität in den Mund zu nehmen, seitdem geht es auch mit dem Solidaritätsgedanken in den Köpfen der Arbeitnehmer genau so abwärts wie mit der Organisationsmacht und dem Interessenvertretungsgeschick der deutschen wie der internationalen Gewerkschaften. Diese Gegenmacht wirksam vernichtet zu haben das ist die wahre (negative) Leistung des sich global formierten und aufgestellt habenden Kapitalismus. Was also wird aus allen Debatten und mit allen Ersatzdebatten verdrängt? Ich wiederhole es: Die soziale Frage. Die soll in den Köpfen der sich duckenden Arbeitnehmer, also in unser aller Köpfen, gesellschaftlich und kulturell keine Rolle mehr spielen. Es geht also für das Volk ums Überleben, aber das Volk hat es immer noch nicht gemerkt oder es wagt einfach nicht mehr, zu zeigen in öffentlichen Debatten, dass es seht wohl weiss und begriffen hat, was die soziale Stunde geschlagen hat.
Der globalisierte Kapitalismus lässt inzwischen BEIDE Geschlechter rabotten bis zum Umfallen, aber er ist nicht mehr bereits und willen, diesen arbeitenden Menschen 1) eine funktionierende Ehe zu ermögliche, 2) ihnen die Reproduktion schmackhaft und fungibel zu machen, 3) ihren Kindern, wenn beide Elternteile schon arbeiten müssen, auch einen ganztägigen Kindergartenplatz oder KITA-Platz, wie das heute heisst, zu erreichen und zu bezahlen. Menschen sind für Unternehmer heute nichts weiter als leicht zu handhabende Verrechnungseinheiten, die man spielend von der Soll- auf die Habenseite schieben kann und umgekehrt. Arbeitskraft wird heute von allen Unternehmern, von allen Unternehmungen, von allen Organisationen, (sogar von Kirchen und Gewerkschaften selber), schamlos und hemmungslos ausgenutzt. DAS ist unsere große und unverzeihliche Kulturschande. Und damit die vernetzte Öffentlichkeit nicht ständig hierüber lamentiert, schiebt man eben die oben genannten und bezeichneten Ersatzdebatten in die Schlagzeilen. Das genau ist es, und nichts weiter. Und unsere Regierungen, welcher Farbe auch immer, die schreien dazu wie blöde: TINA, was bekanntlich heissen soll, es gäbe für ihre Dummheiten, Frechheiten und Unverschämtheiten angeblich keine Alternativen. Als hätte niemals ein Soziologe wie Niklas Luhmann gelebt und geschrieben, der uns doch mit seinen ewigen Wiederholungen eingehämmert hat: ALLES was möglich ist, das ist IMMER auch ganz ANDERS möglich.
Wenn wir das begreifen würden, weil wir es begreifen wollen, dann würden wir auch aufstehen und den Umbau dieser vollkommen verkorksten Staats- und Gesellschaftsorganisation in unsere eigenen Hände nehmen. Aber dazu sind wir ja viel zu bequem gewordenen. Man lese nur einmal wieder eine Geschichte des dreissigjährigen Krieges und/oder der elenden Zerrissenheit des vergangenen deutschen Kleinstaatenlebens, um endlich beides zu begreifen: 1) was wirklich Elend ist und 2) dass man mit echtem Willen auch ALLES verändern kann.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders
