Zum Problem des metaphysischen Realismus I

Seitdem uns die Hirnforschung über ihre jüngsten Ergebnissen informiert hat und uns in Aussicht stellt, man könne die Funktionsweise des Gehirns irgendwann verstehen, tauchen überall, wo die damit zusammen hängenden Implikationen diskutiert werden, Argumente auf, die einem unerschrockenen Beobachter ein Dejá-vu Erlebnis bereiten, dies insbesondere, wenn es um das Problem des freien Willens geht. Man gewinnt den Eindruck, dass alle relevanten Argumente bereits irgendwo schon einmal geäußert wurden, was freilich niemanden davon abhält, die Diskussion erneut zu führen. Denn tatsächlich muss man zugestehen, dass es ja nicht reicht, wenn irgendwann und irgendwo das Gespräch bereits geführt und mangels nachhaltiger Beteiligung wieder abgebrochen wurde. „Es ist alles schon gesagt, aber noch nicht von allen“ wie Karl Valentin einmal bemerkte, was ja auch daran liegt, dass ständig neue Gäste am Tisch Platz nehmen und diese nicht zuerst die Einladungsliste studieren, denn wie könnte man sich dann überhaupt am Gespräch beteiligen, zumal die Beteiligung erstens überall erwünscht und zweitens von keiner zentralen Stelle aus Einladungskarten verschickt werden.
Außerdem ist ja nicht nur die Frage interessant, was es Neues gibt, sondern auch die, ob das Alte schon bekannt ist. Trotzdem reicht es aber nicht, wenn man mittels eines ausgedehnten Fußnotenteils nachzuweisen versucht, wer was wann schon einmal den freien Willen betreffend gesagt, gefordert, erklärt oder zurück gewiesen hat. Auf diese Weise mag man zwar mit der Autorität der Belesenheit argumentieren können, nicht aber mit der Kraft des Argumentes, das auf jede Autorität verzichtet und folgerichtig auch auf die Autorität der eigenen Kraft. Argumente sind nicht überzeugend, Argumente klären nicht die Sachlage, Argumente sorgen nicht für Ruhe, sie beenden nicht das Gespräch. Argumente sind Vorschläge zur Vereinfachung der Kommunikation, Vorschläge, die entweder akzeptiert werden oder nicht, die entweder das Gespräch beleben oder einfach aussortiert werden. Es kommt also nicht darauf an, zu erklären, dass alles längst bekannt ist, denn das ist es offensichtlich nicht; es kommt darauf an, die Gründe für die fortdauernden Irritationen ernst zu nehmen.
Das, was die Ergebnisse der Hirnforschung so interessant macht, liegt eigentlich nicht an diesen selbst. Die Frage, ob es ein „Ich“ wirklich gibt, ob alle Realität die Realität eines Gehirnes sei, ob man vom „freien Willen“ sprechen könne oder nicht – selbstverständlich kann man über all das sprechen, denn es geschieht doch. Deshalb geht es eigentlich nicht um die Frage, was an dem Gehirn so interessant ist, welche verborgenen Geheimnisse man diesem Organ in Zukunft noch entlocken könnte, sondern mehr darum, warum das Gespräch über das Gehirn die Gemüter so bewegt. Es liegt sicher ein schöner Reiz in der Sache, diese Überlegung feullitonistisch zu behandeln, weil man so auf einfache und sympathische Weise Unterhaltungseffekte erzielen würde, welche die Faszination für das Gespräch zu steigern vermögen. Wollte man etwa beim Gespräch über das Gehirn darauf aufmerksam machen, dass hier heikle, ja fast intime Dinge zur Sprache kommen, so wird man leicht einen Publikumserfolg erreichen, wenn man erwägt, dass in Zeiten des sexuellen Liberalismus neue Zonen der Schamhaftigkeit erzeugt werden müssen, dass neue Grenzen für das, was man nicht, oder nur schwer zur Sprache bringen kann, als Prüfstein der zivilisierten Zuverlässigkeit gezogen werden müssen. „Das Gehirn als Argument und Ausrede“ – so oder ähnlich könnten die Überschriften lauten, und die zu erwartenden Beiträge mögen höchst interessant sein. Es wird sicher nicht lange dauern, und das Thema wird von der Gehirnforschung zu den Ergebnisse der KI-Forschung, von dieser wieder zurück zur Humangenetik wechseln, die Frage wäre nur, ob man jeweils auf Gretchens Anliegen zu sprechen käme oder nicht. Im letzteren Fall blieben die Forscher unter sich, sofern sie darauf verzichteten, sich in Dinge einzumischen, die im Methodenteil ihrer Lehrbücher nicht behandelt werden; erfahrungsgemäß ist dieser Verzicht für eifrige Forscher jedoch unzumutbar. (Weiter)

Siehe dazu auch:
Kann ein Gehirn zwischen Wahrheit und Illusion wählen?
Handlung und Wahlfreiheit – eine Kurzanalyse
Hirnbiologie, Robotik und Recht – Zur Zerrüttung sozialer Konstruktionen