Differentia

Tag: Trivialisierung

Zur Metanoia moderner Systeme – Notizen zur Revolution der Medienevolution IV

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In einem Weltsystem, für das als infrastrukturelles Substrat das Internet fungiert, stellt sich zwangsläufig eine Differenzierungen von Kommunikation heraus, mit denen das Weltsystem seine eigenen Kommunikationsprobleme strukturiert. Die Vermehrung von Kommunikation, der Abbau von traditionellen Begrenzungen bei der Kontaktaufnahme, wie sie ehedem durch die Zugehörigkeit zu Familien, Religionen, Kulturen und Staaten gebildet wurden, und die Ansprüche an Kommunikation führen zwangsläufig zur Herausbildung trivialer Formen, wie man dies gegenwärtig am Web 2.0 beobachten kann. Bei Facebook und Twitter erhebt sich der Troll zum revolutionären Subjekt. Damit sind aber auch Enttäuschungen, Rückzug und Überforderung verbunden, wofür es aber zunehmend weniger Ausweichräume gibt. Spätestens, wenn die Formen des Internets alle erwartbaren Kommunikationen überformt haben und je mehr durch Kommunikation erfahrbar gemacht werden kann, sei es z.B. über Umweltprobleme, wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen, Skandale usw., um so mehr werden Risiken des Zusammenbruchs von Kommunikation programmiert, auf die man sich antezipierend einstellen muss. Aus der Trivialität dieser Prozessverläufe entstehen dann ganz neuartige Formen, die die Trivialprozesse, aus denen sie hervorgegangen sind, umkehren.
Das ist gemeint, wenn in diesen Notizen von der Metanoia moderner Systeme die Rede ist.
Es gibt kein zurück zu früheren, einfacheren Verhältnissen. Aus dem Netzwerk eines Weltsystem kann man nicht mehr ausbrechen. Das Erfordernis wird sein, mit Kommunikation so umzugehen, wie mit einem knappen Gut. Andererseits wird man davon ausgehen müssen, dass ohne diese gegenwärtigen Trivialprozesse Kommunikation nicht expandieren kann. Sie sind sozusagen der Preis, ohne den ein Anschluss in dem Netzwerk eines globalen Weltsystem nicht mehr zu haben ist.
Die grundlegenden neuen Muster betreffen die Beziehung zwischen den Systemen und der Technik als systeminterne Umweltkomplexität. Auch wenn die alten Kulturtechniken nicht völlig verschwinden werden, so fungieren sie bereits heute nicht mehr als diejenigen Medien, mit denen Informationen verarbeitet, aggregiert, mitgeteilt und gedeutet werden. Damit ist eine grundlegende Veränderung und vielleicht auch eine neue Möglichkeit der Intelligenzentwicklung erkennbar. Die Entwicklung des Internets ist jedoch andererseits indifferent gegenüber den begrenzten Verarbeitungskapazitäten ihrer Benutzer. Diesen Begrenzungen seitens ihrer Anwender kann ihrerseits durch Simulation begegnet werden, wodurch es zu einer Ausbildung von neuen kognitiven Muster kommen kann.
Insbesondere sind Erfahrungen der Nichtmehrbeherrschbarkeit, also des Abbaus von Illusionen über Steuerbarkeit eine notwendige Voraussetzung, die insbesondere auf das politische System eine entscheidende Auswirkung haben wird.
Die Antwort darauf ist eine Variation und Respezifikation kommunikativer Prozesse, die darin bestehen, dass Kausalität durch Rekursion und Klassifikation durch Mustererkennung zunehmend durch Automatisierungen ersetzt werden. Der Computer erlaubt es einem Benutzer, an einem Kommunikationssystem teilzunehmen, ohne dass er den Prozess der Operation selbst konstruiert oder nachvollziehen muss. Um eine Operation durchzuführen, braucht er nur eine Tastenkombination zu betätigen, deren Auswirkungen er nicht mehr am eigenen Leibe spürt. In einem vereinfachten Vergleich ähnelt dieser Vorgang dem der Steigerung von Erinnerungsfähigkeit bei der Ersetzung der gesprochenen Sprache durch Schrift und den dadurch freisetzbaren Kapazitäten.

