Total vernetzt und allein

Ein Interview mit Slavoj Žižek: Das Internet als Kampfplatz

Die Diskussion um die Frage, was aus dem privaten Bereich wird, wenn der Bereich der Öffentlichkeit immer mehr ausgeweitet wird, ist eine Frage, die nicht erst durch das Internet erzeugt wurde, sondern für den Evolutionsprozess der modernen Gesellschaft schon immer von prekärer Bedeutung war. Es kann aber sein, dass hinsichtlich dieser Frage mit dem Internet etwas hinzukommt, das es bald möglich macht, die Problemstellung anders zu beobachten, was wohl erst dann geht, wenn alle anderen Versuche hinreichend oft gescheitert sind. Der kurze Tweetwechsel oben zeigt an, wie schwer es ist, die Problemstellung als eine andere in Erfahrung zu bringen.

Wenn es um die überlieferte Problemsituation zwischen dem Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit geht und wenn die Annahme nicht überprüft wird, welche meint, der private Bereich sei eine Art Schutzraum, ein Freiheitsspielraum und der öffentliche Raum sei ein Art Gefahrenzone, die den Subjekten Zumutungen auferlege, gegen welche es Rechte in Anspruch nehmen müsse, um diesen Zumutungen gewachsen zu sein, solange kreisen die Irritationen um etwas, das durch diese Unterscheidung von privat/öffentlich ausgeschlossen wird und das durch diesen Auschluss immer als etwas Eingeschlossenes die Diskussionen vorantreibt. Dabei handelt es sich um die Unterscheidung von Einsamkeit und Vergesellschaftung.
Diese Unterscheidung kann aber nur an Relevanz gewinnen, wenn man sich die paradoxe Struktur ansieht, welche eine Differenzierung dieses Zusammenhangs determiniert. Diese paradoxe Struktur könnte man anschaulich auf den Versuch reduzieren, eine Selbstgesprächssituation zu verstehen:

Folge dieser Anweisung: Führe ein Selbstgespräch! Und beobachte anschließend dich selbst und die Ergebnisse des Gesprächs!

Die paradoxe Struktur kann man bemerken, wenn man feststellt, dass die Selbstgesprächssituation keine soziale Situation ist. Man ist allein. Und wenn man allein ist, gibt es keinen sozialen Zusammenhang, durch den verstehbar werden könnte, dass ein Selbstgespräch stattfindet oder beendet wurde. Wenn aber ein Gespräch über ein Selbstgespräch möglich wird, dann entsteht durch Kommunikation ein sozialer Zusammenhang, durch welchen erst in Erfahrung gebracht werden kann, dass ein Selbstgespräch möglich ist und stattgefunden hat. Wer dagegen behauptet, die Realität des Selbstgesprächs sei unmittelbar evident, sei schon allein psychisch erlebbar und erfahrbar, mag dies zwar in die Anführungsszeichen einer Realitätsgewissheit setzen, aber diese Gewisseheit ist nur sozial vermittelbar. Wer einsam ist, kann keinem anderen etwas begreiflich machen, auch nicht die Empfindung der eigenen Einsamkeit.
Die Selbstgesprächsparadoxie besagt: die Beobachtung und ein entsprechendes Wissen um die Realität der Einsamkeit ist eine soziale Beobachtung, geht nicht ohne Kommunikation. Ein Gespräch über ein Selbstgespräch kann man nicht allein führen. Und wer ein Selbstgespräch führt, führt kein Gespräch. Einsamkeit hat eine soziale Realität nur dann, wenn ein sozialer Verstehenszusammenhang darüber Evidenzen erzeugt, die es zulässig machen, über Einsamkeit zu kommunizieren, ohne, dass dafür die Begegnung von Menschen eine notwendige Voraussetzung wäre. (Diese Notwendigkeit wurde schon durch Schriftverkehr abgeschafft.)

Die Welt fängt nicht schon dann an, wenn ich mein Alleinsein bemerke. Die Welt fängt an, wenn ich bemerke, dass ich von anderen als jemand bemerkt werde, der dieses oder jenes bemerkt, darin eingeschlossen ist auch die Möglichkeit, mich selbst zu bemerken. Das heißt folglich: auch noch die Beobachtung der Selbstbeobachtbarkeit ist sozialer Art, entsteht nicht außerhalb eines kommunikativen Zusammenhangs und geht diesem nicht voraus. (Denn, noch einmal: wer sollte davon wissen?)

Die Unterscheidung von Privatheit/Öffentllickeit versucht diese Einsicht zu umgehen. Tatsächlich handelt es sich bei Privatheit genauso wie bei Öffentlichkeit um Zonen der Vergesellschaftung und nicht um Abweichungsgrade eines sozialen Zusammengeschlossenseins, indem dem Sinne, dass man im privaten Bereich weniger sozial bestimmt wäre. Eben das ist man nicht. Die Hoffnungen auf den Schutz durch Privatheit nähren sich durch die Verwechslung der Begriffe von Recht und Freiheit, indem angenommen wird, Freiheit hätte da die besseren Chancen, wo Öffentlichkeit, also die Zumutungen durch Öffentlichkeit vermindert wären, weshalb man, um diese Freiheit zu genießen, Recht auf Privatheit durchsetzen müsse.

Tatsächlich aber zeigt sich, dass im öffentlichen Verkehr Freiheit genauso möglich ist und durchgesetzt werden kann, welche nicht notwendig die Freiheit anderer beschränkt, sondern vielmehr im Gegenteil, indem die Freiheitsmöglichkeiten anderer nicht nur unberührt bleiben können sondern selbst zum Anstoß dafür dienen können, eine eigene Freiheit in Anspruch zu nehmen. Slavoj Žižek gibt in dem eingangs verlinkten Interview ein schönes Beispiel dafür: öffentlicher Sex. Man kann sich die Freiheit dazu nehmen ohne anderen notwendigerweise Freiheit zu nehmen, man kann sich über ein solches Begattungsverhalten empören, aber man kann es auch lassen. Die einen nehmen sich diese Freiheit, wodurch andere sich dazu ermutigt fühlen, sich eine andere Freiheit heraus zu nehmen.

Die soziale Welt ermöglicht durch Vergesellschaftung nicht nur Einsamkeit, sondern auch Freiheit.

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