Die Freundlichkeit des Freund/Feind-Schemas #aly #kaube

von Kusanowsky

Ist es antisemitisch, wenn man das Geschäftsgebaren Mark Zuckerbergs kritisiert? Der Historiker Götz Aly behauptet das. Dem muss widersprochen werden.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/offener-brief-von-juergen-kaube-an-goetz-aly-13959582.html

Zeitungen müssen leserfreundlich sein. Diese Leserfreundlichkeit ist deshalb wichtig, da Zeitungen ein industrielles Produkt sind und nur massenweise verkauft werden können.
Diese Massenhaftigkeit ist allerdings komplexitäts- und differenzierungsfeindlich, weil es nicht um den Geschmack oder das Urteilsvermögen individueller Leser oder kleiner Gruppen gehen kann, sondern nur um statistische Durchschnittswerte, die Alter, Bildungsstand, Schichtzugehörigkeit, Konsumverhalten und dergleichen betreffen.
An solche Durchschnittwerte müssen sich Journalisten halten, da diese Durchschnittswerte gebraucht werden, um den Charakter einer Zeitung zu definieren. Die Wiedererkennbarkeit eines bestimmten Charakters ist nämlich verkaufsfreundlich. Denn ohne ausreichenden Verkaufserfolg kann sich kein industrielles Produkt lange halten.
Für Zeitungen kommt außerdem hinzu, dass sie beständig unter der Beständigkeitsfeindlichkeit der Gesellschaft leiden. Jeden Tag geschieht Anderes und Neues, das jeden Tag wahrheitsgemäß, informativ, kritisch, unterhaltsam, wirklichkeitsgetreu und zeitlich punktgenau aufgeschrieben werden muss, damit das ganze Netzwerk der industriellen Zeitungsproduktion reibungslos funktionieren kann.
Dieses beinahe reibungslos funktionierende Geschäft ist auch verbunden mit einer Kooperationsfeindlichkeit, die sich in einer Konkurrenzfreundlichkeit niederschlägt. Konkurrenz erzeugt, dass jeder Verlag das gleiche Geschäft betreibt, das gleiche Know-how binden muss und letztlich auch an dem gleichen Geld der Zeitungskäufer interessiert ist. Aber damit innerhalb einer komplexitäts- und differenzierungsfreundlichen Gesellschaft Zeitungen und ihre Inhalte überhaupt auffallen, müssen Journalisten aufmerksamkeitsfreundlich schreiben umd der Ablenkungsfreundlichkeit des Leserpublikums zu entgehen.
Diese Ablenkungsfreundlichkeit entsteht durch eine überall erkennbare Klarheitsfeindlichkeit, da es überall so viel zu lesen, zu hören und zu gucken gibt, was für die Leser bedeutet, dass eine intelligenzmäßige Unterforderungsfeindlichkeit auf eine kommunikative Überforderungsfreundlichkeit stößt, die es schließlich schwer macht, all das zu unterscheiden, was unterscheidbar ist, was letztlich auch für Journalisten gilt.
Damit also noch die Kenntlichmachung von all dem gelingt, was durch die Massenmedien selbst zerstört wird, nämlich: Übersichtlichkeit, Klarheit, Beständigkeit,  Zufriedenheit, Gelassenheit, Informiertheit, müssen Journalisten einerseits eine Feindlichkeit gegen dieses Freund/Fein-Schema zeigen, weil dieses Schema ja differenzierungsfeindlich ist, andererseits aber, weil Journalisten auch differenzierungsfeindlich sein müssen, können sie auf dieses Freund/Feind-Schema gar nicht verzichten.

So zeigt sich, dass dieses ganze Geschäft absolut schlamasselfreundlich ist.

Was kann man da machen? Eine brauchbare und zuverlässige Methode besteht darin, dass sich Journalisten indifferenzfreundlich gegenüber dieser Schamasselfreundlichkeit zeigen, was deshalb geht, weil sie damit rechnen können, dass die Leser letztlich auch keine andere Chance haben als sich differenzierungsfeindlich zu verhalten. Niemand kann jeden Unterschied aufgrund einer allgemeinen Gleichzeitigkeitsfeindlichkeit bemerken.
Gerade diese Ausgangssituation, gemeint ist eine allgemeine Hoffnungsstabilisierungsfeindlichkeit, verlangt eine Deprimierungsvermeidungsfreundlichkeit. Dafür kommen verschiedene Strategien in Frage, die alle eines gemeinsam haben: eine jede Strategie muss die allgemeine Skandalfreundlichkeit ausnutzen um der Idiotiefeindlichkeit zu entgehen.
Für den deutschen Zeitungsmarkt hat sich die Antisemitsmus-Debatte als ein probates Mittel etabliert um all der Irrsinnfreundlichkeit dieser Schwachsinnsfeindlichkeit hinsichtlich des Freund/Feind-Schemas entgegen zu kommen.

Diese Antisemitismus-Debatten stellen praktisch ein gesunkenes Kulturgut dar, das in dieser Freund/Feind-Unterscheidung besteht. Früher wurde dieses Freund/Feind-Schema für eine sehr gefährliche Angelegenheit genutzt, nämlich für Kriege und Massenmord. Seitdem in Deutschland keiner mehr so einfach Kriege führen und Massenmorde begehen kann und will, stellt sich die Frage, was mit dieser Unterscheidung noch anzufangen wäre. Eine Möglichkeit besteht darin, sie zu nostalgischen Zwecken zu benutzen, um eine Erinnerung an ihrer ehemaligen Gefährlichkeit wachzuhalten, was allerdings nur unter sehr ungefährlichen Bedingungen möglich ist. Speziell auf diese Antisemitismus-Debatten bezogen heißt das, dass sie nicht nur ganz ungefährlich sind, sondern auch, dass das Freund/Feind-Schema nur noch sehr ungefähr funktioniert.

Das Freund/Feind-Schema steht also für seine Ungefährlichkeitsfreundlichkeit. Und so kann das bleiben.