Geistiges Eigentum, Privatleben und Staatsgeheimnisse

Ein Nachteil der Diskussionen um Privatsphäre, Datenschutz, Urheberrecht und Whistelblowing besteht darin, dass gemeinhin angenommen wird, es handele sich um getrennt von einander zu behandelnde Themen, für die unterschiedliche Zuständigkeiten verteilt sind, die jeweils nach sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und analysiert werden müssten. Diese Behandlungsweise entsteht dadurch, dass diese Diskussionen von normativen Erwartungen strukturiert werden, deren Herkunft nicht anders verstanden und beurteilt werden können als durch die Faktizität der nimmermüden Wiederholung, es müsse all das nach „irgendwie“ vernünftigen Richtlinien erörtert und geregelt werden. Das Argument, dass eine sich auf diese Weise entfaltende Diskussion viele Möglichkeiten zulässst, aber gewiss nicht eine solche, die eine finale Vernuft in Aussicht stellt, wird entweder ignoriert oder schlimmstenfalls mit der wiederholten Wiederholung konfrontiert, dass man in einem solchen Fall erst recht für Vernunft sorgen müsse. Oder noch verwegener: man muss für seine Meinung kämpfen. Es geht nicht anders. Und die Frage nach der Herkunft der Meinungsfreiheit einerseits und des Zwangs zum Kämpfen andererseits wird dann womöglich mit der herrschenden Unvernunft der anderen begründet, der es zu widerstehen gelte, nicht merkend, dass die herrschende Unvernunft der Anderen das spiegelgleiche Abbild derjenigen Vernunft ist, mit der so etwas behauptet wird.
Will man sich aber davon abweichend einmal die Frage stellen, woher diese Probleme kommen, das heißt auch, wie das Problem der Unvernunft der Anderen, bzw. die eigene Vernunft (was das selbe ist) zustande kommen könnte, so könnte man an soziologische Möglichkeiten der Erklärung von Gesellschaft denken, die für sich aber, wenn man sie ernst nehmen möchte, kein Expertenstatus beanspruchen lässt, weil man andernfalls nur am gewöhnlichen Spiel des Überbietens von vernünftigen Meinungen, die auf andere vernünftige Meinungen treffen, teilhaben und an dieser Partizipation genauso scheitern würde wie alle anderen. Man könnte es sich stattdessen, und sei es nur zum Zeitvertreib oder als Erholungspause während des Meinungskampfgetümmels, einmal leisten, andere Fragen zu stellen, ohne zu erwarten, dass ihre Betrachtung als Treibstoff zur Fortsetzung des Meinungskampfes geeigent sind. Und sei es nur zum Spaß.
Die bürgerliche Gesellschaft zeichnet sich aus durch eine strukturelle Hilflosigkeit, deren spezifisches Kriterium sich ihrer Selbstbeschreibung nach aus einem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ergibt. Dieser Auffassung zufolge besteht die Gesellschaft aus Individuen, in deren Vermögen es liegt, die Bedingungen ihrer sozialen Verhältnisse aus sich selbst heraus zu entwickeln. Diese Auffassung findet in der säkularen Tradition Europas unterschiedliche Problemsituationen vor und hat entsprechend verschiedene Blüten getrieben. Ganz allgemein stehen diese Überlegungen in der philosophischen Tradition unter der Überschrift der Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, wie sie prominent in Frankreich, England und Deutschland zustande gekommen waren. Die Mächtigkeit dieser philosophischen Tradition lag dabei in dem Erbe der alten Theologie begründet, welche keine Anschlussmöglichkeiten bot, die säkulare Welt des Sozialen zu beschreiben. Erst die Philosophie des 17. Jahrhunderts vermochte damit einen Anfang zu machen, ohne gleichwohl die Welt des Sozialen als Begriff zu entwickeln. Sie musste dies zunächst nicht tun, weil das Indviduum als Entdeckung aufdringlich ins Auge stach. Aber die Gründe für diese Entdeckung kann man nun wieder nicht diesen philosophischen Erklärung selbst entnehmen, weil sich diese Erklärungen als Reflexion derjenigen Bedingungen ergaben, unter denen sie entstanden waren; sich diese Erklärungen mithin gegen sich selbst irreflexiv und unzugänglich verhielten und verhalten mussten.
Die sozialen Bedingungen der bürgerlichen Philospohie fanden ihre Unzugänglichkeit in dem, was als Befreiung aus der Erblast des Mittelalters die Aufmerksamkeit konzentrierte. Wenn alle Menschen von Geburt an Sünder seien, wenn man sich vor Gott in der Zeit des Lebens zu rechtfertigen habe, wenn das Leben nach dem Tod die einzig rechtschaffende Sorge sei, so kann man es nur als einen enormen Befreiuungsschlag verstehen, wenn die darin eingeschlossenen Irrtümer der Abarbeitung zugeführt werden.
Die Gründe dafür hatte Karl Marx ganz hellsichtig in dem bürgerlichen Klassenbewusstein gefunden. Die bürgerliche Lebensweise machte die latente Beobachtung der Isolierung des Indvidduums bemerkbar, dem es trotzdem (oder wie man meinte: gerade deswegen) gelang, sein Leben zu führen und dafür nach einer Erklärung suchte. Wie macht es das? Die Isolierung ergab sich aus der Struktur dieser Lebensweise, und nicht andersherum:

