Eine Bemerkung zur eigenen Verwicklung in Kommunikation

3. Juni 2012 - 2 Antworten

Bei G+ gab es einen interessanten Kommentarwechsel zu dem Artikel Die Naivität “virtueller Realität“.

Ein Google-User hatte kommentiert: “Wieder einmal erschließt sich mir nicht, worauf es hinaus läuft – was ist der Zweck dieses Aufsatzes?” Ich hatte entgegnet: “Welche Forderung müsste erfüllt werden, damit sich dir der Text erschließt? Und von wem?” Die Antwort lautete:

Es wäre natürlich verführerisch zu sagen: der Verfasser müsste klarer schreiben … Vor längerer Zeit wurde mal in Erläuterungen zu einem früheren Text angegeben, es habe sich dabei um eine Art Testung der Leser gehandelt. Seinerzeit ist übrigens meine Sympathie deutlich gesunken und ich werde bei jedem neuen Text den Verdacht nicht los, dass da dann auch wieder “irgendsowas dahinter steckt” …
Was mir aber immer wieder auffällt: ich ersehe nie eine deutlich formulierte Haupt – / End – These / – Behauptung. Aber auch keine klar in den Raum gestellte offene Frage, als Quintessenz quasi. Die Texte hören einfach irgendwann halt irgendwie auf.
Warum wurden die Texte geschrieben? Was die Hauptthese ist, oder die aufgeworfene Frage.

Diese Antwort ist – wie jeder andere Sachverhalt auch – so komplex, dass ich außerstande bin mit einem Text, der nicht länger als eine DIN A4 Seite ist, auf alle wichtigen und interessaten Implikationen einzugehen. Das schöne an einem Blog, dass es ein “offenes Kunstwerk” (Umberto Eco) ist, ein Endlostext ohne Anfang und Ende, der keinen eindeutigen Autor hat, weil ja auch die Kommentatoren, deren Identität niemand ermitteln kann,  zur Erzählung beitragen, und außerdem kann dieser Blog an tausend verschiedenen Stellen weiter kommentiert werden, ohne, dass alle Interessierten all das jemals in Erfahrung bringen könnten, so dass es, kommt es zur Fortsetzung der Kommunikation, keinen aktuellen Stand der Dinge gibt, weil keiner von keinem weiß, was man wissen müsste, um über das Update der Diskussion Bescheid zu wissen. Die Blog-Kommunikation lässt kein Update zu. Der Kenntnisstand wäre überkomplex und ist darum, weil nicht zu ermitteln, prinzipiell irrelevant.

Auf diese Beobachtung hin ist meine Internetschreiberei angelegt. Ich schreibe nicht für ein Publikum, weil ich davon nichts weiß, es sei denn, es melden hier oder da irgendwelche Kommentatoren, die aus diesen oder jenen Gründen irgendwann etwas Interessantes oder Dämliches dazu äußern. Aber außerhalb von weiteren Mitteilungsanschlusshandlungen anderer ist für mich kein Publikum anwesend und keine Öffentlichkeit erkennbar und schon gar nicht erreichbar. Im Prinzip gilt dies für alle anderen Blog-Autoren auch, inkl. der Möglichkeit, dass sie das nicht wissen, weil ja niemand über alles vollständig informiert sein kann (Heißt: auch nicht über die Unvollständigkeit des eigenen Nicht-Informtseins.)

Darum:  eine einigermaßen intelligente Behandlung der Blog-Kommunikation könnte darin bestehen, die eigene Verwicklung in die Kommunikation zu reflektieren. Das heißt: was geht dich dieser Text an? Und warum sollte es mich etwas angehen, dass du mir dies mitteilst? Und warum sollte ich dir mitteilen, das mich deine Mitteilung etwas angeht? Ganz ernst gemeint: wenn du diesen Text liest, stellt sich pragmatisch die Frage, wer für welche Irriationen verantwortlich sein könnte und wer für was auskunftspflichtig sein müsste. Ganz pragmatisch: Wer? Wann? Über in welcher Hinsicht? Zu welchem Thema? Wenn doch erkennbar ist, dass all dies gar nicht klar ist und nicht klar gemacht werden kann. Und deshalb schreibe ich so.

Das Blog ist ein Endlostext, dessen kommunikative Realität nur durch eine Fiktionalität bestätigt werden könnte, mit der imaginiert wird, dass es sich so oder auch anders verhält. Als Einheit dieser Differenz von Realität und Fiktionalität käme dann ein Begriff von Virtualität in Frage.

