Zum Problem des metaphysischen Realismus III

von Kusanowsky

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Nach Einsichtnahme in das Scheitern des Gesprächs um Für und Wider möchte ich als Gegenvorschlag wieder zum Thema zurück kehren, möchte aber auf zwei daraus abgeleitete Fragen aufmerksam machen. Die erste lautet: woher kommt eigentlich das Problem; und die zweite: warum interessiert es uns immer noch?
Beide Fragen möchte ich vorwegnehmend kurz zusammenfassend beantworten:

1.   Das Problem, sagen wir besser: die Erwägung der Möglichkeit einer bewusstseinsunabhängigen Realität ist entstanden als Lösungsvorschlag in der frühen Neuzeit für eine historisch, durch das Mittelalter, überlieferte Problemlage, die keinen anderen Ausweg zuließ, als nach der Möglichkeit von Erkenntnis zu fragen. Schon diese Frage, nicht schon eine Antwort, war unter der Bedingung eines Paradigmenwechsels zur Moderne anschließbar zu machen, eine Frage, von welcher man damals aus guten Gründen hoffen konnte, dass sie entscheidend weiter helfen würde.
2.    Die Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis hat sich bis heute bewährt und zwar nur insofern sie keine abschließende Antwort geliefert hat. Statt aber heute mit dem Scheitern einer Lösung auch das Scheitern des Problems zu akzeptieren, stellt man das überlieferte Problem auf Dauer, weil man sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht oder nur sehr zögernd und umständlich mit einer aktuellen Fassung des traditionellen Problems beschäftigen möchte. Was bleibt denn übrig, wenn man alle möglichen Antworten auf eine Frage verwirft? Nun, die Frage bleibt übrig. Eigentlich müsste man doch dazu übergehen, die Frage zu stellen, wo Fragen herkommen, ganz allgemein formuliert, wie Probleme möglich sind, denn es könnte ja sein, dass eine Antwort auf die so gestellte Frage doppelt nutzbar ist, nämlich auch zur Beantwortung der Frage, wie Antworten, wie Lösungen möglich sind.
Die Beantwortung beider Fragen geht von der Voraussetzung aus, dass Problem und Lösung als Zwillinge, als Brüderchen und Schwesterchen zur Welt kommen. Es ist unmöglich, ein Schloss zu erfinden ohne zugleich die Erfindung des passenden Schlüssels möglich zu machen. Und andersherum. Problemerkenntnis und Lösungserkenntnis sind nicht bloße Komplementärbegriffe, sondern sie sind praktisch sich gegenseitig stützende und korrelierende Ergebnisse von kommunikationsstrukturierten Sinnfindungsprozessen, welche, sobald es gelingt, sie asymmetrisch zu differenzieren, Strukturbildungseffekte zeitigen, die ihrerseits dafür sorgen, dass die Verbindungswege zwischen Schlüssel und Schloss intransparent werden mit dem Ergebnis, dass das Licht jeder möglichen Aufklärung auch als Gegenlicht die Durchsicht blenden kann. Plötzlich hat man es dann mit der Problemerkenntnis der Intransparenz zu tun und entscheidet sich dafür, nach einer Lösung zu suchen, statt danach zu fragen, wie man sie denn nur verlieren konnte. Denn wo sollte das Problem hergekommen sein, wenn es nicht auch eine Lösung gegeben hätte? Aber jeder weitere Versuch, der sich nicht über die Herkunft des Nichtwissens irritiert, steigert nur die Intransparenz und sorgt für Verschärfung der Problemlage. Dass aber auch Nichtwissen – das Ergebnis eines Prozesses des Vergessens – erzeugt werden muss, dass also auch Strukturen der Löschung von Informationen begleitend mitentwickelt werden, kann jedem einleuchten, der sich daran erinnert, dass er etwas vergessen hat.
Nehmen wir Problem und Lösung als zwei Seiten einer Form, die wir dadurch definieren, dass die eine Seite nicht ohne die andere möglich ist und nur durcheinander (in der doppelten Bedeutung des Wortes) überhaupt in Erscheinung treten können, so muss uns zur Herstellung von zwei Möglichkeiten einer zu erzeugenden Wirklichkeit (Problem/Lösung) das Kunststück gelingen, beide Seiten, obgleich zusammengehörend, unabhängig von einander zu betrachten, sie zu separieren, sie zu trennen auch dann, wenn wir Gefahr laufen, uns ein Defizit der paradoxen Widersprüchlichkeit einzuhandeln, und damit konsequenterweise ein Realitätsdefizit. Die Asymmetrisierung beider Seiten bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, ob das Problem als Problem oder als Lösung behandelt wird, oder auch andersherum: die Lösung als Problem oder Lösung. Entscheidet man sich nicht, kommt man nicht weiter, denn: ist der Unterschied von Problem und Lösung ein Problem oder eine Lösung? Man erkennt sofort, dass man den Unterschied nur mit Hilfe eines weiteren Unterschieds operativ handhaben kann. Fehlt es am Licht oder will man nach dem Lichtschalter suchen? Es kommt eben darauf an, was man als Problem, was als Lösung nimmt – die Dunkelheit oder die Sicherung? Entsprechend wird man vielleicht nach Machbarkeit/Nichtmachbarkeit fragen und schauen, ob’s geht. Freilich ist die Sache makrotheoretisch etwas komplizierter, wenn man davon ausgeht, dass eine philosophische Tradition nur durch den Staffellauf mehrerer Generationen zustande kommt, zuzüglich der Vermutung, dass die Übergabe des Stabs auch scheitern, dass also Diskontinuität innerhalb einer Kontinuität vorkommen kann. Man könnte es trivial in der Weise formulieren, dass man die Tagesordnung der zu behandelnden Punkte festlegen und dann den Sachverhalt entlang einer Zeitachse auseinander ziehen muss, ohne allerdings kontrollieren zu können, dass die Tagesordnung wie geplant eingehalten wird. Dies ist gemeint mit dem Begriff der Strukturbildungseffekte, welche auftreten, sobald bei unverzichtbaren Konsistenzprüfungen dessen, was haltbar ist oder nicht, Verschiebungen auftreten, die dann die Aufmerksamkeit auch auf anderes richten können. Prinzipiell sind diese Resultate unvorhersehbar und steuern, auch gegen den individuellen Willen der Beteiligten, den Fortgang des Gesprächs, in unserem Fall die kontinuierliche Kommunikation über die Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis. In nicht wenigen Fällen ist es deshalb möglich, dass man im Laufe der Zeit Antworten gefunden hat auf Fragen, die zuvor gar nicht gestellt wurden. (Weiter)