@Sebastian Mag ja alles sein, aber was nützt das? Das Freund/Feind-Schema kennt nur ein entweder oder. Ob in Israel Krieg geführt wird oder nicht, ob dort Siedlungspolitik betrieben wird oder nicht, ob dort der Friedensprozess vorangetrieben wird oder nicht, ob Aufrüstung betrieben wird oder nicht, ist nicht von der Meinung von Journalisten abhängig, nicht von israelischen, us-amerikanischen oder europäischen Journalisten. Wir haben hier den Fall, dass das Freund/Feind-Schema von Journalisten verwendet wird um die Selbstreferenzialität der Massenmedien zu umgehen. Journalisten berichten über alles mögliche in der Welt, auch für militärische Konflikte im Nahen Osten und nachdem darüber berichtet wurde, wird über den Meinungskampf berichtet, der sich aufgrund der Berichterstattung vollzieht. Das Freund/Feind-Schema ist so gesehen für Massenmedien ideal geeignet. Das war schon seit dem 19. Jahrhundert so, seit der flächendeckenden Ausbreitung von Massenmedien. Seitdem ist fast alles, worüber berichtet wird, etwas, das zum Zweck des massenmedialen Berichtens kommuniziert wird. Das gilt auch für die Suche nach Feindschaft. Gerade darin besteht das Merkmal des Antisemitismus seit dem Berliner Antisemitismus-Streit von 1879. Vorher wurde Antisemitismus in den Nachbarschaften gepflegt, in den Kirchen, auf Märkten, in Rathäusern usw. Seit der flächendeckenden Verbreitung von Tageszeitungen liest man kaum etwas von einem Antisemitismus, der außerhalb einer Berichterstattungsabsicht gepflegt wird. Antisemitismus wird massenmedial gepflegt. Wer Feindschaft sucht, braucht Massenmedien. Aber wer nur es nur bei Massenmedien belässt, schafft es nicht, weil die Lektüre von Zeitungsartikeln nicht ausreicht um Gewalt zu stimulieren. Und Feindschaft ohne Gewalt gelingt nicht. Und da erkennbar ist, dass sowohl Broder als auch Augstein gern bereit sind auf Gewalt zu verzichten, ergibt sich die Annahme, das die massenmediale Antisemitismus-Debatten gar nicht geeignet sind um Feinschaft zu finden und zu pflegen. Vielleicht geht es noch um die Imagination von Feindschaft. Oder um eine massenmediale Selbstvergewisserung darüber, dass das Freund/Feind-Schema eben nicht mehr von Feindlichkeit spricht.
Broder hat in seiner Entschuldigung gegenüber Augstein ja sogar Ironie gezeigt, sogar Selbstironie.
Mag ja alles so sein mit den – phobischen und – philen Reaktionen, Antworten, Schlussfolgerungen usw., damit sich ein Blatt verkauft – ich komme mir vor wie in einer flüssigen Lösung. Ohne Feindlichkeit, ohne Freundlichkeit passiert gar nichts – ohne anziehen und abstoßen.
Dass das so ist hat weniger mit den Inhalten zu tun und mehr mit der Art und Weise, wie wir unsere Aufmerksamkeit verteilen – Die Wechselwirkung entscheidet und nicht was zu erst war. Es ist wie mit der Klimadiskussion – ist das CO2 für den Temperaturanstieg verantwortlich, oder die Temperatur für den Anstieg der CO2 Konzentration.
Ex FAZ Herausg. Günter Nonnenmacher hat zur Schreibe von Frank Schirrmacher einst gesagt, es war klug und geistreich, aber es hat uns kein mehr an Anzeigenkunden und Abonnenten gebracht.
Das Geschäftsmodell Mark Zuckerbergs zu kritisieren ist natürlich nicht a priori -phobisch, aber das „Wie“ der Kritik schon, wie Hanfeld in der FAZ argumentiert, dies hat schon -phobische Merkmale, wie wir sie vom Nazi-Opa und der Nazi-Oma kennen. Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie – und erst Götz Alys Widerwort hat die Diskussion befördert, ohne dessen Kontrapunkt säßen wir weiter in der klebrigen Soße von Gerüchten.
Wo mit Unterstellungen und Gerüchten gearbeitet wird, arbeitet man mit Mythen und Vorurteilen – dann ist die Kritik an Marc Zuckerbergs Wohltätigkeit Teil einer Gesinnungsethik und die basiert nun mal auf einem Freund/Feind-Denken, das sich auf Gerüchte beruft. „Er ist wohltätig, weil er Steuern vermeiden will“.