Differentia

Tag: Transzendentalphilosophie

Transzendentaler Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Descartes) 1

In einer Biographie über René Descartes ( La vie de monsieur Descartes, 1691 ) schreibt Adrien Baillet:

Eine der ersten Erkenntnisse, die Descartes hatte, war die, daß in einem Werk, das bunt gemischt, voller Dinge ist und mehrere Autoren hat, weniger Perfektion steckt als in einem, das nur eine einzige Sache behandelt und nur einen Autor kennt. Diesen Gedanken wandte er nicht nur auf die Architektur oder die Kunst an, sondern auch auf den Staat und dessen Regierung oder auch auf die Religion und Gott. Dieser Gedanke schien ihm ebenso für die Wissenschaft Gültigkeit zu besitzen. In der Vielzahl der Bücher äußerten die Gelehrten zwar ihre Meinungen, die bestenfalls Wahrscheinlichkeiten wären, wenn man sie nicht beweisen könne. Das Gemenge von Auffassungen, die aus den verschiedensten Köpfen stammten, sei durchaus einer simplen Vernunft unterlegen, die die Sachen so nähme, wie sie sind.

Zitat gefunden in: Schweizer, Frank: Einführung. In: ders. (Hg): René Descartes. Abhandlung über die Methode, die Vernunft richtig zu gebrauchen. Meditation über die Grundlagen der Philosophie. Wiesbaden 2006, S. 12.

Das Zitat verweist auf die Frühzeit im Bildungsprozess transzendentaler Subjektivität. Beschrieben wird der Informationsverlust durch ungenügende Diskriminierung von Sachverhalten, Autoren, Texten und Fächern. Das heißt andersherum, dass ein Informationsgewinn entsteht, wenn diese Diskriminierung geleistet werden kann.
An diesem Zitat erkennt man die Konturen des transzendentalen Vermeidungsirrtums, der als Lösung für Probleme entstanden war, die heute in Vergessenheit geraten sind. Es zeigt sich in dem Zitat, dass Vertrauen in die individuellen Fähigkeiten von Autoren, Ingenieuren oder Politikern gefasst werden kann, wenn sie sich ihrer Vernunft „richtig“ bedienen. Man erkennt, dass die mittelalterliche Gelehrsamkeit diese Vertrauen nicht gewinnen konnte.
Die Möglichkeit, sich der Vernunft richtig zu bedienen, bedeutet, sich auf geeignete soziale Bedingungen verlassen zu können, unter denen dieses Vertrauen überhaupt gefasst werden kann. Gefunden werden konnte dieses Vertrauen durch Vermeidung all dessen, was diese Vertrauensgewinnung als Bedingung ermöglicht, nämlich: Einsicht in die soziale, also zirkuläre und nicht-kausal sinnhaft strukturierte Bedingtheit des subjektiven Urteilsvermögens. In dem Maße wie diese Einsicht verweigert wurde, konnte ein Punkt des Scheiterns gefunden werden, durch den dieser Vertrauensbildungsprozess nicht etwa erschüttert wurde. Vielmehr wurde durch die beständige Erschütterung, durch die beständige Beobachtung falschen, ungenügenden Vernunftgebrauchs die Kritikfähigkeit der Subjekte gesteigert; und auf dem Wege der Steigerung und Differenzierung wurden schließlich die soziale Bedingungen selbst in Erfahrung gebracht, die jedoch nach Maßgabe der selben, weil erfolgreich entwickelten Vermeidungsstruktur behandelt wurden.

So entstand bald auch eine Soziologie, die zwar die gesellschaftliche Bedingtheit subjektiven Urteilsvermögens in die Kommunikation einbringen konnte, ohne allerdings auf den transzendentalen Vermeidungsirrtum zu verzichten. So entstanden schließlich auch noch Soziologen als Fachexperten für Gesellschaft, welche allerdings keine bessere Chancen haben, Gesellschaft zu verstehen als alle anderen, allein, es gibt eine funktional garantierte Vermeidungsstruktur, nämlich: Wissenschaftskommunikation in Universitäten, die immer noch einigermaßen verlässlich das Diskrminierungsprogramm des 17. Jahrunderts durchläuft, ohne jedoch noch entscheidende soziale Informationsgewinne zu produzieren.

 

Die Askesis der Paranoik

In einem Kommentar zum vorhergehenden Artikel hatte der Kommentator Lusru gefragt:

Was hat nun dieses geborgte nicht auf eigenem Mist gewachsene Denkrudiment des Joringel Merilodia (Octavio Paz) mit dem immerhin reichlich interessanten Artikel von der “Disqualifizierung des Selbstdarstellers” zu tun?