Fortsetzung

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Zur Trivialität der Subjekt-Objekt-Unterscheidung

Erfolgreiche Formbildungen erkennt man nicht nur an ihrem häufigen Gebrauch, sondern auch daran, dass man im Verhältnis zur Häufigkeit ihres Gebrauchs nicht die selbe Häufigkeit ihrer Haltbarkeitsprüfung findet. Daraus ergibt sich ein semantischer Abschleifungsprozess: aus der Häufigkeit einer Form ergibt sich eine verstärkte Plausibilität, die dadurch fraglich wird, dass sie in verschiedenen Kontexten ungeprüft Eingang findet und ob ihrer inflationären Verbreitung an die Grenzen einer beliebigen Verwendbarkeit stößt. Spätestens, wenn man den Eindruck gewinnt, dass das singuläre Original der massenhaften Nachahmung immer ähnlicher wird, scheint sich wieder das Nachdenken darüber zu lohnen, was mit dem, wovon alle Gebrauch machen, eigentlich noch gemeint sein kann.

Im Falle der Subjekt-Objekt-Unterscheidung wird man diese Beobachtung machen können.

Das Internet stellt ein ideales Medium der vergleichenden Kontextanalyse dar. Durch das Surfen kann man sehr schnell sehr verschiedene Kontexte aufrufen; und es wäre interessant, ob man Programme schreiben könnte, mit denen man die Auswertung der Inhalte per Softwareunterstützung beschleunigen könnte. Aber eine auch schon weniger gründliche Analyse macht deutlich, wie wenig Klarheit man gewinnt, wenn man danach fragt, was unter „Subjekt“, „Subjektivität“ und „subjektiv“ noch einigermaßen kohärent in Erscheinung tritt. Da man mit einer philologischen Methode diese Komplexität nicht mehr kritisch analysieren kann, muss es reichen, es bei einer Betrachtung von Kontingenz zu belassen.

  • die subjektive Meinung könnte in verschiedenen Kontexten soviel heißen wie: die persönliche, individuelle, willkürliche, ungeprüfte, nicht nachprüfbare, eigenwillige, komplexitätsreduzierte, indifferente, unmaßgebliche, kontextvernachlässigende, gefühlsmäßig Beurteilung eines Sachverhaltes.
  • Subjektivität: Individualität, Authentizität, Eigenwilligkeit, Singularität, Relativität, Inkongruenz, Beliebigkeit, Intransparenz, Inkonsistenz, Emotionalität, Nichtvergleichbarkeit, Irrelevanz, Parteilichkeit eines Beurteilungsstandpunktes.
  • für das Adjektiv „subjektiv“ müsste man dann entsprechende Zuordnungen vornehmen.

Das gleiche gilt auch für die andere Seite der Unterscheidung:

  • Objektivität könnte soviel heißen wie: Allgemeingültigkeit, Eindeutigkeit, Überprüfbarkeit, Unbezweifelbarkeit, Wahrheit, höhere Priorität, Unparteilichkeit, Neutralität, Evidenz usw.

Ferner kann man beobachten, dass Subjektivität wie Objektivität von alter und ego als Vorwurf, Recht oder Entschuldigung je nach Interaktionszusammenhang verwendet werden, um entweder eine übergeordnete Urteilsposition zu behaupten, zu rechtfertigen, zu wünschen oder um all das zu negieren.
Diese semantischen Abschleifungen haben außerdem zur Folge, dass für einen Beobachter, dem diese Abschleifungen gar nicht auffallen, der Eindruck einer kontextunabhängigen Bedeutung entsteht, deren Evidenz gleichsam „selbstaufdringlich“ erscheint. Man könnte also glauben, dass gerade die inflationäre Kontextdifferenzierung beweist, dass in allen Fällen das selbe gemeint sei, was andersherum zur Abschneidung von Kontingenz führt mit dem Ergebnis, dass man das, was man versteht, gleichsam selbstverständlich versteht und dann nicht mehr darüber nachdenken kann, dass alles ja auch anders gemeint sein könnte; ein Eindruck, der als Ergebnis der Kontingenz aller Meinungen entsteht.
Diese Beobachtungen betreffen nicht nur das, was neuerdings mit dem Wort einer Amateurkultur umschrieben wird. Auch diejenigen, die sich noch zutrauen möchten, hierarische Unterschiede der Reflexivität stratifizieren zu können, sei es – wie man es früher tat – zwischen Elitär- und Massenkultur, zwischen bürgerlicher und Volkskultur unterscheiden zu können, oder sei es, sich in engere Zitationszirkel zurückzuziehen, um unter sich bleiben zu können, übergeben ihre Dokumente dem Internet und setzen auf diese Weise ihre Elaborate der Beobachtung einer allgemeinen Trivialität aus.

Das Internet ist eine großartige Trivialisierungsmaschine, die alles Experten- um Amateuerwissen gleichermaßen überformt. Dies lediglich beklagen zu wollen hieße, auf einen ordinären Standpukt zu beharren, der das auschließen will, was durch diese Beharrlichkeit ständig eingeschlossen wird, nämlich: ein Recht auf Trivialität in Anspruch zunehmen, das schon lange keiner mehr streitig machen will.