Differentia

Monat: September, 2012

Vermeidungsprobleme: Rassismus, Sexismus

Auf dem feministischen Weblog „Mädchenmannschaft“ wird gerade ein höchst anspruchsvoller Streit um Sexismus und Rassismus geführt, der in seiner ganzen Komplexität kaum zu referieren ist, da das Ausmaß der paradoxen Implikationen, Reflektionen und Analysen nur einigen ausgewählten Fachleuten zugänglich sein dürfte. Weiterführende Argumente auf diesem beachtlichen Niveau können daher nur von wenigen beigetragen werden. Das jedenfalls würde sicher stellen, dass in den zu diskutierenden Punkten bald eine dauerhafte Lösung gefunden wird, die bei allen Beteiligten gewiss auf große Zustimmung stoßen wird.

Die Lektüre dieses Artikels ist daher nur sehr wenigen kompetenten Fachmenschen zu empfehlen. Alle anderen haben nicht die gleichen Chancen, das Gesamtbild des Konflikts adäquat zu erfassen, und sollten sich darum um etwas anderes kümmern. Gleichheit ist zwar wünschenswert, aber nur in wenigen Fällen wirklich möglich. In diesem Fall wäre die Akzeptanz der eigenen Unzulänglichkeit das einzige, was einen davor schützt, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden. Es gibt auch Fälle von begehrenswerter Inkompetenz.

Wenn ich mir trotz meiner Inkomptenz erlaube, dazu einen Kommentar zu verfassen, so deshalb, weil mich dieser Text aus ganz anderen Gründen fasziniert. Es handelt sich um eine wunderbare sozial-xenographische Impression, die einen gewissen Seltenheitswert deshalb hat, da ein Fremder den Eindruck einer politisch-zoologischen Borderline-Diskussion nicht so leicht von der Hand weisen könnte. Verschiede Leute machen sich gegenseitig verschiedene Gründe für Sexismus oder Rassismus zum Vorwurf, welcher selbstverständlich auf jeder Seite Erklärungen und Rechtfertigungen nach sich zieht, woraus sich zu jedem Zeitpunkt weitere Vorwürfe ergeben.  Die Ursache des Problems liegt womöglich in einer Spontanarchaik, welche dafür sorgt, dass das Wissen um eine Ursache gar nicht erst für die Gedächtnisbildung verwendet werden kann. So etwas wie eine „Ursache“ für diesen Streit ist okkulten Charakters; keine Angelegenheit, die wirklich ernst genommen werden könnte.

Die Ursachenlosigkeit des Streits bezieht sich darauf, dass die Kommunikation ein wechelseitig zugestandenes Recht akzeptiert, Forderungen auf Rücksichtnahme zu stellen und das Recht, deren Nichterfüllung als Obszönität zu skandalisieren. Diese Forderungen nach Rücksichtnahme bilden soziale Vermeidungsstrukturen aus, sobald erstens anerkannt wird, dass diese Forderungen legitim sind und zweitens, sobald außerdem erkannt wird, dass diese Anerkennung irreversibel durchgehalten werden muss, wenn durch den Konflikt so viele Beleidigungen erzeugt wurden, dass Rücksichtnahme vordergründig das einzige zu sein scheint, was einen solchen Konflikt bereinigen könnte, obgleich mit Forderungen auf Rücksichtnahme und der Bereitschaft, diese zu erfüllen, dieser Streit in Gang gekommen ist. Das bedeutet folglich und hintergründig, dass alles vermieden werden muss, um den Streit zu beenden. Diese Vermeidungsnotwendigkeit muss im ablaufenden Streitgeschehen selbst eine Ursache erzeugen, bzw. eine solche in jedem Augenblick des Streitfortgangs nachträglich erfinden, damit, da keine Kommunikation auf ein Gedächtnis vollständig verzichten kann, wenigstens noch eine basale Gedächtnisreferenz erkennbar macht, worum es in dem Streit geht, weil man anderfalls nicht mehr wissen könnte, wie er weiter geht. Würde diese Gedächtnisreferenz auch noch durch den Streit zerstört, so müsste auch der Streit zerfallen.

So erzeugt der Streit nur die Vermeidungsnotwendigkeit ihn nicht zu beenden. Der Borderline-Charakter dieser Diskussion scheint darum das Ergebnis einer Kommunikation zu sein, die sich eigentlich nur darum dreht, die Vermeidungsnotwendigkeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, weshalb es durchaus rational ist, dass sich alle Beteiligten im Streitgeschehen rücksichtslos gegeneinander positionieren, wissend und erwartend, dass sich keiner durchsetzen wird und durchsetzen darf. Gewinner und Verlierer dieses Streits sind prinzipiell ausgeschlossen. So zeugt dieser Streit schließlich von einer sportlich-paranoische Disziplin, die selbstverständlich nicht ohne Ironie durchgehalten werden könnte. Diese Ironie ist im Streit erkennbar, aber: nicht für jeden, nicht zu jedem Zeitpunkt und nicht in jeder Hinsicht.

Wenn das so weiter geht und Waffengebrauch akzeptabel werden würde, dann könnte sogar noch die Gewalt Spaß bereiten, das Ausüben der Gwalt genauso wie das Erleiden.

Schade, dass dieser zivilisatorische Fortschritt relativ unwahrscheinlich ist.

 

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Internettrollerei im Alten Testament

Das Prophetenschicksal
Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich.  Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, «Gewalt und Unterdrückung!», muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich es auszuhalten und konnte nicht; hörte ich doch das Flüstern der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.

http://www.bibleserver.com/text/EU/Jeremia20,7

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