Differentia

Tag: Wahrheit

Die Gesellschaft als Trainingsprogramm 3

zurück / Fortsetzung: Epistemische Kompetenzen – das ist eine möglicherweise seltsame, mindestens aber eine wenig gebrauchte Bezeichnung, die vielleicht eher der Verlegenheit entspringt, welche sich darauf bezieht, dass man etwas wenig Bekanntes nur sehr ungenau bezeichnen kann. Die epistemischen Fähigkeiten der Menschenwelt der Gesellschaft sind keine Selbstverständlichkeit, liegen nirgendwo in einer Wesenhaftigkeit von Menschen ursprünglich begründet. Vielmehr mehr ist ein Essentialismus, der solche Konzepte wieder und wieder ventiliert, eine in akademischen Kreisen gut eingeübte Vermeidungsstrategie, durch die es bislang sehr gut gelungen ist, auf dem Wege des Durchprüfens von Unhaltbarkeiten solcher Art die kritische Disziplin in ihrer Imposanz zu bestärken.
Menschen können nicht einfach irgendwas, weder aufrecht laufen, noch denken, noch sprechen, noch erinnern, noch ihre Kinder lieben oder sonst was. All das ist nicht einfach normal, so alltäglich, gewöhnlich und trivial solche Fähigkeiten auch benutzt werden und von unverzichtbarer Bedeutung sind. Im Gegenteil: gerade die Trivialität solcher Fähigkeiten informiert darüber, dass das, worum es dabei geht, etwas Gewordenes ist, das auch nicht hätte entstehen können, nicht hätte entstehen müssen und vergänglich ist. Denn die Einsicht in die Trivialität von Fähigkeiten macht gerade auf den Unterschied aufmerksam, auf das Ungewöhnliche von bestimmten Fähigkeiten, ihr überraschendes evolutionäres Aufkommen und ihre Entfaltung unter größten Schwierigkeiten.

In Hinsicht auf die Leistungsfähigkeit von Gesellschaft zur Wissensproduktion nenne ich folgende epistemische Kompetenzen: die Fähigkeit etwas glauben zu können, die Fähigkeit Wahrheit zu erkennen und die Fähigkeit zur Vernunft. Diese Fähigkeiten sind evolutiv durch soziale Standardisierung von Kommunikationsmedien entstanden, welche möglich machen, dass nicht nur Kommunikation über Unwahrscheinliches geschieht – wie Luhmann erklärt, sondern, dass durch Standardisierungen soziale Systeme infolge ihrer Evolution irreversible Spuren in ihrer Menschenumwelt hinterlassen, welche, sobald sich die sozialen Verhältnissen ändern, gleichsam als Ruinen, als Relikte, als Überbleibsel, als Erbschaft bestimmte Umweltbedingungen stabil halten, die dann unter sich ändernden sozialen Zusammenhängen Chancen dafür liefern, dass auch unter schwierigsten, vielleicht sogar unter aussichtslosen Verhältnissen das Fortdauern der Gesellschaft möglich ist. Für soziale Systeme, die Wissen produzieren gelten darum folgende Voraussetzungen:

  • 1. Kein System ohne Umwelt.
  • 2. Kein System ohne eine geeignete Umwelt.
  • 3. Kein soziales System ohne eine geeignete Menschenumwelt.
  • 4. Kein soziales System der Wissensproduktion ohne geeignete epistemische Fähigkeiten einer Menschenumwelt.

Ich verfolge die Überlegung, dass ein Wissenschaftler, der sich als Mensch beschreibt, weder wissen muss, was Wissenschaft ist, noch muss er wissen, was ein Mensch ist. Er muss gar nicht wissen, was er ist oder was er macht, allein es reicht, dass er all dies wissen kann. Und die Frage ist: wie ist das möglich?

Fortsetzung

 

 

