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Tag: Verschwörungstheorien

Warum gibt es Verschwörungstheorien? 3

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Die Abscheu gegen Verschwörungstheorien findet im Wunsch nach der Wirksamkeit von Aufklärungstheorien ihr Gegenstück, obgleich in beiden Fällen niemals befriedigende Ergebnisse zu erwarten sind. Abscheu könnte, so die Vermutung, eher dazu führen, sich mit anderem zu befassen; und der Wunsch nach Aufklärung muss nicht wiederholt werden, wenn sie gelingt. Bemerkenswert ist aber, dass weder Abscheu noch Aufklärung dazu führen, diesen Kram einfach liegen zu lassen und sich mit anderem zu befassen. Es scheint eher das Gegenteil zu wirken: Ablehnung von Verschwörungstheorien und Nachfrage nach Aufklärungstheorien sorgen eher dafür, den Zirkus, nämlich die Produktion von Verschwörungstheorien am Laufen zu halten. Gleichviel ob Verschwörungstheorie oder Erklärungstheorie – in beiden Fällen handelt es sich um Erklärungsbemühungen, die nicht durch irgendwelche Erfolge motiviert werden, sondern eher durch ihr Scheitern: Abscheu bewirkt noch mehr Abscheu und Aufklärung bewirkt noch mehr Bedarf an Aufklärung., weil sich jede Aufklärung als ungenügend erweist. Niemals aber wird die Akte geschlossen.

Wie aber kann es gelingen, dass beide Typen von Erklärungsbemühungen eine eigene Realitätskonsistenz in der Weise hervorbringen, dass die Beschäftigung mit ihnen nicht nur nicht langweilig, sondern im Gegenteil dazu geeignet ist, Interesse anzufachen, zu steigern und – wie im Fall der Idee von einer geheimen Weltregierung, die von Außerirdischen geleitet wird – in die fantastische Übertreibung zu führen?

Beim Nachdenken darüber scheidet eine Antwortmöglichkeit grundsätzlich aus, welche lautet, das müsse an der Dummheit, der Denkfaulheit, der Verführbarkeit von Menschen liegen, die sich immer wieder und immer hoffnungsloser auf solche Spekulationsroutinen einlassen. Denn wer so anfangen will, steigt niemals aus dem Spiel aus, sondern setzt es nur mit der nächsten fantastischen Spekulation fort. Denn auch in dem Fall wird etwas angenommen, dass ursprünglich, ursächlich, uranfänglich etwas dahinter stehe. Aber was wäre, wenn es eben dies der Irrtum ist? Was wäre, wenn nichts dahinter ist?

Wie kommt es dazu, eine Hinterwelt zu vermuten? Und wie steigern sich die Bemühungen und das Engagement, eine solche Hinterwelt zu erkunden, aufzudecken, zu entschlüsseln oder zu enträtseln?

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Warum gibt es Verschwörungstheorien? 2

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Woraus beziehen Verschwörungs- und Aufklärungstheorien ihre Empirizität? Diese Frage bedeutet: wie kann es sein, dass es Verschwörungs- und Aufklärungstheorien gibt, wenn man ihre Antworten nicht einfach mit wahr oder falsch annehmen oder ablehnen kann?
Die Empirizität solcher Spekulationsroutinen, die wahre Hintergründe aufdecken wollen, ergibt sich nicht dadurch, dass es wahre Hintergründe gibt, die als zutreffend oder unzutreffend festgestellt werden, und zwar deshalb, weil irgendein Hintergrund, weil irgendetwas, das dahinter stecken möge, keine letzte Antwort liefert, sondern allenfalls weiter fragen lässt, was denn dahinter stecke, wenn man meint, dieses oder jenes stecke dahinter.
Wenn also Verschwörungstheoretiker meinen, hinter den Flüchtlingsbewegungen stecke die Regierung, die bestimmte Absichten habe, etwa die, einen Bevölkerungsaustausch zu organisieren, dann kann man das glauben oder nicht. Aber in beiden Fällen bleibt die Frage übrig, wer oder was denn hinter dieser Regierungspolitik stecke, die für diese Flüchtlingsbewegungen entweder verantwortlich sei oder nicht. Wenn man also im Zweifelsfall nicht genau heraus finden kann, was genau dahinter stecke, steckt eben etwas weiteres dahinter. Verschwörungs- und Aufklärungstheorien fungieren deshalb für einander als Referenzierungsressource: Kommt eine Aufklärungstheorie nicht weiter, beendet sie ihre Ausführungen damit, dass die Verschwörungstheorie falsch ist. Kommt eine Verschwörungstheorie nicht weiter, behauptet sie, die Aufklärungstheorie sei eine Irrführung der Verschwörer. Und so weiter. Verschwörungstheorien sind genauso aufklärerisch tätig.

Die Empirizität solcher Erklärungsversuche liegt also einmal in den unendlichen Sinnverweisungshorizonten, die durch die Grenzen eröffnet werden, die von diesem Wechselspiel selbst gezogen sind, weil auf diese Weise gleichsam eine dritte Option ausgeklammert wird und nur in der Selbsteinklammerung dieser spekulativen Routinen der Ausweg darin gefunden wird, mit dieser Routine einfach weiter zu machen.
Ich hatte vor vielen Jahren auf einer Veranstaltung bei der republica 2013 in Berlin folgendes erlebt: eine junge Studentin hatte einen Aufklärungsvortrag darüber gehalten, was von dieser Chemtrail-Verschwörungstheorie zu halten sei; und sie lieferte einen scheinbar einleuchtenden Beweis nach dem anderen, dass diese Verschwörungstheorie gar nicht stimmen kann. Im Publikum regte sich mit der Zeit aber etwas Unruhe, nicht, weil man ihr nicht glaubte, sondern weil man doch, wenn das alles so offensichtlich einsichtig sei, wie sie meinte, fragen kann, warum immer mehr Menschen, auch in Berlin und anderswo, immer wieder dieser Verschwörungstheorie verfallen. Plötzlich wurde während der Veranstaltung ganz offen gefragt: Was denn wohl dahinter stecke, wenn diese Verschwörungstheorie offensichtlich so bliebt ist? Das Publikum hatte kurz aufgelacht. Aber es wurde nur der Ausweg gefunden, dass die Verschwörungstheoretiker im Irrtum sind. Was hinter diesen Irrtümern stecke, konnte nicht geklärt werden, aber immerhin: etwas müsse dahinter stecken. Das war dann die letzte aller Antworten, womit zugleich nur eine Pause eingeschaltet wurde, um mit dem gleichen Spiel an anderer Stelle weiter machen zu können.

Niemand weiß so genau, was hinter Verschwörungstheorien steckt. Denn: wenn es nur Irrtümer, Lügen, Halbwahrheiten, Desinformation wäre, dann kann man immer noch fragen, was denn dahinter steckt.

Man sieht: dieses Spiel findet kein Ende, sondern nur eine Grenze innerhalb der sich so einkreisenden Spekulationsroutine. Aber warum wird es nicht langweilig, wenn das Schema durchschaubar ist?
Die Antwort könnte lauten, dass das Schema keineswegs so leicht durchschaubar ist, wie man glauben könnte.

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