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Muezzin und Sarrazin – Die Reimform moderner Verständigungsprozesse

Wenn man gelernt hat, das Normale und Alltägliche als seltsam und unwahrscheinlich zu betrachten, dann dauert es nicht lange bis die umgekehrte Betrachtungsweise genauso einleuchtet. Etwas, das sonst nur selten und unklar einleuchtet, das man bislang nur verschwommen und vorbehaltlich berücksichtigen konnte, kommt auf einmal als eine Möglichkeit in Betracht, von der man plötzlich nicht mehr ablassen will; gemeint ist die Beobachtung, dass einen das Absonderliche plötzlich mit einer Aufdringlichkeit affiziert, die einen irritiert andere Fragen stellen lässt, und sich anschließend selbst verwundert fragt, wie man das nunmehr Erkannte bisher – in diesem neuen Licht betrachtet – nur außer Acht lassen konnte.
Im Kontext von Tabubruchritualen kommen solche Einsichten gewöhnlich, aber unscheinbar zustande. Das inzwischen ganz normale, ja inflationäre Aufkommen von Diskussionen um den aktuellsten und sensationellsten Tabubruch lässt einem Beobachter die Frage immer wahrscheinlicher werden, dass tatsächlich von großen Geheimnissen und Unverletzlichkeiten die Rede sein muss, die durch sogenannte Tabubrüche nicht aufgehoben, sondern erst erzeugt werden. Nicht zum ersten Mal wird die Publizistik von Thilo Sarrazin skandalisiert. Und man kann an sich selbst bemerken, wie sehr man sich kaum der Aufmerksamkeitsrelevanz solcher Sinnangebote entziehen kann. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man vermutet, dass in hochkomplexen Verhältnissen bestimmte Verstärkungsmechanismen entwickelt werden müssen, um der ständig steigenden Unwahrscheinlichkeit von Anschlussfindungen entgegenzuwirken. Es werden Überbietungs- und Zuspitzungsroutinen durchlaufen, die durch die Erwartung der Wahrscheinlichkeit von Aufmerksamkeitsdefiziten programmiert werden. Die sich daraus entwickelnden Strukturen erzeugen auf der anderen Seite dann das, was durch sie eigentlich verhindert werden soll, wenn sie sich erfolgreich entfalten: Verlust von Aufmerksamkeit mit der daraus resultierenden Konsequenz der verstärkten Wiederholung.
Mit diesen Überlegungen könnte man sich anfreunden und es dabei belassen; man könnte das alles hübsch abfassen und beim renommiertesten aller Verlage als Veröffentlichungsvorschlag einreichen. 

Im Fall der gerade ablaufenden Skandalisierungsroutine könnte man aber, statt der bekannten Schulweisheit soziologischer Erklärungen gehorsam zu folgen, auch mal fragen, welches wahrscheinliche Problem wohl entstehen könnte, wenn man alle beteiligten Empfindlichkeiten und Vorurteile nicht – wie scheinbar aufgeklärte Zeitgenossen unermüdlich vorschlagen – beiseite lässt, sondern sich im Gegenteil ganz und gar auf alle einlässt; also alle infragekommenden Ressentiments, Geringschätzungen, Geschmacksurteile in der Analyse berücksichtigt. Zu welchem Ergebnis könnte man kommen, wenn man unter methodischen Gesichtspunkten die Ausländerfeindlichkeit aller Beteiligten – die des Muezzins genauso wie die des Sarrazins – und alle Nuancen von Fremdenfeindlichkeit und die Distanzierungsaffekte aller möglichen Kollektivsingulare ernst nimmt?

