„Ich verstehe nur Stuttgart 21…“

Mit der Durchsetzung der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, also etwa in dem Zeitraum, in dem eine funktional differenzierte Gesellschaft anfing, sich auf die Zeit nach ihrer industriellen Produktionsweise umzustellen, war die Eisenbahn das wichtigste Verkehrs- und Transportmittel, nicht nur zum Transport ziviler Güter und Personen. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ – das galt auch für die Eisenbahn: Verpflegung, Kriegsgerät, Truppen – alles wurde mit der Bahn an die Front gebracht. In der umgekehrten Richtung kamen mit ihr die Soldaten zum Heimaturlaub oder bei ernsthafter Verletzung wieder zurück nach Hause. Wohl aus diesem Grunde wurde im Ersten Weltkrieg für Soldaten der Bahnhof zum Sinnbild für die Heimat, je sehnlicher, umso länger der aussichtslose Krieg dauerte. Und als schließlich jede Spur der anfänglichen Kriegsbegeisterung der Hoffnung gewichen war, dass der Krieg ein baldiges Ende finden möge, wurde oftmals in Gesprächen, die sich nicht um das dringlichste Thema drehten, mit den Worten „Ich verstehe nur Bahnhof“ auf das verwiesen, was man am sehnlichsten begehrte: Frieden. Was auch hieß: Entmilitarisierung des Verkehrs.
Der heutige Stuttgarter Hauptbahnhof wurde von 1914 bis 1928 erbaut. Das heißt, er wurde entweder zu spät oder zu früh gebaut; zu spät, weil während des Krieges alle Mittel in der Fortsetzung eines aussichtslosen Krieges gebunden waren; zu früh, weil eine postindustrielle Konsumgesellschaft, für die der Standort des Hautbahnhofs im Umfeld der Königsstraße und der Klett-Passage ideal geeignet war, noch lange auf sich warten lassen musste. Als die Entmilitarisierung des Verkehrs schließlich zur Alltagserfahrung wurde, als wirre Werbeplakte schließlich kaum noch erkennen ließen, wofür eigentlich geworben wurde, als der Verkehr dichter und immer lauter wurde wurde, musste die Bedeutung einer bekannten Redeweise uminterpretiert werden, weil der Bahnhofslärm eine ganz andere Art von Friedensehnsucht stimulierte: „Ich verstehe nur Bahnhof“ war damit eher ein Vorwurf ob der unzumutbaren Verhältnisse, denen sich Menschen an einem Ort wie dem Stuttgarter Hauptbahnhof aussetzen mussten.
Der Ablöseprozess von einer Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft bringt es für eine Zwischenzeit mit sich, dass permanent ein Wachstum geschaffen muss, um Bedürfnisse zu befriedigen, die schon lange keiner mehr hat. Dazu zählt sicher auch das Bauprojekt Stuttgart 21. Dass es nicht länger Zweck der Wirtschaft ist, Bedürfnisse zu befriedigen, ist eine Einsicht, die aber erst dann in einer Wissensgesellschaft zum allgemeinen Kenntnisstand gehört wird, wenn sie sich längst wieder auf etwas anderes vorbereiten muss. Wenn also die belanglose Wirtschaftswahrheit, derzufolge ein Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis regelt, abgewimmelt werden kann mit dem Hinweis: „ich verstehe nur Bahnhof“, dann wird man sicher sein können, dass Historiker rückblickend über den Bürgerprotest in Stuttgart formulieren werden: „Ja, ja, Wachstum… – ich verstehe nur Stuttgart 21.“
 

Ehemaliger „Stuttgarter Centralbahnhof“ 1913. Foto: Wikipedia