Unverzichtbarkeit der Moral #systemtheorie #moral

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Funktionssysteme sind zweiwertig codiert. Die Codierung dient dazu die systemeigenen Operationen zu dirigieren um dadurch Gewusstes, Gesagtes, Unterstelltes oder auch Gemeintes als Beitrag innerhalb eines jeweiligen Funktionssystems identifizieren zu können und um Anschlussfähigkeit der jeweiligen Systemkommunikation herzustellen. Woher weiß man, ob von Politik oder Wissenschaft die Rede ist? Um das feststellen zu können, ist die Beobachtung der Codierung wichtig.
Dass diese Codes tatsächlich funktionieren, konnte man seinerzeit bei der Guttenberg-Affäre sehr gut sehen, inbesondere anhand der Irritationen, die durch die Vertauschung der jeweiligen Codes aufkamen: Was ist von einem Politiker zu halten, wenn man ihm mangelnde wissenschaftliche Eignung nachweisen kann? Die Doktorarbeit war unwissenschaftlich, hieß es, ist aber der Autor aus diesem Grund als Politiker untauglich? Einerseits konnte hinsichtlich der politischen wie wissenschaftlichen Kommunikation mit Klarheit festgestellt werden, dass die Doktorarbeit unwissenschaftlich war, andererseits war plötzlich unklar, was von einem System aus gesehen für das andere gelten sollte: die wissenschaftliche Prüfungskommission konnte keine Aussagen über die politische Bedeutung dieses Vorgangs treffen; die politischen Bewertungen konnten nicht nachvollziehen, dass aus einer mangelnden Wissenschaflichkeit eine mangelnde politische Eignung resultieren könnte.
Es zeigte sich deutlich, dass die Systeme für einander völlig unzugänglich waren: politisch wie wissenschaftlich war alles klar. Es lag eine wissenschaftliche, keine politische Fehlleistung vor. Aber woher und warum dann die Irritationen? Warum das Durcheinander? Wie waren die Verwechslungen möglich, durch welche diese Irritationen entstanden? Wie definierte sich die Ausgangsituation für eine Entscheidungsfrage, wenn doch sowohl politisch wie wissenschaftlich betrachtet alles klar war? Wie konnte überhaupt ein Entscheidungsproblem hergestellt werden? Wie wurde die Entscheidungsgrundlage in Unklarheit überführt? Und wie konnten schließlich die Zumutungen gesteigert werden um schließlich doch noch eine Entscheidung treffen zu können?

Meine Vermutung lautet, dass dies erst möglich wurde, nachdem Moral eingeführt und Beleidigungen wechselseitig ausgesprochen wurden, welche hauptsächlich deshalb ihre Adressaten fanden, da Moral ideal dazu geeignet ist, einen Mangel an der selben zu diagnostizieren, und  – verknüpft mit einem wechselseitig zugestanden Recht, Ursache und Wirkung sozial zurechnen – einen Mangel an Moral immer nur bei anderen zu finden (und da jeder ein Anderer des Anderen ist: bei jedem selbst.)

Durch Beleidigungen kann die Wahrscheinlichkeit gesteigert werden, dass alle Beteiligten sich ungerecht behandelt fühlen, womit der Einstieg in eine Eskalation der Kränkungen irgendwann dazu führt, dass sich irgendwer zuerst überfordert fühlt und nervlich belastet das Handtuch wirft. Ein Politiker müsse immer ehrlich sein. Und wenn man ihn in einer politikfremden Angelegenheit beim Schummeln erwischt, so sei der Verdacht berechtigt, dass er auch in politischen Angelegenheit schummelt – ein höchst halbseidener Verdacht, denn wer bestreitet, dass in der Politik geschummelt wird? Politker jedenfalls nicht, sie sprechen täglich darüber. Bemerkenswert ist, dass dies nicht dazu führt, Politiker zu Fall zu bringen, also muss man Anlässe finden, um die Zumutungen steigern.