Die Naivität “virtueller Realität”

1. Juni 2012 - 10 Antworten

Meistens wird der Begriff der “virtuellen Realität” im Unterschied zu physischer Realität benutzt.
Prüft man eine solche Unterscheidung genauer, stellt man fest, dass es sich dabei nur um  eine Verlegenheitsunterscheidung handeln kann, da wir zur Wahrnehmung einer virtuellen Realität keine anderen Sinnesorgane benutzen. Wahrnehmung vermag nur auf Reize zu reagieren, die durch Licht (Augen), Schall (Ohren), Moleküle (Nase, Zunge) und Schwerkraft (Gleichgewicht) bereit gestellt werden und von dem Gehirn nach eigenem Ermessen, nach jeweils systemeigner Operationsweise ausgewertet werden. Deshalb kann Wahrnehmung nicht zwischen einer virtuellen und einer physischen Realität unterscheiden. Das Gehirn verhält sich gegen diese Unterscheidung indifferent. Durch Wahrnehmung kann niemals geklärt werden, was mit dieser Unterscheidung bezeichnet werden sollte. Da aber alle wahrnehmbaren Unterschiede bereits auf entwickelte Sinnstrukturen treffen, scheint einem Beobachter immer schon klar zu sein, wie sich eine physische Realität von einer virtuellen unterscheiden läßt. Damit stellt sich die Frage, was das Compositum “virtuelle Realität” bedeuten könnte, eigentlich nicht mit großer Dringlichkeit, da eine solche verkürzte Betrachtungsweise den Umgang damit gar nicht gar nicht blockiert.

Man spricht über virtuelle Realität im Unterschied zu physischer Realität und kann sich (noch) relativ gut darauf verlassen, dass diese naive Unterscheidung auch von anderen nach Maßgabe der selben Naivität verwendet wird. Und solange diese Unterscheidungsroutine auf keinen aufmerksamkeitsgenerierenden Widerstand stößt, wird diese Navität als immer schon vorausgesetzte Möglichkeit der Realitätsbeobachung genommen, einfach deshalb, weil jeder, der etwas davon verschiedenes beobachtbar machen will, sich entweder dieser Naivität unterwerfen muss, um anschlussfähig zu sein; oder, wenn dies nicht geschieht, für die weitere Selektion ausscheidet. Die Routine vollzieht damit nicht nur die Stabilität der Anschlussfähigkeit, sondern auch das damit verbundene Beobachtungsdefizit, den blinden Fleck.

Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn man höchst irritationsbeladene Begriffsbildungen beobachtet, deren Plausibilität allein durch naive Wiederholung (“retweet”) resultiert: so findet man die “digitale Welt” unterschieden von einer “Kohlenstoffwelt”; man findet “Holzmedien” unterschieden von “elektronischen Medien”; und schließlich verlängern sich dieses Naivitäten in den Bereich dessen hinein, was unter “social media” kommuniziert wird. Dieser Anglizismus hat übrigens den gleichen naiven Differenzierungsgrund. Wird ein Anglizismus verwendet, wird damit zugleich ein Unterschied zu etwas anderem markiert, das als genauso wenig differenziert erscheint. Die Wahl eines Anglizismus differenziert darum nur die Naivität mit einer weiteren Naivität.

Nun ist dieses Naivität entgegen landläufiger Vorstellungen weder rechtfertigungs- und kritikbedürftig. Vielmehr müsste sie erklärt werden. Wollte man dies versuchen, so wird man nicht daran vorbei kommen, selbst naiv zu beginnen. Denn jeder Anfang ist nur deshalb schwer, weil man es immer mit einem Verhältnis von Komplexität zu Simplexität zu tun bekommt: Alle Komplexität verlangt Reduktion, aber nicht jede Reduktion kann ihrer Simplexität entkommen.

Für die Attraktivität der Unterscheidung von virtueller und physischer Realität dürfte darum gelten, dass sie  durch eine hochkomplexe Bewältigung von Anschlussfindungsstrukturen möglich wird, die nahevollständig maschinen- bzw. rechnergestützt differenziert werden.
So erscheint die Internetkommunikation als hochgradig von Simplexität durchdrungen: einem einzelnen Menschen fällt es sehr leicht, die eigene Beteiligung an der Kommunikation festzustellen, wohingegen die Unwahrscheinlichkeit der Kommunkation durch ein Verfahren entzogen wird, das alle Aufmerksamkeit und damit auch alle Differenzierungsfähigkeit auf die Funktionalität richtet, welche im Ergebnis die immer gleichen Elemente zur Realitätsvergewisserung anliefert. Denn eine Verstehensweise von Simplexität besagt: Routinen, die sehr einfach durchzuführen sind, aber zugleich eine komplexe Funktionlität entwickeln, verweisen auf Simplexität, der man durch ihre Faszinationsfähgkeit nicht so leicht entkommen kann; durchaus vergleichbar mit der Faszination für die Vorstellung eines Zauberkünstlers. Es wäre ganz leicht zu verstehen, wie die Tricks funktionieren, wenn es einem gezeigt werden würde. Aber die Fasznation für das, was man wahrnimmt, überwältigt den Zuschauer gleichsam, auch dann, wenn er weiß, dass es nur Tricksereien sind: weil sie eben gut macht sind.

Die Unterscheidung von virtueller und pysischer Realität entspricht darum der Begeisterung für die Technik, die durch ihr zuverlässiges Funktionieren die Unwahrscheinlichkeit ihrer Entstehung gegen ihre Simplexität eintauscht.

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