Differentia

Tag: Wahrnehmung

Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 1

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Paranoische Beobachtungen sind eine Alltäglichkeit, die gar nichts zu tun haben mit irgendwelchen pathologischen Erscheinungen der Wahrnehmung. Andersherum scheint die Pathologisierung von paranoischer Beobachtung daraus zu resultieren, dass unter Beobachtungsbedingungen, die eine allgemeine Sanktionierung durch eine kritische Diszplin erfordern, diejenigen Menschen auffällig werden, die eine höher sensible Wahrnehmung entwickeln und damit einhergehend eine gesteigerte Aufmerksamkeitskontrolle erbringen können, ohne, dass sich die so möglichen Sinnkombinationen für die Kommunikation als konsistent erweisen, weil die kritische Disziplin Erweiterung und Differenzierung der Wahrnehmung durch Selbsteinschränkung erfordert.  Der Imperativ der kritischen Disziplin würde lauten: Glaube nicht alles, was du wahrnimmst, sondern nur das, was nach Verzögerung noch wiedererkennbar und kombinierbar ist mit anderen Wahrnehmungsgehalten, die auf gleiche Weise ermittelt wurden.
Bei Paranoikern dürfte die Verzögerungszeit sehr viel kürzer sein und die Kombination sehr viel schneller funktionieren. Paranoiker haben eine gesteigerte Fähigkeit zur Faszination.
Und wenn diese Fähigkeit kommunikativ deshalb auffällig wird, weil eine ganze Bevölkerung alphabetisiert und mobil ist und von Redefreiheit Gebrauch machen darf, so kann es sehr schnell passieren, dass unter diesen Bedingungen eine Pathologisierung betrieben wird, weil die meisten Menschen gar nichts damit anfangen können. Die Selbstschikanierung der Wahrnehmung hat meistens höhrere Priorität.

Paranoia ist ein soziales Beobachtungsphänomen, das nicht ursächlich auf die Fähigkeiten von einzelnen Menschen zurückführbar ist. Die kritische Diszplin des transzendentalen Subjekts erfordert aber die Gewissheit des Gegenteils. Daher die Pathologisierung von Paranoia. Das Subjekt fühlt sich davon bedroht, weil es seine eigene Fähigkeit zur paranoischen Beobachtung, welche alltäglich auffällig ist, marginalisieren muss, ohne welche aber kaum kreative Lösungen zu erbringen wären. Das scheint mir ein Grund für alltagspathologische Komplikationen zu sein. Einerseits ergibt die Kommunikation ständig Sinnkonflikte aufgrund der kritischen Diszplinierung aller, aber diese Sinnkonflikte können dann nicht nach Maßgabe der selben Diszplin gelöst werden, weil die kritische Disziplin Schikanierung verlangt, sie verlangt Hindernisse zu überwinden. Und wenn dies gelingt, dann entstehen weitere Hindernisse. Die bald sich zeigende Überforderung entlädt sich dann meist in Forderungen gegen andere. Und wenn das andere ebenfalls tun, weil sie genauso überfordert sind, steigt die Überfoderung usw.

Meine Erfahrung ist, dass es im alltäglichen Umgang nur selten gelingt, ganz unverhoffte und überraschende Lösungen für Sinnkonflikte zu finden. Die Regel ist der Verdruss; und das ist dann noch das verhältnismäßig Beste.

Ein literarisches Beispiel für Lösungen durch paranoische Beobachtung von Wahrnehmung ist die Romanfigur Sherlock Holmes, dem aufgrund seiner Hypersensiblilität häufig Hellsichtigkeit attestiert wurde, weil kein anderer seine Kombinationsgeschwindkeit von wahrnehmbaren Unterschieden nachvollziehen konnte. Insofern könnte man Sherlock Holmes als einen „Sur-Rationalisten“ betrachten, als einer, der alles durchschaut, ein Supermann.
Kein Zufall auch, dass diese Geschichten zur gleichen Zeit Umlauf kamen wie die Traumdeutung von Sigmund Freud, also um die Jahrhundertwende, ein Reflex auf den alltäglich eingeübten Gebrauch von Massenmedien, gedruckten und bewegten Bildern, die allen zugänglich waren und durch eine immer wirrer erscheinenden Urbanität, durch Elektrifizierung, farbige Werbebilder und beschleunigte Moblität. Als Romanhandlung kann so etwas allerdings nur dann beeindrucken, wenn aufgrund des sozialen Produktionszusammenhangs von Unterhaltungsliteratur geglaubt werden kann, dass es sich nur um Fiktion handelt. Nicht viel anders im Fall der Traumdeutung von Freud: Es handelte sich um Wissenschaft.

Dass paranoische Beobachtung für beinahe alle Menschen ganz alltäglich sind, kann man dadurch beweisen, indem man von der eigenen Wahrnehmung berichtet, von welcher man wissen kann, dass sie jeder kennt, ohne, dass derjenige, der von solcher paranoischen Wahrnehmung berichtet, jeden kennen muss, der das bestätigen könnte. Woher weiß man also, dass dies für beinahe jeden alltäglich ist? Der Grund dafür liegt im aufmerksamen Umgang mit Massenmedien, welche wissen lassen, dass das, was man dort sieht oder hört auch von anderen gesehen und gehört wird. Durch Massenmedien, sowohl durch Berichterstattung über alles Mögliche, durch Romane oder Filme werden expilizit  oder implizit paranoische Wahrnehmung kommuniziert, die man darum nachvollziehen kann, weil man sie selbst kennt.

