Niemand muss ausführlich begründen, dass die Beobachtung und Bewältigung der Timeline eine ernstzunehmende Herausforderung ist:
Sie ist es ein rauschender und nimmer versiegender Strom aus kurzen Texten, Fotos, Videos und Links, Kommentaren, Witzen, Hinweisen, Wortspielen, Mitteilungen, Liebesschwüren, Fragen, Diskussionen, Beleidigungen, Wunderlichkeiten und einer guten Prise Unverständlichem. Mit jeder Sekunde pulsiert sie weiter, tagsüber, wenn auf der Welt etwas passiert, schneller, nachts ein wenig langsamer und versponnener. Gänzlich Unverbundenes prallt hier gleichzeitig aufeinander, vollkommen unvermittelt, zerbirst in tausend bunten Funken und im wilden Sturm der Worte, Bilder, Filme, Töne braut sich etwas neues zusammen, Strömungen entstehen, Resonanzen schwingen, wellenförmige Beben sorgen für immer neue Verwerfungen und Muster. (professorbunsen)
Und streng genommen kann dies auch niemand mehr ausführlich begründen, weil die Timeline durch Übersteuererung der Störfähigkeit die Zeit vollständig verschluckt und damit alles, was man noch begründen kann und will mit sich fortreißt. Eine der bemerkenswertesten Erfahrungen wird sein, dass das es Internetnutzer gibt, über welche das Gerücht geht, sie seien gestorben und trotzdem kann man noch von ihnen Antworten bekommen, weil die Inkonsistenz eines automatisierten Antwortverhaltens im Flirren der Timeline nur schwer zu ermitteln ist.
Selbstverständlich wird dann die Frage relevant: Könnten sich neue Formen entwickeln? Eine Art von Literalität, die an die Bedingungen der Internetkommunikation angepasst ist, und welche nicht einfach nur ein Adaption ist, die sich aus der Dokumentform ergab?
Bevor Systeme dazu übergehen können, eine Assoziologie operativ in Bewegung zu setzen, bleibt zunächst noch ganz old-fashioned ein Nachdenken als unverzichtbare Bedingung und Aufgabe zur Lösung eines Problems. So könnte man das Nachdenken in zwei Linien gliedern. Die erste stellt die Frage nach dem Limitationen der Dokumentform und retrospektiv verfolgbare Strategien der Erweiterung ihrer Kapazitäten trotz der notwendigen Limitationen.
Die zweite könnte die Frage sein, woran sie schließlich scheitern muss, wenn die Transzendierung der Selbstlimitierung gelingt, und wodurch sich neue Limitationen ergeben, wenn man Zeitverzug und allgemeine Belastbarkeit des Körpers als notwendige Bedingungen ausklammert. Die Frage könnte man auch ganz banal so stellen: Was kann man noch feststellen, wenn sowohl die Kontingenz wie die Geschwindigkeit aller Selektionsleistungen nur noch schwer einschränkbar sind? Wenn Strukturen, die Einschränkbarkeit garantieren könnten, aufgrund eines undifferenzierten sozialen Lernprozesses relativ unbekannt sind? Denn eine triviale Form, wie sich sich bei Wikipedia zeigt, erzwingt Entmutigung und damit Urteilslosigkeit, weil sie sich gegen die Zerstörung der Dokumentform irreflexiv verhält. Eine härtere Form muss Ermutigung beförden, damit sich eine kreative und disziplinierte Intelligenz daran schärfen kann. Und andersherum: nur wenn eine Intelligenz ermutigt wird und sich schärfen kann, ist eine härtere Form möglich.
Eine Überlegung wäre, dass man mit der Verwirrung und der Ratlosigkeit, mit der eigenen genauso wie mit der aller anderen, rechnen müsste und dass es ratsam wäre, sie nicht zu beseitigen, sie nicht der Beobachtung zu entziehen, sie nicht zu vermeiden, sondern sich ihr dadurch aussetzen, dass man mit ihr spielt und schaut, ob das Zugeständnis der Ratlosigkeit und der Verwirrung als Regelfindungsbedingung anschlussfähig ist. Ratlosigkeit und Verwirrung liefern dann selbst die Differenzen, die gebraucht werden, damit es weiter gehen kann, denn Ratlosigkeit und Verwirrung müssen schon verstanden sein, damit sie verstehbar werden. Das bedeutet, dass Ratlosigkeit und Verwirrung ein Erfahrungsmoment der Strukturen der Internetkommunikation sind und nicht ihr Defizit.
Es geht immer weiter, aber interessant wird es vielleicht erst wieder dann, wenn die Beobachtung zur Normalität wird, dass es nur dann noch intelligent weiter geht, wenn man zugesteht, dass man nicht mehr wissen kann wie . Der Vorschlag lautet entsprechend: Steigere Verwirrung, gehe den Weg in den Overkill von Sinnzumutungen.
Ratlosigkeit und Verwirrung wären entsprechend als Erkenntnisfortschritt zu betrachten. Wenn diese Einsicht auch nicht zur Steigerung eines Hurra-Optimismus‘ tauglich ist, so könnte sie wenigstens dabei helfen, den blinden Fleck derer zu erhellen, die sich dieser Einsicht widersetzen und versuchen, eine Widerstandsfähigkeit nach den Limitationen der Dokumenform zu organisieren. So ist es einfacher, ihr Scheitern gelassener zu begutachten, wohingegen die Scheiternden selbst diese Gelassenheit nicht übernehmen können, solange sie sich nicht ihrer Problemverwaltung entziehen.
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