Differentia

Tag: transzendentaler Vermeidungsirrtum

Transzendentaler Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Arthur Schopenhauer)

https://twitter.com/frachtschaden/status/425921847104774144

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Winterrage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.
Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

Dieses Gleichnis stammt von Arthur Schopenhauer.
Das Problem, um das es hier geht, nenne ich den transzendentalen, bzw. faustischen Vermeidungsirrtum. Das Problem der Findung einer sog. mittleren Distanz entsteht als Lösung, wenn Menschen und Menschenvermögen als Beobachtungs- und Zurechnungsinstanz von Handlung für Handlung, also als Koordination von Koordination, entstehen. Das Lösungproblem wird als Bewältigung einer double-bind-Verwicklung verstanden, weil sowohl Nähe als auch Distanz vermieden werden müssen. Aber wie soll das gehen? Denn wer Nähe vermeidet gewinnt Distanz, und wer Distanz vermeidet gewinnt Nähe. So herum oder andersherum, in beiden Fällen entsteht das Risiko des Scheiterns, ein Risiko, das kein Menschen bewältigen kann, es sei denn, soziale Systeme liefern die geeigneten Voraussetzungen, das heißt: wenn Bedingungen vorliegen, die als Apriori die Lösung des Problems schon angeliefert haben damit Menschen sie nutzen, bzw. lernen können sie zu nutzen.

Eine andere Fassung des transzendentalen Vermeidungsirrtums ergibt sich aus der Prominenz der Kritik als Diszplin zur Steigerung des Vertrauens in Menschenvermögen. Auch Kritik verlangt die Behandlung eines double-binds. Einerseits verlangt die Vertrauensgewinnung in Menschenvermögen sich auf andere Welten, Betrachtungsweisen, auf Lehren, auf Sichtweisen, auf Meinungen, Bilder, Erfahrungen und Erlebenswelten einzulassen, sich beeindrucken und begeistern, sich führen zu lassen und andererseits wird mit gleicher Notwendigkeit verlangt, alldem mit Zweifel und Skepsis, mit Ablehnung und eigenmächtigem Widerstand zu begegnen. Informiere dich, aber glaube nicht alles, was man dir erzählt.
Die einigermaßen souveräne Behandlung dieses double-binds steigert Kritikfähgkeit und Vertrauen in Menschenvermögen.

Von Wurstmaschinen für Wurstmaschinen @vanforte @latent_de

Hallo Stefan,

hier habe ich gerade einen Text gefunden, der deutlich zeigt, wie schwer es gegenwärtig immer noch fällt, mit dem Internet zurecht zu kommen:

Feedkommunikation – die Praktik des zweifachen Desinteresses
… Somit wird eine publizistisch-reaktive soziale Kommunikationspraktik eingeübt, die dann pathologisch wird, wenn sie – eben weil gut eingeübt – auch auf andere Kommunikationssituationen übertragen und dort praktiziert wird. Was durchaus zu befürchten ist, zumal sie hervorragend zur sich gegenwärtig immer weiter ausbreitenden egozentrisch-konsumistischen Grundhaltung paßt.

Hier wird ein Beobachtungsschema angewendet, das das Internet als Massenmedium betrachtet und seine entsprechenden Folgewirkungen beklagt und verwirft. Es wird gleichsam Datenmüllproduktion festgestellt und als defizitär, als unangemessen zurück gewiesen, weil eine Instanz der Rücksichtnahme unterstellt wird, nämlich: ein Mensch und seine Wahrnehmungsfähigkeiten, auf welche nicht verzichtet werden könne und dürfe.

Diese hier vorgebrachte Klage macht auf diesen modernen tranzendentalen Vermeidungsirrtum aufmerksam: Um Fähigkeiten und Vermögen von Menschen hevorzubringen, zu trainieren und zu steigern bedarf es einer kritischen Disziplin, die ein soziales Verhältnis von gegenseitiger Rücksichtnahme etabliert, um auf diesem Wege Menschenvermögen von Menschenunvermögen zu trennen und eine Steigerung der Vertrauensfindung in Menschenvermögen zu ermöglichen, wohingegen das so in Erscheinung tretende Unvermögen von Menschen zu minimieren und zu disqualifizieren sei.
Diese Praxis der kritischen Diszplin ist typisch angepasst auf die Entwicklung von Massenmedien: die Adressierung von Dokumenten aller Art an ein Publikum, das selbst keine Adresse hat und darum die Notwendigkeit erzeugt, dass nur diejenigen, die massenmedial adressierbar sind – was zurück liegend immer nur ein kleiner Teil der Bevölkerung war – Verfügungsrechte über Dokumente erhalten, durch welche wiederum Lebensrisiken besser behandelt werden können (z.B. durch Prominenz). Alle anderen unterliegen einer generellen Schutzbedürftigkeit, weil sie selbst keinen Zugang zu massenmedialer Adressierbarkeit erlangen können und gleichsam durch Machtinstanzen eine Art Patronat erhalten: Parteien, Staat, Unternehmen, Gewerkschaften, Interessensverbände, Vereine und was auch immer.
So entsteht die Beobachtung, dass wenige, aber mächtige Menschen über viele ohnmächtige Menschen herrschen, die aber von dieser Herrschaft, damit sie legitim ist, fordern dürfen, dass ihre Mittel in den Dienst der Beherrschten gestellt werden solle. Und alle anfallenden Zuwiderhandlungen dieser „Herrschaft“ bewirke das Recht der Vielen, weil kein einzelner massenmedial adressierbar ist, in der Masse dagegen zu protestieren.

Die Entwicklung dieser kritischen Diszplin stellt nun das sozial-epistemologische Programm dieser Gesellschaft in Frage, indem sich diese Transzendentalität (i.e.: Vermeidungspraxis zur Steigerung von Menschenvermögen und Gewinnung von entsprechendem Vertrauen) als Irrtum herausstellt: jetzt, wo jeder massenmdial adressierbar ist, ja, sich adressierbar für andere macht, fällt diese Instanz der Rücksichtnahme weg.
Denn: worauf soll man noch Rücksicht nehmen, wenn aufgrund der je individuellen Bildschirmfesselung (die ständig erratische Faszination verlangt) ein Gegenüber wegfällt, das selbst noch Rücksicht nehmen könnte?

Das soziale Verhältnis der kritischen Diziplin zerfällt. Und damit erweisen sich alle Versuche, es trotzdem noch aufrechtzuerhalten als trivial. Die zugeordnete Epistemologie wird naiv. Es wird nicht von Menschen für Menschen produziert – diese Selbstbeschreibung der Gesellschaft kann nicht mehr überzeugen.

Die moderne Gesellschaft hat sich über die vollständige Differenzierung ihrer Probleme in Erfahrung gebracht und dafür gesorgt, dass die Problembehandlungsroutinen fraglich werden.

Deine Forschungen betrachte ich als den Versuch, andere Probleme herzustellen, deren Behandlung die Möglichkeiten der Internetkommunikation in Erfahrung bringen.
Weil es mir selbst in dieser Hinsicht an Erfahrung fehlt, bleibt mir vorerst nur die Vermutung: es geht, indem Wurstmaschinen Datenmüll produzieren, den andere Wurstmaschinen in anderen Datenmüll recyceln.
Der geeignete Abfall für Menschen könnte darin bestehen zu lernen, auch in das Unvermögen von Menschen Vertrauen zu gewinnen.

https://twitter.com/kusanowsky/status/367368912247078912