Differentia

Tag: Theologie

Dogma und Dispositiv 1

1. Dogma
Wie sind Dogmen entstanden? (Nach Erläuterungen von Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte. 5. Auflage Stuttgart 1983, S. 12-25.)

Dogmen waren keineswegs, entgegen der landläufigen Auffassung, unumstößliche Glaubenswahrheiten, die Vorschriften für Bekenntnis sind. Dass man das vermuten kann, hängt mit einer semantischen Veränderung des Begriffs zusammen, die sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts vollzogen hat, nachdem auch in der Theologie die symbolische Ordnung des Mittelalters nicht mehr anschussfähig war, was im 20. Jahrhundert dazu führte, dass auch die Theologie Dogmen abzulehnen begann. (Dazu bei Lohse, Motto: Dogmen abzulehnen heißt, sie zu verschweigen.)
Dogmen waren Reflexionsresultate der nachfolgenden Überprüfung von bereits akzeptierten Glaubensinhalten. Das bedeutet: der Glaube und damit ein Anschlusshandeln innerhalb einer religösen Ordnung hatte keine Gewissheit über eine Glaubenswahrheit zur Voraussetzung. Vielmehr war die Theologie und damit die Entwicklung ihrer Dogmen von der Annahme ausgegangen, dass es keineswegs wahrscheinlich ist, an Gott zu glauben. Die Theologie war entstanden, weil sie sich auf die Einwände gegen den Glauben eingelassen hatte.

Es gab gegen eine christlich-theologische Auffassung einer Gottesidee zwei maßgebliche Einwände. Erster Einwand: der christliche Glaube ist ein Atheismus (Einwand griechischer Gelehrter). Zweiter Einwand: der christliche Glaube ist ein Polytheismus (Einwand jüdischer Gelehrter).
Die Theologie war entstanden, weil sie diese Einwände ernst genommen und nicht abgewiesen hat. Entsprechend hatten die frühen Theologen mit den Mitteln der metaphysischen Spekulation eine Binnendifferenzierung ihrer eigenen Prämissen vorgenommen mit dem Effekt, die Unwahrscheinlichkeit einer Glaubensakzeptanz zu steigern. Eine Theologie erschien folglich als absurd, aber leistungsfähig, gerade weil sich auf Fremdreferenz eingelassen, sie dann aber selbstreferenziell weiter behandelt hat.
Dogmen waren dann nur Selbsterfahrungsresultate von Glaubensinhalten, bzw. ein sprachlich-logische Anordnungen von Symbolisierungen. (Sehr schön erläutert bei Lohse am Beispiel der Trinitätslehre, ebd. S. 45ff), welche dann aber infolge von Entscheidung durch Konzilien wiederum auf die Ablehnung theologisch informierter Argumente trafen. Ergebnis waren Ketzerstreitigkeiten, welche nur dazu führten, die Dogmen weiter zu befragen und zu differenzieren.
Dogmen waren also niemals Grundlage für den Glauben, sondern Erfahrungsresultate der metaphysischen Spekulation zur Binnendifferenzierung von eigenen Prämissen. Dogmen galten zwar als unumstößlich, aber ihre Funktion war Zweifel und Widerspruch hervorzurufen, was auch geschehen war. Beinahe jede Gelehrtengeneration hatte sich mit Einwänden gegen Dogmen beschäftigt.
Dogmen waren entstanden als Reaktion auf die unvermeidliche Ablehnung (Zweifel, Skepsis, Einwände, Vorbehalte) von Glaubenswahrheiten.Dogmen waren Reflexionsleistungen der Negation von (Glaubens-)Wahrheit (und nicht bloß Vorschrift für Bekenntnis.)
Dogmen reflektieren Ablehnung, nicht Zustimmung. Das erklärt dann auch, warum Dogmen an Relevanz verloren haben: die Theologie hatte sich im Laufe von 1.000 Jahren in Entropie aufgelöst. Die Geringschätzung von Dogmen folgte dann daraus, dass die Kirchenautorität trotzdem auf Dogmen beharrte. Die theologische Relevanz hatte sich aufgelöst, die Kirche aber nicht. In diesem Zusammenhang wurde dann sie Semantik des Dogmenbegriffs mit der Konnotation unhaltbarer Autorität kontaminiert.