Schutzfunktion der Wissenschaft @offengesprochen @Erbloggtes

Die Wahrheit von Sachverhalten zu benennen ist nur erlaubt, wenn man sie auch beweisen kann, um so mehr, wenn die behandelten Sachverhalte Personen sind. Denn Wahrheit kann, wenn es um Angelegenheiten der Rechtfertigung geht, niemals folgenlos bleiben. Das liegt daran, dass Personen über Wahrheit, sofern sie selbst eine solche sein könnten, keine Eigenmächtigkeit besitzen. Keine Person kann eigenmächtig darüber bestimmen gegenüber anderen bevorzugt zu werden. Wenn sich in Konkurrenzsituationen jeder gegen jeden stellen darf, darf es niemanden geben, der innerhalb solcher Konkurrenzverhältnisse exklusive Mittel des Konkurrenzkampfes in Anspruch nehmen kann.
Deshalb sind Personen notwendig auf sozial organisierte und legitimierte Schutzfunktionen angewiesen, weil ohne solche Schutzfunktionen Rechtfertigungen für Entscheidungen über Bevorzugung gar nicht getroffenen werden könnten. Denn die wichtigste Schutzfunktion besteht darin, Personen nicht als Sachverhalte zu beschreiben, weil nur auf diesem Weg gerechtfertigt werden kann, dass Personen über Sachverhalte entscheiden und nicht über Personen. Durch die Schutzfunktion wird sicher gestellt, dass Personen für andere Personen als Sachverhalte in Erscheinung treten, sofern über sie Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber die Entscheidungsinstanz, sofern sie eine Person ist, darf dann selbst kein Sachverhalt sein.
Auf diesem Wege werden bei ausreichendem Differenzierungsgrad von Organisationen immer mehr Personen für einander zu Sachverhalten, wenn für alle beteiligten Personen entsprechende Schutzfunktionen erreichbar sind. Das hat auch zur Folge, dass alle Personen unter solchen Bedingung das Merkmal kafkaesker Opazität auf sich ziehen, weil man die Wirrnisse nicht mehr durchschaut, die durch sozial stabile Schutzfunktionen garantiert werden.

In der Wissenschaft ist die Erreichbarkeit solcher Schutzfunktionen asymmetrisch verteilt. Je höher in der Hierarchie angekommen, um so besser konnten Personen Schutzfunktionen für sich in Anspruch nehmen um von da aus anderen, subalternen Stellen eine solche Schutzfunktion zu entziehen, bzw. durch Beförderung zuerkennen. Diese Asymmetrie hat sich seit der Geburtsstunde moderner Wissenschaft sozial differenziert. Sie wurde nie abgeschafft, vielmehr wurden im Laufe von etwa 200 Jahren immer voraussetzungsreichere Möglichkeiten geschaffen, um immer mehr durch Organisation vergesellschaftete Personen in die Funktionsweise solcher Strukturen einzubinden.

Der vorläufig letzte Schritt in der Entfaltung von Schutzfunktionen dürfte sich durch die Verbreitungsmöglichkeiten des Internets ergeben. Das Blog „offengesprochen“ – eine gute Schutzfunktion wird übrigens auch durch Ironie gewährleistet – veröffentlicht sog. „Whistleblower“- Geschichten über Missstände in der Wissenschaft. Neu sind keineswegs die berichteten Missstände, die Heuchlei, das Versteckspiel, das Tricksen und Täuschen, wie es in allen Bürokratien üblich ist; neu ist nur, dass diese Berichte veröffentlicht und massenweise verbreitet werden können, aber eben nur unter der Voraussetzung, dass sie alle Wahrheit nur in Anführungsstrichen setzen dürfen, weil die Wahrheit um die es geht, Personen sind, die von ihr folgenreich adressiert werden könnten. Die Wahrheit, um die es geht, darf zwar mitgeteilt werden, aber nur so, dass sie folgenlos bleibt.

Der beste Wirkung dieser Veröffentlichung dürfte in ihrem apokalyptischen Gehalt liegen. Es wird auf diese Weise offenbar, worüber schon immer alles gewusst und über das schon immer alles geredet wurde, dies aber immer so, dass zwar die Wahrheit für adressierbare Personen folgenlos bleibt, dass sich jedoch für die soziale Struktur immer eine Differenzierungoption eröffnete. Genau dazu dürfte auch dieses Blog und weitere Publikationsversuche beitragen.
Nicht, dass sich etwas an den Missständen in der Wissenschaft infolge solcher Berichte etwas ändern würde. Vielmehr dürfte deutlich werden, dass es sich so verhält. Solche Publikationsversuche verbessern die Immunisierungsmöglichkeiten der Wissenschaft bis zur vollständigen Perfektion. Denn die perfekte Immunisierung funktioniert dann, wenn beinahe alle über fast alles sehr gut Bescheid wissen und trotzdem funktionieren die Abläufe so, dass es allen Grund gibt, ihre Missständigkeit stets auf Neueste und Schärfste zu kritisieren.
Man erkennt dann, dass die Irritation über diese Abläufe ein wichtiger Beitrag dafür sind, ihre regelmäßige Erwartbarkeit zu kritisieren.