Differentia

Tag: Turingtest

Der Turing-Test als Glasperlenspiel

https://twitter.com/kusanowsky/status/475939760834609153

In dem verlinkten Artikel heißt es:

Computerprogramm „Eugene“ besteht Turing-Test. Bei einer Veranstaltung der University of Reading hat ein Computer den berühmten Turing-Test bestanden. Er machte menschlichen Schiedsrichtern in einem Chat glaubhaft, dass er ein 13-jähriger Junge sei.

Berichtet wird, dass die Mitteilungsfähigkeit eines Computerprogramms unter bestimmten Bedingungen nicht von der eines 13 jährigen Kindes unterschieden werden kann. Folglich habe das Computerprogramm den Turing-Test bestanden. Daraus kann man berechtigterweise den Schluss ziehen, dass, wenn wenig geht, auch mehr möglich ist, sofern Fortschritt funktioniert. Und dass er nicht funktioniert, kann niemand so einfach erklären.

Entsprechend könnte dieser Bericht eine kleine Sensation sein. Künstliche Intelligenz ist von natürlicher Intelligenz nicht zu unterscheiden. Aber was heißt das schon? Jeder, der einen Nachbarn hat wie ich einen habe, weiß, dass es natürliche Intelligenz gar nicht gibt. (Und wenn du keinen Nachbarn hast wie ich, dann bestimmt einen Kollegen oder Chef, für den das selbe gilt.) Was wäre also von künstlicher Intelligenz zu erwarten, wenn, wie in diesem Experiment, der Beobachtung zur Fähigkeit unterstellbarer Selbstreferenz große Hindernisse entgegen gebracht werden? Denn in diesem Experiment wird nur das Hinundher schriftlicher Mitteilungen einer Bewertung unterzogen, lächeln, lachen, anschreien, treten, schlagen, prügeln, also das ganze Programm von Mitteilungshandlungen, lässt sich auf diese Weise nicht als Mitteilungsversuche testen.

Ob man nun Intelligenz zurechnen möchte oder nicht – davon ist nicht abhängig, ob sich Kommunikation ereignet oder nicht. Eine noch so große meßbare Intelligenz stellt nicht sicher, dass Kommunikation weiter geht.  Intelligenz ist – entgegen sämtlicher Science-Fiction-Visionen – kein magisches Vermögen, das Macht über Menschen gewinnt. Intelligenz, wie immer konzeptioniert und messbar, ist keine Zauberkraft, Intelligenz entfaltet weder auf natürliche noch auf künstliche Weise irgendeine Wirkungsmacht. Intelligenz ist nur etwas, dann man definieren und messen kann und dies nur unter Voraussetzung, dass es immer auch anders geht. Aber damit sind keine ausreichenden Bedingungen dafür gefunden, ob Kommunikation abläuft. (Beweis: der Kundenservice der deutschen Telekom zum Beispiel. Fraglos bist du intelligenter als ein dämliches Computermenue, aber das heißt nicht, dass du die Macht hättest, die Probleme zu lösen. Du kannst es nicht.)

Trotzdem aber ist dieses Experiment sehr aufschlussreich. Denn es zeigt die Kontingenz der Problemerfahrung. Es zeigt, dass Kommunikation eine soziale Operation und nicht identisch mit Humanvermögen ist. Mögen Menschen auch eine sehr differenziert ausgebildete Mitteilungsfähigkeit entwickelt haben und mag es sein, dass auch die Mitteilungsfähigkeit von Computerprogrammen zunimmt und weiter gesteigert werden kann. Das entscheidet noch nichts. Entscheidend ist ob die Kommunikation auch unter kompliziertesten Bedingungen noch möglich ist, wobei die Bewältigung von Komplikationen zwar nicht ohne Intelligenz geschehen kann und auch nicht ohne Maschinenintelligenz. Aber, wie oben bereits gesagt: Intelligenz entfaltet keine dämonisch-magische Wirkungsmacht. Das gilt für Menschenintelligenz genauso wie für Maschinenintelligenz. Beides ist nur Ergebnis sozialer Zurechnung, die immer auch anders ausfallen kann (Beispiel: Nachbarn, Arbeitskollegen). Kommunikation testet fortlaufend, ob die geeigneten Bedingungen zu ihrer Fortsetzung noch erfüllt sind. Kommunikation erschöpft sich nicht darin, Befehle zu geben oder ihnen zu folgen. Kommunikation ist nicht allein ein Hinundher von Mitteilungen. Kommunikation ist fortlaufendes Abtasten ausreichender Bedingungen ihrer Fortsetzbarkeit. Deshalb gilt der Grundsatz: wenn du nicht weißt ob Kommunikation stattfindet oder nicht, weil allein irgendwelche Mitteilungen nicht ausrreichend sind, um ihren Ablauf erschließen zu können, steigere die Bedingungen und teste ob sie kommunizierbar sind. Das zu unterlassen heißt, sich als Laborratte zur Verfügung zu stellen. Denn Laborratten stellen keine Bedingungen.
Stelle Bedingungen auch dann, wenn ihre Nichterfüllung zu deinem Nachteil sein kann. Erst das lässt Vermutungen darüber zu, ob Kommunikation stattfindet oder nicht.

So lernen die Entwickler von solcher Chat-Software etwas, das auch Soziologen und Psychologen nur mit großen Schwierigkeiten und Einwänden lernen können: sie bringen Kommunikation als Realität in Erfahrung, die sich nicht in Menschen- oder Maschinenfähigkeit erschöpft. Aus diesem Grund kann man sich von weiteren Fortschritten in dieser Sache sehr viel versprechen.