Interessanterweise zeigt sich nun am Beispiel des hypothetischen Experiments von Schrödingers Katze, dass nun wieder ein dogmatisches Problem aufgeworfen werden kann, weil nämlich mit dieser hypothetischen Spielerei das Dispositiv der wissenschaftlichen Methode untauglich wird.

Das Dispositiv reflektiert nämlich Zustimmung und nicht Ablehnung.

Fortsetzung

#Physik und #Theologie – eine kleine Osterandacht

Die Beschäftigung mit der neueren Theologie ist deshalb so deprimierend, weil Theologen über das, wovon sie sprechen, so gut wie gar nichts wissen, aber ihre Urteile dennoch mit großer Gewissheit vertreten: Gott, Schöpfung, Mensch, Glaube, Liebe, Wahrheit, Seele, Gewissen, Hoffnung, Angst, Schmerz und Lust – über all das schreiben Theologen sehr viel, aber das wissbare dieser Angelegenheiten kann nicht von Theologen erklärt oder gar geschaffen werden. Vielmehr beziehen sie die Themen und Gegenstände aus nicht theologischen Diskursen und benutzen all dies nur um ihre naiven Bekenntnisgewissheiten zu plausibilieren, die gar keiner Plausiblitätsprüfung standhalten.

Theologen wissen sehr wenig und nur ungenaues, aber ihr Ergebnisse sprechen von großer Gewissheit und Wahrheit.

Bei Physikern kommt man auf umgekehrte Weise zu einer ähnlich deprimierenden Feststellung: Physiker wissen enorm viel und wissen vieles sehr genau. Keine Maschine funktioniert, wenn sie erwartungsgemäß funktioniert, zufällig und die Präzision dieser Instrumente erschließt einen Reichtum an Fragemöglichkeiten, die Physiker meistens ratlos zurück lassen. Während Theologen nichts oder nur sehr weniges wissen und trotzdem zu großen Gewissheiten gelangen, so kommen Physiker aufgrund der Kompelxität und Präzision größtenteils nur zu Rätseln.

Man könnte daraus den Schlus ziehen, dass in den beiden Fällen die voraussgesetzen Postulate nicht öfter und genauer gerprüft werden. Das könnte heißen, dass nicht die Ergebnisse auf Irrtum verweisen, sondern die Annahmen: Theologen wissen mehr und präziseres als sie es selbst für möglich halten können und Physiker sehr viel weniger, vielleicht sogar fast nichts, ohne dies ausreichend erklären zu können. Ergebnis: beide sitzen in der Falle des Nichtwissens, bzw. des Nichtwissens über Nichtwissen: Theologen können gar nicht ermitteln, wieviel und wieviel genaues sie wissen, weil durch Bekenntniszwänge eine Verschleierung der Wissensvoraussetzungen entsteht, die aber von der Theololgie selbst nicht wieder eingefangen werden kann. Ähnliches gilt dann für die Physik: sie kann nicht verstehen lernen, dass sie nicht viel weiß, weil gerade der kostenintensive Technikaufwand einen Schleier über die Wissensvoraussetzung legt.

Die Voraussetzung werden durch Bekenntnis- und Technikzwänge, gemeint sind damit die sog. Sachzwänge, undurchschaubar, intransparent. So käme man zu der Frage, wie sie aus denen eigenen Gefängnissen herauskommen können. Die naive Antwort wäre: indem sie sie verlassen. Aber das geht nicht, eben weil ja die Zwänge dies verhindern. Die schwierigere Überlegung wäre, indem sie die selbstgemachten Zwänge selbst zur unvermeidbaren Voraussetzung nehmen, um sie, wenn schon nicht abzuschaffen, so doch wenigstens die Problemsituation durch die Bedingung der bedingungslose Selbstakzeptanz zu verwandeln.

In diesen unvermeidbaren Gefängnissen müssten dann die Möglichkeiten zur Freiheit zu finden sein.

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