Ausländer – Deutsche – Ungebildete – Christen – Migranten – Reiche – Türken – Inländer – Europäer – Arme – Moslems – Gebildete 

Theoretisch würde dies eine erhebliche Einschränkung eines Selektionsspielraums für einen Urteilsfindungsprozess nach sich ziehen. In der Theorie nennt man so etwas Entropie oder Informationsverlust. Und die interessante Frage wäre, was dann noch übrig bliebe, das für eine Urteilsbildung weiter verwendet werden könnte. Die Antwort könnte vielleicht lauten, dass man es auf diese Weise mit einem ganz großen Geheimnis zu tun bekommt, das auf Zusammenhänge schließen lässt, die deutlich machen, dass notwendig etwas Verborgenes dahinter stecken muss. Und die Entfaltung dieser Einsicht könnte man als deckungsgleich mit der gerade ablaufenden Skandalisierungsroutine bezeichnen.
Die viel zitierte Behauptung eines bekannten Soziologen, es stecke nichts dahinter, ist in dieser Hinsicht nur die einfältige Bequemlichkeit einer „Nachahmungssoziologie“, die lediglich eine Gesinnungsneutralität zitieren kann und aus diesem Zitat wiederum eine unhaltbare Neutralitätsgesinnung ableitet. Dass aber sehr wohl etwas dahinter stecken muss, kann man erst dann plausibel machen, wenn man darauf achtet, wodurch alle beteilgten Systeme ungefähr gleichermaßen, aber nicht auf gleiche Weise, ihre Empirie erzeugen.

Foto: Wikipedia

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Normal und Seltsam

Wenn man gelernt hat, das Normale und Alltägliche als seltsam und unwahrscheinlich zu betrachten, dann dauert es nicht lange bis die umgekehrte Betrachtungsweise genauso einleuchtet. Etwas, das sonst nur selten und unklar einleuchtet, das man nur verschwommen und vorbehaltlich berücksichtigen möchte, kommt auf einmal als eine Möglichkeit in Betracht, von der man plötzlich nicht mehr ablassen will; gemeint ist die Beobachtung, dass einen das Absonderliche plötzlich mit einer Aufdringlichkeit affiziert, die einen irritiert fragen lässt, warum man das das nicht schon längst so gesehen hat; sich selbst verwundert fragt, wie man es bisher – in diesem neuen Licht betrachtet – nur außer Acht lassen konnte.

Im Kontext von Tabu und Tabubruch kommen solche Einsichten unscheinbar zustande. Das inzwischen ganz normale, ja inflationäre Aufkommen von Diskussionen um den aktuellsten und sensationellsten Tabubruch lässt einem Beobachter die Frage immer wahrscheinlicher werden, dass tatsächlich von großen Geheimnissen und Unverletzlichkeiten die Rede ist, die durch sogenannte Tabubrüche nicht aufgehoben, sondern erzeugt werden. Der kritische Journalist, die engagierte Literatin, der eifrige Wissenschaftler bricht mal wieder mit irgendeinem Tabu! Und man kann an sich selbst bemerken, wie sehr man sich kaum der Aufmerksamkeitsrelevanz solcher Sinnangebote entziehen kann. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man vermutet, dass in hochkomplexen Verhältnissen bestimmte Verstärkungsmechanismen entwickelt werden müssen, um der ständig steigenden Unwahrscheinlichkeit von Anschlussfindungen entgegenzuwirken. Es werden Überbietungsroutinen durchlaufen, die durch die Erwartung der Wahrscheinlichkeit von Aufmerksamkeitsdefiziten programmiert werden. Die sich daraus entwickelnden Strukturen erzeugen auf der anderen Seite dann das, was durch sie eigentlich verhindert werden soll, wenn sie sich erfolgreich entfalten: Verlust von Aufmerksamkeit mit der daraus notwendig resultierenden Konsequenz der verstärkten Wiederholung. Zukünftige „System-Empiriker“ werden anfangen zu erforschen, ob man bestimmte Sequenzen solcher Routinen abstecken, wie man ihre Frequentierung messen und wie man ihre Struktureffekte verfolgen kann. Dazu würden sie sich eben dieser Routinen bedienen, also Tabubruch-Skandale eigenständig inszenieren, was nicht gehen wird, ohne ein methodisch halbwegs gesichertes Wissen um eine vorhersehbare Zuverlässigkeit von Anschlussfindungen. Wichtigste Voraussetzung scheint mir aber zu sein, dass sich Ablöseprozese vollzogen haben müssen, die im Ergebnis von Angst- und Hoffnungsaffekten befreien und es vermögen, Tabubruchskandale wie ein Stück Brot zu betrachten, von dem man in Erfahrung gebracht hat, dass man es auch essen kann.