Keine Ahnung. Aber assoziologisch gesehen kommt es nicht mehr auf die Feststellung an, dass das eine mit dem anderen etwas zu tun hat und was dies „Etwas“ sei, sondern darauf, ob sich etwas Zusammenhängendes ergeben könnte, wenn man nicht, nur um die Beschränkungen einer kritischen Diszpin für nichts und wieder nichts einzuhalten, auf einen Erkenntniszugewinn verzichten wollte.
Denn nach dem Scheitern der Erkenntnistheorie, die ihre Problem wie zwischen Mahlsteinen höchst feinkörnig aufgelöst hat, gibt es für die kritische Diszplin nichts mehr, was sie noch erreichen könnte. Konnte doch Erkenntnis als Problem nur deshalb zum Gegenstand werden, weil die kritische Diszplin eine kognitive Kontaktunterbrechung kommunkaktiv entfaltet hatte. Diese Kontaktunterbrechung bezieht sich auf die Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz und lieferte beim Durchlauf eines Übungsprogramms (griech. Askesis) die transzendentale Begründung dafür, dass diese Differenz gerade unter Beanspruchung einer Selbstreferenz fremdreferenziell durchdenkbar ist: Die Elemente der Formen, die dem Denken zugänglich sind, werden demnach nicht a priori aus einer fertigen Welt abgelesen, sondern durch die Verstandesfähigkeit hineingelegt oder durch den Verstand aus sich selbst hervor geholt. Transzendental ist nach Kant das, was die Erfahrung der Gegenstände überschreitet und was als Voraussetzung mitgedacht werden muss, um überhaupt Erfahrungen machen zu können. Also: Selbstreferenz des Bewusstseins. Und das heißt, dass es kein bedingungsloses Wissen gibt, aber alle Bedingheit unterliegt dem Vermögen der Vernunft, von dem Kant wiederum annehmen konnte, dass sie als menschliche Vernunft bei allen und immer gleichbleibend sei. So blieb wenigstens noch die Potenzialität der Vernunft unbedingt.
Die kritische Diszplin, mit der diese Höchstform erbracht wurde, konnte diese Theorie in der nachfolgenden Zeit zugleich auch widerlegen, denn dass alles Vernunftpotenzial unbedingt sei, ist empirisch nach den transzendental erfassbaren Formen des Denkens nicht zu verfizieren. Erkenntnis verschwindet damit nicht, sondern wird als das erkannt, was sie schlechterdings niemals nicht sein konnte, nämlich: unwahrscheinlich, aber normal.

Und nun? Die Reaktion darauf war schon bei Hegel angelegt, ist aber an der Bewährungshürde des Marxismus gescheitert. Und erst Luhmann ist es dann wieder gelungen, das Selbstreferenzproblem zu erweitern. Selbstreferenz nicht nur für das Bewusstsein, sondern auch für die Kommunikation. Damit sind Menschen als Träger des Wissens und sozialer Rollen ausgeschieden.
Das interessante ist nun, dass die Luhmannsche Theorie selbst noch ein Ergebnis, das bislang letzte beeindruckende Ergebnis der kritischen Diszplin war. Insofern könnte man sagen, war Luhmann noch als kritisches Subjekt adressierbar auch dann, wenn die Selbstbeschreibung der Theorie etwas anderes ausgab. Dass dies so war, kann man an den stabilen ontologisch geprägten Strukturen feststellen, die sich ja nicht einfach ändern, wenn sie eine Theorie ändert.
Wenn man nun im Anschluss an Luhmann fragen möchte, wie es weiter geht, so könnte es zwei Antworten geben. Entweder: Durchsetzung einer Schule, bzw. Gründung einer Luhmann-Scholastik bei gleichzeitiger Beibehaltung der kritischen Diszplin, wie sie durch bürokratische Vorschriften an den Universitäten festlegt ist. Oder: Änderung der Disziplin und beobachten, welche Theorie dann zustande kommen könnte.

Die gegenwärtige Wissenschaft ist den Zumutungen, die durch das Internet aufkommen, nicht gewachsen, weil ihre Diszplin nur solche Dinge erfahrbar machen kann, die sich für die Kritik als widerständig erweisen. Denn nur dann kann die Kritik als Widerstandsdisziplin funktionieren. Das Internet zeigt nun, dass etwas anders als Widerstandsfähigkeit erprobt werden müsste. Ich tippe dabei auf „Ergebenheit.“

Die nächste Diszplin einer nächsten Gesellschaft wäre daher eine Askesis der Paranoik, die sich dadurch auszeichnet, dass sie die Vermeidungsstrukturen der kritischen Diszplin als nicht mehr unvermeidlich einsieht und sich der Kommunikation unter den Voraussetzungen ihrer eigenen Voraussetzungen fromm und wütend aussetzt, im Sinne einer dionysischen Wildheit.

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