Fortsetzung

Tor oder nicht Tor?

Anlässlich des Fussballspiels zwischen England und Ukraine, bei dem ein gefallenes Tor nicht gezählt wurde, hat Postdramatiker eine sehr ausführliche Analyse der Beobachtungszusammenhänge und Beobachtungsverhältnisse angestellt. Interessant daran ist, dass Postdramatiker sehr genau eine Beoachtungssituation beschreibt, die ich als Ausgangspunkt für eine Parannoik nehmen würde und nicht mehr als Ausgangspunkt für eine Kritik und zwar aus den Gründen, die Postdramatiker selbst formuliert:

Der Torrichter entschied: Der Ball war nicht hinter der Linie, es ist kein Tor für die Ukraine zu zählen.

Es handelt sich also um ein Entscheidungsspiel bei dem in einer entscheidenden Szene eine hoch spielrelevante Entscheidung zu treffen war, die auf dem Urteil einer einzelnen Person beruhte. Und diese Entscheidung ist wiederum überprüfbar durch die Fernsehtechnik. Denn nicht nur ein Torrichter wurde so positioniert, dass kein weiteres Wembley-Tor geschehen könnte. Sondern auch eine Fernsehkamera wurde so positioniert, dass eine genaue Beobachtung der Situation des Balls im Verhältnis zur Torlinie möglich wird. Und die Bilder dieser Kamera zeigten in Zeitlupe bzw. Standbild, dass der Ball hinter der Linie war. Man könnte nun sagen: Die Spielbeteiligten leben in der Gnade der Ignoranz, die Fernsehzuschauer verfügen über die technische All- oder zumindest Mehrwissenheit. Nun ist es aber so, dass diese Bilder offenbar auch wieder ins Stadion selbst übertragen und dem Publikum, den Spielern und den Unparteiischen gezeigt werden. Es entsteht eine hochgradig seltsame Situation:

Publikum, Spieler und Unparteiische können die Bilder der Torkamera sehen und auf diesen Bildern beobachten, dass der Ball hinter der Linie war. Das aber hat keinen Einfluss auf die (bereits getroffene) Entscheidung von Tor- und Schiedsrichter, die nämlich den Ball als nicht hinter der Linie festgestellt und damit kein Tor gegeben hatte. Selbst nach Beobachtung der Bilder, auf denen der Torrichter das Bild des Balls und seiner selbst im Akt der Entscheidung sieht, gibt es keine Möglichkeit, diese Entscheidung zu korrigieren. Es handelt sich um eine sogenannte Tatsachenentscheidung: Das heißt, dass die Entscheidung eine Tatsache schafft. Der Torrichter stellt also nicht etwa das Faktum eines Tores oder Nichttores fest, sondern seine Entscheidung schafft das Faktum von Tor oder Nichttor. Deswegen kann auch die Entscheidung nicht durch eine bessere Beobachtung korrigiert werden. Denn auf die durch die Entscheidung geschaffene Tatsache Tor/Nichttor hat eine andere Wahrnehmung keinen Einfluss.

Interessant ist das deshalb, da ja alle Beteiligten (Schiedsrichter, Spieler, Zuschauer im Stadion und außerhalb) gleichzeitig beobachten können, wie es sich verhält. Denn will man auch behaupten wollen, dass der Schiedsrichter falsch entschieden hat, so hilft das alles nichts, um so mehr, da auch der Schiedsrichter sofort wissen kann, dass er falsch entschieden hatte. Er kann nur Irrtum eingestehen, was allerdings folgenlos bleiben muss.

Die Lösung wäre, dass der Schiedsrichter beim nächsten Mal gleich die Fernsehbilder live im Stadion anschaut um wissen zu können, was sich nur 15 Meter vor ihm abspielt. Das würde aber bedeuteten, dass die Wahrnehmung des Schiedsrichters prinzipiell nicht mehr entscheidungsrelevant sein kann, auch dann nicht, wenn er die live-Bilder in Stadion anschaut. Denn für die Wahrnehmung macht es letztlich keinen Unterschied ob man dahin (also aufs Spielfeld) oder dorthin (also auf eine Leinwand) schaut. Denn beide Fälle sind auf Wahrnehmung angewiesen, damit ihre Beobachtung geschehen kann, aber wenn die Beobachtung von Wahrnehmung geschieht, ist die Wahrnehmung nicht mehr entscheidungsrelevant, besser: Wahrnehmung kann nicht als Rechtfertigung für eine Entscheidung genommen werden. Denn es ist ja nicht so, dass Fernsehbilder die Wahrnehmung verbessern, sondern sie machen nur Wahrnhemung besser beobachtbar.

Das hieße dann: was auch immer der Schiedsrichter sehen (wahrnehmen) mag, relevant ist das nicht mehr. Was auch für die Wahrnehmung aller anderen gilt.