Differentia

Die Kostenlos-Kultur des Internets

Jeder kennt diese nicht sehr ausgereifte, aber doch häufig vorgetragene Rede von der sogenannten Kostenlos-Kultur des Internets. Dieser Tweet zeigt wie unausgegoren, unbedacht diese Rede ist und er zeigt, dass es sich dabei tatsächlich nur um ein Lamento handelt, also: ein Klagelied. Beklagt wird nicht eigentlich die Kostenlos-Kultur, denn was wäre das zu Beklagende: dass das Leben etwas kosten müsse, damit man es genießen kann? Und wenn es kostenlos wäre, so könnte man nicht mehr glücklich leben? Wohl kaum. Und da das nicht gemeint sein kann, wird mit diesem Lamento wohl nur das eigene Unbehagen über das gesellschaftlich verbreitete Nichtwissen hinsichtlich eines Ziels dieser digitalen Innovation kultiviert.

Bisher hatte die Gesellschaft auf Veränderung so reagiert: kam eine neue Technologie auf, so reproduzierte und steigert sie damit nur ihre schon bekannten Differenzierungsform, bekannt in der Ökonomie unter dem Stichwort: schöpferische Zerstörung. Alle Innovation leistete bislang immer nur die Steigerung (auch bekannt unter dem Namen Fortschritt) dessen, was sich als das zu lösende Probleme erwies, nämlich: Mangelbeiseitigung durch Wachstum, wodurch genügend Probleme und Mängel erzeugt wurden, die für weitere Investitionen und damit für weiteres Wachtum sorgten. Das Prinzip der schöpferischen Zerstörung war von der Maxime geprägt, dass sich zwar die Verhältnisse ändern durften, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Bedingungen (also die Form der sozialen Differenzierung) sich nicht änderten, die die Beobachtbarkeit dieser Verhältnisse garantierten. Alles Neue, das sich bislang zeigte, musste auf Bekanntes verweisen. (Innovationsparadoxie)

Die digitale Innovation scheint diesen Begriff der schöpferischen Zerstörung nun selbst zu zerstören. Und dass es sich um eine Innovation handelt, merkt man daran, dass man es jetzt mit etwas Unbekanntem zu tun bekommt. Das Neue erkennt man ja daran, dass man es nicht kennt und nicht erkennt.

Man könnte diese Paradoxie auch so formulieren: die Kostenlos-Kultur ist gar nicht kostenlos. Sie kostet das Wissen um die Bekanntheit und Vertrautheit mit der Welt (Anonymitätsparadoxie).

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Die Zwangsnaivität der #Wikipedia

Das größte Handicap der Wikipediaschaft liegt gewiss in der Bereitschaft, sich auf eine größt mögliche theoretische Naivität einzulassen. Diese besagt:

  1. Man könne Wissen haben, speichern, bereitstellen und abrufen.
  2. Wissen sei etwas Bestimmtes, das durch iterative Einschränkung von Kontingenz Klarheit schaffen könne.
  3. Die Einschränkung durch Selektion sei objektivierbar, vergleichbar, meßbar und überprüfbar auf der Basis des bisher bekannten Wissens.
  4. Funktionieren könne all dies nur unter Vernachlässigung und Verbot von Selbstreferenz, Tautologien und dem Verbot, solche Verbote theoretisch zu diskutieren.

Daraus ergeben sich fast von selbst die bei Wikipedia diskutierten Defintionen für Qualität, Neutralität und Relevanz, deren Kontingenz zwar an allen Ecken und Enden beobachtet und diskutiert wird, aber dies nur unter der Voraussetzung, dass die Vorgaben einer größt möglichen Naivität nicht angerührt werden dürfen. In anderen Zusammenhängen würde so etwas als weltfremder Dogmatismus abgelehnt werden, bei Wikipedia aber erfreut sich diese Theorienaivität großer Beliebtheit.

Die theoretische Grundlage von Wikipedia entspricht eher einer intellektuellen Selbsteinsperrung: „du darfst die Theorie der Wikipedia-Theorie nicht in Frage stellen.“ Und gerade dieses Verbot stellt den Attraktor für die Streitigkeiten dar. Diese Streitigkeit entstehen immer dann, wenn die Kontingenz all der Sachverhalte, die nicht in theoretischen Diskussionen überführt werden dürfen, Entmutigungen schafft, die auf der Basis derselben Annahmen wiederum beseitig werden sollten, was empirisch gar nicht geht. Aber ein Dogmatismus lässt sich nur selten von Empirie irritieren.

Wie wenig relevant zum Beispiel der Katalog der Relevanzkritierien bei Wikipedia ist, kann man an diesem Blogartikel bemerken. Das ist ein Artikel, der sich nahezu haarspalterisch mit der linguistischen Frage beschäftigt, ob der unter Fotografen übliche Ausdruck für Unterschiede eines abbildbaren Bereichs von Bildschärfe als „Schärentiefe“ oder „Tiefenschäfe“ bezeichnet werden kann. Es wird sehr ausführlich und komplex eine grammatikalische Regelbildung erläutert und danach gefragt, welche Regel anzuwenden wäre. Zwar kommt der Artikel nach ausführlicher Behandlung zu dem Ergebnis, dass beide Ausdrücke dem Sachverhalt gerecht werden, aber diese Indifferenz wird sehr differenziert behandelt.
Nach der Lektüre dieses Artikel könnte man nun meinen, all das sei überhaupt nicht relevant, weil es so wichtig ja gar nicht sei, aber eine solche Bagetellisierung kann man nur dann vornehmen, wenn Relevanzunterschiede angeblich schon klar wären. Aber: wie findet ein Kommunikationssystem Relevanzunterschiede heraus? Wie man bei Wikipedia sehen kann, laufen Definitionen über Relevanz ins Leere, weil diese Unterschiede keineswegs klar erkennbar sind. Das heisst übrigens nicht, dass Relevanzunterschiede irrelevant wären, sondern nur, dass alles erst herausgefunden, betrachtet, beurteilt und auch erforscht werden muss, damit man hinterher wissen wissen kann, was man wissen will. Bei Wikipedia wird aber immer schon vorher festgelegt, was man eigentlich gar nicht wissen darf. Aber dies ist bereits ein Standpunkt, der nur eine theoretische Relevanz hat und praktisch nicht eingelöst werden kann.

Das kann niemanden befriedigen.

So mag man im Anschluss an diesen beispielgebenden Blogartikel gewiss zu der Einsicht kommen, dass die differenzierte Klärung solcher Fragen nicht sehr relevant wären, aber: das merkt man erst im Anschluss daran. Es gibt also keinen Grund, solche Betrachtungen wegen mangelnder Relevanz gering zu schätzen, weil man den Lernerfolg ja nicht voraus sehen kann. Deshalb wäre für die Erarbeitung einer Theorie der Relevanzfindung ein solcher Beitrag sehr gut geeignet und müsste dringend in eine „Wissenssammlung“ aufgenommen werden, auch dann wenn man meinen möchte, dass der beurteilte Sachverhalt irrelevante wäre. Genau das wäre ja theoretisch zu diskutieren, aber das ist bei Wikipedia verboten.

Und weil das verboten ist, so kommt die Wikipediaschaft auch niemals dazu, ihre ihre eigen Relevanz zu beurteilen. Denn die kann nur ideologisch und dogmatisch und rücksichtslos durchgesetzt werden. Ergebnis sind die Entmutigungen, die sich dann woanders neu orientieren.

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