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Tag: transzendentaler Vermeidungsirrtum

Transzendentaler Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Bertolt Brecht)

Wir Deutschen bilden uns auf unseren Ernst viel ein, wir haben die Auffassung, daß das Gegenteil von Ernst Leichtfertigkeit ist und daß Leichtfertigkeit verdammt werden muß. Andere Völker haben andere Auffassungen.
Wir finden, daß der Humor eine schlechte und bequeme Methode ist, den Dingen beizukommen. Wir setzen voraus, daß die Dinge allemal zu Sorgen Anlaß geben, daß unsere Auffassung von ihnen richtig ist, und wir hoffen, man nimmt uns ernster, wenn wir selbst ernst sind. Wir haben ein tiefes Mißtrauen gegen alles, was leicht geht, wir vermuten sofort, daß der Leicht-Fertige den Nachdruck auf das ‚leicht‘ setzt und daß nicht etwa der Mann besser ist, sondern die Arbeit schlechter.

aus: Bertolt Brecht: Aus den Notizbüchern 1920 bis 1929. 1920 Über die deutsche Literatur. In, ders: Schriften zur Literatur und Kunst I 1920 – 1932, Frankfurt/Main 1967, S. 7

Eine bemerkenswerte Beobachtung, die darauf aufmerksam macht, wie sich Selbstverständlichkeiten dadurch einschleichen, dass deren Zustandekommen unerklärbar bleibt. Bei Brecht ist die Neigung zur Ernsthaftigkeit ein Ausdruck des deutschen Volkscharakters und nicht ein Vermeidungsresultat, das aus Sozialisationserfahrungen in Organisationen, hier insbesondere der Staatsorganisation, resultiert. Ein moderner Staatsapparat, der sich besonders in einer komplizierten Bürokratie ausgestaltet, gewinnt seine Stabilität dadurch, dass er Kommunikation von Entscheidung dadurch sicherstellt, indem durch Entscheidung eine ganze Reihe von Inkommunikabilitäten entstehen, durch die verhindert wird, dass Entscheidungen zur Revision von Entscheidungen entstehen. Die Kommunikation von Entscheidung kann nur gelingen, wenn alles, was der Durchsetzung von Entscheidung im Wege steht, verhindert wird. Im autoritären kaiserlichen Staat konnte Autorität nur gewinnen, wem eine Meisterschaft in der Behandlung von Kompliziertheiten zugerechnet wurde. Unter festgefügten Strukturen, die z.B. Karrieren ermöglichen, indem eine Vielzahl von anderen Karrierewegen verbaut wird, gelingt sowas sehr leicht. Foglich muss eine Vermeidungsstruktur etabliert werden, die Leichtfertigkeit verdammt, damit die Autorität leichtfertig durchgesetzt werden kann.
So war es gerade die Leichtfertigkeit der Inanspruchnahme und Durchsetzung von Autorität, die dem Faschismus keinen Widerstand entgegen bringen konnte.

Hätte Brecht auf diese Weise darüber nachdenken können, wäre ihm das Vertrauen in die Leichtfertigkeit etwas schwerer gefallen. Aber man erkennt es trotzdem: „… daß nicht etwa der Mann besser ist, sondern die Arbeit schlechter.“

Transzendentaler Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Descartes) 1

In einer Biographie über René Descartes ( La vie de monsieur Descartes, 1691 ) schreibt Adrien Baillet:

Eine der ersten Erkenntnisse, die Descartes hatte, war die, daß in einem Werk, das bunt gemischt, voller Dinge ist und mehrere Autoren hat, weniger Perfektion steckt als in einem, das nur eine einzige Sache behandelt und nur einen Autor kennt. Diesen Gedanken wandte er nicht nur auf die Architektur oder die Kunst an, sondern auch auf den Staat und dessen Regierung oder auch auf die Religion und Gott. Dieser Gedanke schien ihm ebenso für die Wissenschaft Gültigkeit zu besitzen. In der Vielzahl der Bücher äußerten die Gelehrten zwar ihre Meinungen, die bestenfalls Wahrscheinlichkeiten wären, wenn man sie nicht beweisen könne. Das Gemenge von Auffassungen, die aus den verschiedensten Köpfen stammten, sei durchaus einer simplen Vernunft unterlegen, die die Sachen so nähme, wie sie sind.

Zitat gefunden in: Schweizer, Frank: Einführung. In: ders. (Hg): René Descartes. Abhandlung über die Methode, die Vernunft richtig zu gebrauchen. Meditation über die Grundlagen der Philosophie. Wiesbaden 2006, S. 12.

Das Zitat verweist auf die Frühzeit im Bildungsprozess transzendentaler Subjektivität. Beschrieben wird der Informationsverlust durch ungenügende Diskriminierung von Sachverhalten, Autoren, Texten und Fächern. Das heißt andersherum, dass ein Informationsgewinn entsteht, wenn diese Diskriminierung geleistet werden kann.
An diesem Zitat erkennt man die Konturen des transzendentalen Vermeidungsirrtums, der als Lösung für Probleme entstanden war, die heute in Vergessenheit geraten sind. Es zeigt sich in dem Zitat, dass Vertrauen in die individuellen Fähigkeiten von Autoren, Ingenieuren oder Politikern gefasst werden kann, wenn sie sich ihrer Vernunft „richtig“ bedienen. Man erkennt, dass die mittelalterliche Gelehrsamkeit diese Vertrauen nicht gewinnen konnte.
Die Möglichkeit, sich der Vernunft richtig zu bedienen, bedeutet, sich auf geeignete soziale Bedingungen verlassen zu können, unter denen dieses Vertrauen überhaupt gefasst werden kann. Gefunden werden konnte dieses Vertrauen durch Vermeidung all dessen, was diese Vertrauensgewinnung als Bedingung ermöglicht, nämlich: Einsicht in die soziale, also zirkuläre und nicht-kausal sinnhaft strukturierte Bedingtheit des subjektiven Urteilsvermögens. In dem Maße wie diese Einsicht verweigert wurde, konnte ein Punkt des Scheiterns gefunden werden, durch den dieser Vertrauensbildungsprozess nicht etwa erschüttert wurde. Vielmehr wurde durch die beständige Erschütterung, durch die beständige Beobachtung falschen, ungenügenden Vernunftgebrauchs die Kritikfähigkeit der Subjekte gesteigert; und auf dem Wege der Steigerung und Differenzierung wurden schließlich die soziale Bedingungen selbst in Erfahrung gebracht, die jedoch nach Maßgabe der selben, weil erfolgreich entwickelten Vermeidungsstruktur behandelt wurden.

So entstand bald auch eine Soziologie, die zwar die gesellschaftliche Bedingtheit subjektiven Urteilsvermögens in die Kommunikation einbringen konnte, ohne allerdings auf den transzendentalen Vermeidungsirrtum zu verzichten. So entstanden schließlich auch noch Soziologen als Fachexperten für Gesellschaft, welche allerdings keine bessere Chancen haben, Gesellschaft zu verstehen als alle anderen, allein, es gibt eine funktional garantierte Vermeidungsstruktur, nämlich: Wissenschaftskommunikation in Universitäten, die immer noch einigermaßen verlässlich das Diskrminierungsprogramm des 17. Jahrunderts durchläuft, ohne jedoch noch entscheidende soziale Informationsgewinne zu produzieren.

 

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