Wie sollte es sonst gehen?

Das Beispiel zeigt, wie unverzichtbar Moral ist, um Probleme überhaupt herzustellen und sie in Erinnerung zu rufen. Denn tatsächlich kann man Luhmanns Ansatz darin folgen, dass weder Wissenschaft noch Politik nach moralischen Kriterien entscheiden können, was wissenschaftlich und was politisch relevant ist. Wissenschaftliche Aussagen über die Verfassungsgeschichte beispielsweise lassen sich nicht moralisch qualifizieren, weil die Wissenschaft keine überprüfbare Methode kennt, moralisch zu urteilen. Und politisch ist Moral deshalb nicht das erste Ansinnen, weil Politik die Wahl von Möglichkeiten bewerten muss. Politik muss die Wählbarkeit einer Option kommunizieren, nicht ihre moralische Eignung.

Moral kann unmöglich eine übergeordnete Priorität zukommen, um entscheiden zu können, womit man es zu tun hat. Das gilt eigentlich überall und jedesmal, wenn irgendetwas geschieht, das kommunikative Anschlussfähigkeit erwirken kann, egal ob man auf der Straße nach dem Weg gefragt wird oder ob ein Kriminalpolizist von einem Mord Kenntnis bekommt. Dennoch ist Moral unverzichtbar, allerdings ist sie wenig dazu geeignet, Probleme zu lösen. Darin kann man mit Luhmann übereinstimmen. Da nun aber Systeme in ihrer Operationsweise nicht über sich selbst im Irrtum sind, wenn trotzdem moralische Kommunikation anschlussfähig wird, so muss die Frage gestellt werden, warum Moral dennoch eingeführt und zugemutet wird.

Die Überlegung könnte sein, dass die Codes der Systeme nicht aus sich selbst heraus einen Beitrag zur Gedächtnisbildung leisten können. Die Guttenberg-Affäre zeigte dies deutlich: wenn alles klar ist, ist alles klar. Aber wenn alles klar ist, was soll es dann? Unklarheiten werden genauso gebraucht wie Klarheiten, damit Anlässe für Differenzierung und Strukturbildung gefunden werden können. Denn die Produktion von Unklarheiten ist ja nicht irgendeine Fehlleistung, die vermieden werden muss, und zwar deshalb, da niemand weiß, was sonst vermieden wurde, wenn diese oder jene Unklarheit vermieden wurde. Wer könnte angeben, was unklar geblieben ist, wenn alles klar ist? Und wenn Unklarheiten angegeben werden, ist dies dann eine Fehlleistung? Wohl nicht.

So könne die Codes der Systeme ihre Binarität umso besser gewährleisten, wenn Ungereimtheiten ins Spiel kommen, die es erforderlich machen, auf den Code zurück zu kommen, sich an ihn zu erinnern. So scheint die Einführung von Moral als eine Art Alarmsignal zu fungieren, das jedesmal eine Reflektion darüber herstellt, worum es eigentlich noch geht, gehen sollte, bzw. worum es nicht gehen sollte. Selbstverständlich wird damit keine normative Regel durchgesetzt. Es reicht allein die Erinnerung, um Schleifenbildungen zu vollziehen, die für die operative Schließung unverzichtbar sind.

Darum scheint Moral so attraktiv. Man kann damit ungeheuer viele unlösbare Probleme erzeugen. Damit wird die Wahrscheinlichkeit für die Verstärkung der systemeigenen Selbstreflexivität in der Weise gesteigert, dass die Besinnung auf denen eigenen Code die Aussicht eröffnet, ihn differenziert zu bentutzen, was nicht zur Folge haben muss, dass Moral sich ebenfalls differenziert. Es muss nur ein differenziertes Beobachtungsgeschehen reflektiert werden, das Anlässe findet, um Moral als Störkommunikation einzuführen.

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