Zum Problem des metaphysischen Realismus II

von Kusanowsky

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Es geht also nicht ums Gehirn; und sieht man den Hirnforschern zu, wie sie reden, wird man feststellen: auch ihnen geht es um etwas anderes. Praktisch geht es um die Herkunft der Irritation, und niemand kann evident begründen, es sei in dieser Sache ein Gehirn über sich selbst irritiert, ja, ein Gehirn kann nicht einmal irren. So wenig wie die Verdauung oder der Blutkreislauf dies vermögen, so wenig ist ein Gehirn dazu in der Lage, es sei denn, man nimmt an, dass ein neuronales Gewebe ein überleibliches Organ sei. Als säkularer Mensch wird man sich dazu kaum versteigen können, andernfalls könnte man dann mit dem gleichen Recht auch sagen, die feine Pinselkunst eines Dalí sei wissenschaftliche Malerei. Ein metaphysisches Organ gibt es einfach nicht.
Man liegt sicher nicht ganz falsch, wenn man annimmt, dass die strukturellen Determinanten der Irritation weniger in biophysikalischen Vorgängen irgendeiner neuronalen Hinterwelt liegen, sondern eher durch etwas ganz anderes zustande kommen, etwas sehr Vorderweltliches, das etwas kann, was kein Gehirn kann: Themen erzeugen, Beiträge sammeln, Irritation steigern, Argumente sortieren und bei Bedarf das Thema wechseln. Zu diesem Zweck sei hier darauf hin gewiesen, dass die Irritationen über zurückliegendes Thema vielleicht erklärbar werden, wenn man sich fragt, warum auch das Gespräch über das Gehirn über kurz oder lang scheitern und zu gegebener Zeit neu belebt werden wird. Es bezieht sich auf ein bislang nur ungenügend bewältigtes Problem der alteuropäischen Tradition, das uns als metaphysischer Realismus vorliegt. Zwar hat man es schon geschafft, der Tradition mit Gelassenheit zu begegnen, indem man auf Argumente des Konstruktivismus verweist, aber auch der Konstruktivismus hat, soweit ich es überblicke, keine Theorie für das Scheitern einer Theorie, auch nicht für das Scheitern des metaphysischen Realismus und damit keine gute Erklärungsbasis für seinen eigenen Erfolg. Der Konstruktivismus mag Lösungen liefern, aber für welches Problem? Für das Problem der Erkenntnis? Erkenntnis als Problem zu bezeichnen ist doch äußerst ungewöhnlich, wo doch nichts so normal ist wie Erkenntnis. Sie kommt mehrmals täglich vor, beim Rasieren genauso wie beim Computerspiel oder am Telefon; dass das bei Philosophen ebenso vorkommt, macht die Sache aus diesem Grunde noch nicht besonders interessant. Außerdem gibt es auch im philosophischen Gespräch in den meisten Fällen wenig Grund, sich über Erkenntnis zu irritieren, denn das Gespräch müsste sofort zum Stillstand kommen ob der unzählig vielen Anschlussmöglichkeiten. Entsprechend bleibt dann nur die Möglichkeit übrig, Irritationen für die Fortführung des Gesprächs zu nutzen, ohne sich über die Herkunft jeder möglichen Irritation zu irritieren. Auch ein philosophisches Gespräch über Erkenntnis erzeugt Erkenntnis, welche aber zum Zeitpunkt ihres Vorkommens nicht irritieren kann, denn sonst wäre sie unmöglich.
Die Besonderheit, den Normalfall der Erkenntnis zum Problemfall zu machen, ist das herausstechende Merkmal unserer Rezeption der Tradition, welche ihrerseits noch die Möglichkeit akzeptieren konnte, dies nicht zu sehen, weil ihre zu behandelnde Problemlage das noch nicht erforderte. Entsprechend lieferte sie Lösungen, mit denen wir kaum noch etwas anfangen können, weil uns, scheint mir, das Problem der Tradition abhanden gekommen ist. Aber sofern wir eben dies nicht sehen, kann passieren, was durch die von Friedrich Seibold hier im Marburger Forum ausgelöste Diskussion um die Frage, ob es eine bewusstseinsunabhängige Realität gibt, passiert ist. Die Diskussion hat uns anschaulich vor Augen geführt, wie wenig Lösungskompetenz das traditionelle Problem einer wie auch immer gemeinten objektiven Realität außerhalb des Bewusstseins enthält. Denn wir dürfen auf die so gestellte Frage, ob es eine bewusstseinsunabhängige Realität gibt, zwei verschiedene Antworten ernsthaft prüfen. Die eine Antwort lautet: ja, die andere: nein. Die daran anschließende Frage lautet nicht, welche richtig oder falsch ist. Sie lautet: wie ist das möglich? Denn die Prüfung beider Antworten hat zum Ergebnis, dass sie letztendlich unhaltbar sind. Wenn dann aber Beweise, im erweiterten Sinne des Begriffes zwingende Argumente oder auch nur plausible Begründungen in Hinsicht auf Für und Wider ins Gespräch gebracht werden, kann nicht erkennbar werden, dass man durch keinen Beweis beweisen kann, dass Beweise etwas beweisen. Oder auch anders formuliert: wer etwas zu beweisen hat, müsste beweisen können, dass es genau darauf ankommt; aber wir stellen fest, dass es darauf eben nicht ankommt. Im Gegenteil. Das Anführen von Beweisen mag zwar zur Verdichtung von Argumentationskompetenz und zur Steigerung der Irritation beitragen, stellt man aber fest, wie wenig haltbar sie sind, geht man sehr schnell dazu über, Beweise selbst zum Thema des Gesprächs zu machen, man tut also dann im Grunde nichts anderes, als das Thema zu wechseln. Was sollte man auch sonst tun, wenn man logisch erkennt, dass man so nicht weiter kommt? (Weiter)