Differentia

Tag: Trauma

Kopflose Lebensweise

Es gibt keinen überzeugenden Grund, warum solche traumatischen Erfahrungen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht worden sind, für die Gegenwart und Zukunft ausgeschlossen sein sollten. Bereits die Einführung der Nukleartechnik hat mehr als deutlich gezeigt, dass die bis dahin durchgemachten Alpträume noch überboten werden können; und dass diese Überbietung nicht mehr noch weiter überboten werden könnte, steht nirgendwo mit Gewissheit geschrieben.

Denn die weitere Überbietung wäre, dass Selbstvernichtung nicht auf Befehl und nicht mit Waffen- oder Bombengewalt gelingt, sondern dadurch, dass keine steuernde oder kommandierende Zerstörungsinstanz sich durchsetzt. Warum sollte das ausgeschlossen sein?

Eine Lebensweise, die sich auf einen ständigen Exzess einlässt, vermehrt die dämonischen Wirkungen ihrer Kopflosigkeit exponentiell; logisch, dass sie sich eine Paranoia sucht, die an Exponenzialität kondensiert: berechenbare Unberechenbarkeit.
Exponenzielles Wachstum kann man nicht kontrollieren, aber gerade deshalb wird versucht, es zu kontrollieren, aufgrund der durchaus naiv zu nennenden Selbstgewissheit, die besagt, dass Wissen stark mache. Da diesen Irrtum niemand nachweisen kann, muss der Nachweis durch den Irrtum selbst erbracht werden.

Genau darin bestehen die traumatischen Erfahrungen des 20 Jahrhunderts: Die Irrtümer machten sich aufgrund von Zerstörung und Verbrechen kenntlich. Anders wäre es nicht gegangen.

Die militärischen Selbstgefährdungen und ihre Irrtümer konnten in der Vergangenheit immer noch auf die Macht von Kommandanten zugerechnet werden. Aber auch diese Zurechungen waren Irrtümer, die sich von Waffengewalt beeindruckt zeigten.
Spätestens jetzt zeigt sich, dass es keines Kommandanten bedarf.

Wenn der Gott, an den ich nicht glaube, meine Gebete erhört, wird sich heraus stellen, dass alles nur sehr heiße Luft gewesen ist: Virus genauso wie Impfung waren nur die größtenteils harmlose Paranoia einer Lebensweise, die hauptsächlich vor sich selber Angst hat. Aber da es den Gott nicht gibt, an den ich glaube, heißt das nur, dass alles genau so schlimm kommen wird, wie es ist.

Es gibt nur eine Chance: Auf Antwort warten.

Das Ende der transzendentalen Subjektivität 3

http://twitter.com/#!/JacoboVolpino/status/148122319372554240

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Das Internet und die Digitalisierung als operative Basis aller Kommunikation stelle ich mir als eine Art soziales Prüfungsarrangement vor. Dieses Arrangement stellt fest, ob der Kandidat über LOS gehen darf, ob er eine Prämie als Vorschuss für die nächste Runde einziehen darf und ob er überhaupt etwas aus den vorgehenden Lektionen gelernt hat. Das heisst jedoch auch, dass dieses Prüfungsarrangement selbst eine Lektion ist, wobei die Differenz zwischen dem zu Erlernenden und dem schließlichen Lernerfolg durch den Ablauf der Lektionserteilung erst ermittelt wird. Es gibt also keinen Lehrer, keine Chef und auch keinen Polizisten, der Gebote und Verbote durchsetzen könnte. Es werden gleichwohl sehr viele Vorschläge darüber gemacht, aber auch der Polizist hat keinen Polizisten, der ihm die Vorschriften machen könnte.
Diese Situtation könnte an das Unterscheidungsarrangement der modernen Gesellschaft erinnern, welche ein Außerhalb der Welt, die durch sie entsteht, nicht zulässt. Sie hat dabei den alten Zivilisationsmythos nicht eigentlich vergessen, sondern die Unterscheidung von Gott und Welt in die Welt hineinverlegt. Sie hat ihn intern recylt und durch durch dieses Recycling gezähmt, zivilisiert und seine Semantik auf „harmlos“, bzw. „größtenteils harmlos“ (Douglas Adams) neu voreingestellt.
Und man könnte in diesem Zusammenhang auf all die Alpträume verweisen, welche die moderne Gesellschaft durchlaufen hat, beginnend mit dem 30 jährigen und endend mit dem Kalten Krieg, um eine Ahnung davon zu bekommen, was Gesellschaft alles zustande bringen kann. In diesem Kontext spielen dann aber nicht nur die Traumatisierungen eine Rolle, sondern auch der Mythos der modernen Zivilisation, dessen Hartnäckig erst aufgrund der Abarbeitung solcher traumatischen Erfahrungen seine Stabilität erprobte. Und wenn man nun weiter kommen will, dann muss nicht nur das Trauma abgearbeitet sein, sondern auch der Mythos. Die Probleme müssten entsprechend zweimal verstanden werden. Das erste Mal, indem man sie verstehen lernt und entsprechend klüger wird; und das zweite Mal, wenn man versteht, dass man auf diese Weise nicht noch klüger wird.

So bleibt zunächst als Prüfungsvorbereitung, diesen modernen Zivilsationsmythos zu beerdigen, was vielleicht jetzt erst, wenn es Internet gebräuchlich ist, möglich wird. Denn die Methode seiner Entschärfung geht nicht durch Gewalt und Krieg, denn jeder Krieg sorgt nur für seine Rehabilitation. Der moderne Zivilisationsstolz muss auf andere Weise beerdigt werden; nämlich wie mir scheint durch Sublimation, durch das Angebot eines Tauschgeschäftes: gibt auf, was dir heilig ist, wenn du im Gegenzug etwas bekommst, das viel attraktiver ist als diese blasse Heiligkeit einer Illusion. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass dieses Angebot nur akzeptabel ist, wenn ein Gegenangebot schon akzeptiert wurde: ich bin erst bereit, aufzugeben was mir nicht mehr heilig ist, wenn ich schon etwas Attraktiveres erhalten habe, dessen illusorischer Gehalt sehr viel größer ist. Die Zusammenfindung eines solchen Bedingungsgefüges ist sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Und damit es dazu kommen kann, müssen nicht nur sehr, sehr viele individuelle Kränkungen verheilen. Vielmehr müssen auch soziale Systeme Verfahrensweisen hervorbringen, mit denen auf absehbare Kränkungen reagiert wird. Eine solche Möglichkeit zeigt die Internetkommunikation, indem sie beispielsweise Shitstorms inszeniert.

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