Der Wegwerf-Terrorist

Wenn man sich die Frage stellen möchte, worin sich dieser späte Al-Quaida-Terrorismus vom früheren europäischen Terrorismus der 70er Jahre unterscheidet, so wird man auf die Überlegung stoßen, dass der frühere Terrorismus sich eine Rest-Rationalität bewahrt hatte. Diese Rest-Rationalität beruht in dem traditionellen Selbstbild eines Kämpfers, der auf die Gefahr sein Leben zu verlieren, sich im Kampf bewähren und seinen Feind unterwerfen will. Der Selbstbeschreibung nach versteht sich ein solcher Kämpfer immer als Selbstverteidiger oder als Verteidiger irgenwelcher Ideale, für die ein Leben – das eigene genauso wie das des Feindes – hinzugeben sich immer lohnt. Daher bildet ein solcher Terrorismus ähnlich wie jeder andere militärische Habitus ein Spektrum der Adressierbarkeit seiner Gewalt aus. Bei der RAF galt beispielsweise die soldatische Vorstellung, dass keine Aktion „gegen das Volk“ gerichtet sein dürfte; und wir lassen bei der Beurteilung außer Acht, was damit im einzelnen gemeint sein könnte, zumal gerade diese soldatische Ehrenhaftigkeit des Schutzes von Zivilisten sich während eines Kampfes noch niemals durchhalten ließ, worüber alle Kriege jederzeit und vollständig Auskunft geben. Festzuhalten wäre, dass der frühere Terrorismus auf Adressierbarkeit wertlegte, die sich insbesondere an den Staat richtete, was zur Folge hatte, dass dieser Terrorismus immer auch an Eigensicherung interessiert war, immer auch einen Sieg ins Auge fasste, was nur geht, wenn man am eigenen Überleben festhält. Eine solche Eigensicherung lässt sich solange durchsetzen, wie die Feind-Adresse erkennbar bleibt, was einerseits die Wahrscheinlichkeit des Überlebens erhöht, aber andererseits auch Verfolgungsdruck erzeugt, da sich ja der Terrorist selbst adressierbar macht.
Dieser Al-Quaida-Terrorismus ist nun von gänzlich verschiedener Art und zeichnet sich insbesondere durch einen Verzicht auf diese Rest-Rationalität aus. Der Al-Quaida-Terrorist ist ein „Wegwerf-Terrorist“. Er führt keinen Kampf gegen einen adressierbaren Gegner, sondern gegen einen bösen Dämon, den er genauso diffus wie hartnäckig in der westlichen Zivilisation identifiziert. Da diese Zivilisation als sein Feind aber keine Adresse hat, nutzt er geschickt ihre Nichtadressierbarkeit als Versteck aus, von welchem aus er seine Anschläge planen und durchführen kann. Der Terrorist kann so im besten Fall bis zur Ausführung der Tat privat und anonym verbleiben, weil sich die Schockwirkung des Anschlags im öffentlichen Raum ereignet, welcher Zugangsberechtigungen nirgendwo verweigert. In dem Augenblick aber hat der Kämpfer zu bemerken, dass er sich durch seine Tat adressierbar macht. Dies führt entweder dazu, dass er, darum im Voraus wissend, als Selbstmordattentäter auffällt, oder wenigstens zu seiner Eigensicherung nichts mehr beitragen kann und damit gegen seine Verfolgung ohnmächtig ist. Der Terrorist ist entsprechend nur für den Einmalgebrauch geeignet. So kommt es auch, dass in dieser Gesinnungsszene die Tat religiös verbrämt wird. Die Tat selbst ist der Sieg, sie ist praktisch die Bestätigung des Gebets, sie ist das Amen, jenes so bezeichnete „so sei es“. Kurz und nur nebenbei bemerkt ist noch der Umstand bemerkenswert, wie sehr sich der Terrorist mit genau diesem Merkmal als eine Figur ausweist, die von der seiner so dämonisierten Dekadenz- und Wegwerf-Gesellschaft geprägt ist.
Interessant ist darum die massenmediale Erzählung über den Tod Osama bin Ladens; und zwar in mehrfacher Hinsicht. Die Erzählung lässt ihn in einer mittelständischen Wohngegend auftauchen, in der jeder jeden kennt und es fraglich werden lässt, dass man dort anonym bleiben könnte. Eine Frage übrigens, die sich auch in anderen Erzählungen über Scheußlichkeiten in der Nachbarschaft stellt. Die sich daran anschließenden Spekulationen um die Haltbarkeit der anderen Angaben zu den Umständen der Ereignisse schießen ins Kraut; und an keiner Stelle kann man eindeutig sagen, wer von allen Beteiligten mehr oder weniger informiert gewesen sein könnte. Man könnte auch sagen, dass die Erzählung nicht nur keinen Erzähler hat, das gilt für die Beobachtung massenmedialer Berichterstattung allgemein, sie adressiert sich auch nicht an eine Mitteilungsabsicht, da ihr gleichsam eine Botschaft fehlt. Es sei denn man möchte sich auf die propagandistische Verkürzung einlassen, die von interessierter Seite lediglich einseitig mitgeteilt wird, welche aber wengistens noch von einer einer solchen Rest-Rationalität motiviert sein kann. Denn die Propaganda will ja einen Sieg verkünden. Aber diese ganze Geschichte will keine Rationalität, keine Logik mehr zulassen, sie zeigt sich gleichsam widerspenstig gegen jede Konsistenz. Die Irritation breitet einen Flickenteppich an Fragementen aus, die für die Fortstrickung der Erzählung tausend Anknüpfungspunkte zulässt. Die Berichterstattung über den Tod des Terroristen gerät so praktisch so zu einer Nacherzählung des Al-Quaida-Terrorismus; und als hätte tatsächlich ein Erzähler die Geschichte erfunden, inszeniert der Erzähler den Kämpfer so als wollte er seinem Testament gehorsam Folge leisten: der Terrorist wird nach vollbrachter Tat einfach weg geworfen.

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