  • Arbeitsteilung: jede Produktionsstätte (zuerst Werkstätten, später Fabriken) musste gegen jede andere abgrenzt werden, weil nur so vorstellbar wurde, wie eine Hoheit über die eigene Produktion sicher gestellt werden könnte. Niemand kann rechtzeitig ausliefern, wenn Unbefugte dazwischen kommen. Es wurde also „Privatarbeit“ (K. Marx) geleistet.
  • Geschlechtertrennung: es müssen nicht nur Waren hergestellt werden, die über die Raumgrenzen hinweg zirkulieren, sondern auch Menschen, die diesen Anforderungen über Zeitgrenzen hinweg gewachsen sind. Daher kommt die von bürgerlichen Soziologen so häufig und vergeblich bemühte Unterscheidung von Produktion und Reproduktion. Man vermutete, die Eigenleistung der Individuen stelle sicher, dass diese Strukturen funktionierten. Tatsächlich waren es aber diese Strukturen, die das Vermögen der Indviduen sichtbar machten.
  • Gliederung und Sequenzierung des Lebens und des Alltags, die uns bekannten Unterscheidungen: Kindheit und Erwachsenenalter, Arbeit und Freizeit, Werktag und Feiertag.
  • Gewaltenteilung: Noch bevor der absolutistische Staat sein Gewaltmonopol durchsetzte, entwickelten die europäischen Stadtrepubliken komplizierte Verfahrensweisen der Gewaltsicherung, was in erster Linie dadurch nötig wurde, dass die Städte, die auf Fernhandel angewiesen waren, kein eigenes Heer dauerhaft unterhalten konnten und daher ständig schutzbedürftig blieben.

Eine ausführliche Kulturgeschichte der Strukturentwicklung könnte natürlich nicht darauf verzichten, die Komplexität der Binnendifferenzierung in all den so zutage tretenden Formen wenigstens ansatzweise darzustellen. Man denke dabei an die Entwicklung eines biographischen Gedächtnisses, die Aufteilung des Wohnraums, die Zerlegung der Arbeit in immer feinere Arbeitsschritte (und dies noch vor der Industrialisierung), die Aushandlung von Rechten und Pflichten sowohl zwischen den Familien als auch innerhalb jeder einzelnen, und natürlich auch die Ausgestaltung einer bürgerlichen Gelehrsamkeit und Kunst mit aller der differenzierten Komplexität, die schon frühzeitig als unüberschaubar erkannt wurde, aber welche unter den gleichen Bedingungen der funktionalen Differenzierung eben jene Selbstbeschreibungen anfertigte, die zur Begründung und Legitimierung dieser Bedingungen heran gezogen wurden.
In genau dieser Hinsicht hat sich die bürgerliche Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung in ihre Kontingenz aufgelöst ohne dafür irgend einen Ausweg oder Ersatz zu liefern. Daher erklärt sich der Marxsche Pessimismus, der von der Unausweichlichkeit und Gnadenlosigkeit eines erbitterten Klassenkampfes ausging und welcher in einem Optimismus mündete, der eine Beherrschung der sozialen Kräfte durch sich selbst in Aussicht stellte. Aber die Voraussetzung dafür wäre, dass sich an dem Verhältnis von Indviduum und Gesellschaft etwas ändern müsse. Und man könnte überlegen, ob dafür inzwischen Möglichkeiten angeliefert werden, denen kein Indviduum mehr gewachsen sein kann, weil diese Möglichkeiten soziale Möglichkeiten sind, die sich nicht aus dem Zusammenspiel von souveränen Indviduen ergeben.
Diese Souveränität zeigte sich in der Ausgestaltung einer Vorstellung von „geistigem Eigentum“ und Urhebrschaft, mit der jede soziale Determinierung ausgeschlossen wurde, weil gemäß einer sozialen Determinierung die Selbstbeschreibung der bürgerlichen Ideale nicht gerechtfertigt werden konnte. Sie zeigte sich in der Verteidigung eines Privatlebens, das den Zumutung der sozialen Wirklichkeit einen Fluchtweg wies und verkannte, dass dieser Fluchtweg nicht in die Befreiung, sondern in die Verstärkung der bürgerlichen Zwangssituation führte. Und all das, was sich so im Einzelhaushalt und Einzelunternehmen nicht oder nur sehr schwer durchsetzen ließ, fand schließlich Niederschlag in der Ausgestaltung eines souveränen Staatsgebildes, das diese Ordnung gemäß der in ihr eingeschriebenen Vernunft sicher stellen sollte.
Das, was Karl Marx zum Anlass nahm für die Vermutung eines unerbittlichen Klassenkampfes, nämlich die auswegslose Festlegung der bürgerlichen Gesellschaft auf ihre normativen Funktionsprinzipen durch unnachgiebigem Festhalten an der Irreflexivität ihrer Bedingungen, macht sich in den aktuell ablaufenden Diskussion um die dämonischen Phänomene des Internets bemerkbar.
Aber gottlob ist dieser Irreflexivität eine strukturelle Hilflosigkeit inhärent, aus welcher sie sich wiederum ergibt. Um abschließend zu verkürzen: die aktuellen Kriege in Afghanistan, Irak und Libyien könnten uns vielleicht darüber belehren, dass selbst das Kriegführen so schwierig geworden ist, dass nicht einmal die Sinnlosigkeit der Gewalt nur als sinnlos apostrophiert werden könnte. Sie ist nicht nur sinnlos, sie ist nicht einmal das noch.
Die Gesellschaft befindet sich im freien Fall.