 

Wenn der Hund weint: Turing-Test für Hunde, erratisch-paranoische Impressionen V

Das Video zeigt einen Hund, der versucht, eine Bronze-Statue zum Stöckchenwerfen aufzufordern. Angeblich handelt es sich bei der Statue um das Bronzebildnis von Alan Turing.

Der erratische Aspekt dieses kurzen Videos ist durchaus kompliziert. Es handelt sich beim Gesamtarrangement dieser Szene nicht bloß um eine filmische Dokumentation eines mehr oder weniger lustigen Ereignisses. Wenn man etwas geduldiger ist, kann einem auffallen, dass alles gar nicht so simpel ist.

Beschreiben würde ich diese Szene als ein höchst wackeliges Gefüge, das sich aus mindestens 8 Beobachterpositionen zusammensetzt. Dabei unterscheide ich zwischen zwei Arten von Beobachtern, die man in zwei Gruppen sortieren kann:

  1. Beobachter, die Unterschiede ermöglichen, aber nicht machen und
  2. Beobachter, die Unterschiede dadurch ermöglichen, dass sie sie machen (Der Unterschied ist die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung)

Dann käme man zu folgender Gliederung von Beobachterpositionen:

  1. a) die Bronzestatue
    b) der Hund
    c) die Kamera
    d) ein Verbreitungsmedium (hier: Internet)
    e) ein Bildschirm (egal welcher, inkl. Audioausgabe, das heißt der Bildschirmbeobachter bezieht sich nicht nur auf das, was man sehen, sondern auch auf das, was man hören kann)
  2. a) der Führer der Kamera
    b) Ich selbst (wer immer das ist.)
    c) ein Leser dieses Textes, wer immer das ist. Einer reicht, weil mindestens ein weiterer Beobachter für jeden Beobachter dieses Textes imaginativ anwesend ist. Das soll heißen: jeder Beobachter, der Unterschiede macht, kann von mindestens einem anderen wissen, der andere Unterschiede macht. Streng genommen müsste man daher unter 1 e. mindestens zwei Bildschirme anführen. Aber die durch zwei verschiedene Bildschirme ermöglichten Wahrnehmungsunterschiede kann man aufgrund ihrer Geringfügigkeit vernachlässigen.

Wenn man diese 8 Beobachterpositionen als Variablen zusammenfügt zeigt sich, dass die Witzigkeit dieser Szene ohne die Fähigkeit zu paranoisch-imaginativer Beeindruckbarkeit kaum auffällig wäre. Denn die Beeindurckbarkeit entsteht durch eine hierarchisch gegliederte Steigerung von Auffälligkeiten, die auf jeder Ebene die Auffälligkeit verstärkt:

1. Ein Hund fordert zum Stöckchenwerfen auf. 2. Der Hund fordert einen Beobachter zum Stöckchenwerfen auf, der für ihn ein Mensch ist. 3. Der Hund fordert einen Menschen zum Stöckchwerfen auf, der für einen anderen eine leblose Statue ist. 3. Dieser Statue bezeichnet Alan Turing. 4. Der Hund weißt nicht, dass mit Alan Turing eine Theorie der Mensch-Maschine-Kommunikation verbunden wird, die für einen Beobachter auch gefasst werden kann als eine Theorie, die sich auf ein Verhältnis zwischen lebenden und nicht-lebenden Beobachtern bezieht 5. So könnte man sich einbilden, dass die Kursiosität aus einem doppelten „Irrtum“ des Hundes besteht, nämlich einen Menschen zum Stöckchenwerfen aufzufordern und dabei einen Turing-Test zu absolvieren, den er nicht bestehen kann. 6. Der Kameraführer bemerkt das und er bemerkt, dass auch andere diese Kurisosität bemerken könnten, wenn er diese Szene abfilmt und verbreitet. 7. Durch das Verbreitungsmedium wird für mindestens einen weiteren Beobachter beobachtbar, dass hier Koinzidenzen auffallen, die auf Zufälligkeiten verweisen, die aufgrund ihrer Unwahrscheinlichkeit der Beobachtung die Reflexion ermutigen. 8. Schließlich zeigt sich, dass ungeachtet der Unterscheidung zwischen Beobachtern 1. und 2. Gruppe alle beteiligten Beobachter für einander abwesend sind und sich lediglich mit Differenzen beliefern: der Hund, die Statue, die Kamera, der Kameraführer, der Bildschirm und mindestens zwei Menschen, die diesen Text über diesen Text lesen.

Die Sichtbarkeit, besser gesagt: die Beobachtbarkeit dieser Kuriosität entsteht dadurch, dass jeder Beobachter (egal ob Beobachter der 1. oder 2. Gruppe) für jeden anderen unsichtbar bleibt und lediglich für jeden Beobachter als imaginativ anwesend unterstellt werden kann. So wird im Verhalten des Hundes die Beobachtung dieser Situation reflexiv, indem sich an seinem Verhalten zeigt, was sich für jeden Beobachter der 2. Gruppe zeigt: Der Witz beruht nur auf Einbildung, auf Imagination, auf die Mutwilligkeit des Unterstellens von Irrtümern, die für jeden einzelnen keine sind, denn keiner irrt sich über sich selbst. Weder irrt sich der Hund über sich selbst noch alle anderen.

Und da das nicht sein kann, obwohl es so ist, erscheint die Sache kurios.

Wenn der Hund weint Teil I, II, III, IV.