Differentia

Tag: symbiotische Mechanismen

Paranoik und dionysische Wildheit

„Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ (Sigmund Freud)

Macht man sich eine Metapher Freuds zunutze, nämlich die, das Bewusstsein sei die Projektion einer Oberfläche und es für eine Analyse darauf ankäme, von dieser Projektion her auf den Projektor zurückzuschliessen, so könnte man ergänzen, dass sinnverarbeitende Systeme ausschließlich als Projektionen, als von Sinn gestaltete Virtualität zustande kommen, als para-doxai oder oder auch nur als Imaginationen. Das schließt theoretisch ein, dass diese Projektionen immer strukturiert sind, weil sie anders nicht kommuniziert werden könnten. Sie sind ausgestattet mit Redundanzen, die Erwartung und Antezipation zulässig machen müssen.
Ein Begriff für Erkenntnisfähigkeit paranoischer Imagination bezieht sich darauf, von den Projektionen her durchzurechnen auf die Operativität der projizierenden Systeme, also die Systematizität der Systeme zu verstehen als eine dezidiert operative Analyse auf der Basis des einzigen, was zur Verfügung steht, auf der Basis der Projektionen des Systems. Imaginationen wären also die einzige empirische Möglichkeit, die aufgrund ihrer unzuverlässigen Stabilität genügend Anlässe für ihre Beobachtbarkeit liefern.

Mit einer Paranoik könnten dann Strukturen dieser Projektionen begriffen werden, von denen aus die unzugängliche Operativität sozialer Systeme für das Bewusstsein erschlossen wird. Zusätzlich kann auch unter Berücksichtigung logischen Annahmen über Systeme ein Prognose- oder Testbereich aufgespannt werden, der durch Anschlussfindung sowohl Erwartung als auch Enttäuschung verifizierbar macht. Wobei die Testung selbst nach Maßgabe eigener Mutwilligkeit und Rücksichtslosigkeit geschieht.

Auf diese Weise käme in den Blick, was durch eine Theorie funktionaler Differenzierung immer ausgeschlossen wurde. Denn funktionale Differenzierung besagt, dass Funktionssysteme beständig Krisenkonzepte entwickeln müssen, um auf symbiotische Mechanismen zu reagieren.
Das heißt, dass das, was bei Luhmann mit dem Vermeidungsbegriff „symbiotischer Mechanismus“ (z.B. Affektkontrolle) behandelt wurde, dann nicht etwa nur ein Krisenbewältigungsverfahren zum homöostatischen Wiedereinpendeln von Ordnungsmustern ist um auf diese Weise die Systeme gegen Veränderung durch Differenzierung zu immunisieren, sonden im Gegenteil, um den Zerfall von Ordnungsmustern und Regeln zu beschleunigen, ohne damit zugleich die Motivationen zum Weitermachen zu vernichten. Paranoische Beobachtung von Operativität würde darauf reagieren, auf die beständig anhaltende Beobachtung des Zerfalls von Formen, was allerdings erst geht, wenn diese symbiotischen Mechanismen nicht zur Krisenbewältigung gebraucht würden, sondern, übertrieben formuliert: als Verfahren der Überlebensversicherung. Ein altes Wort dafür ist: dionysische Wildheit.
Dazu aber ist es notwendig, dass soziale Systeme immer weniger Rücksicht auf den affektfähigen Körper nehmen brauchen. Er müsste durch soziale Strukturen besser geschont werden, weil er sich dadurch umso eigensinniger selbst belasten kann.

Das Internet liefert nun diese Möglichkeit, indem sich ein jeder Affenkörper hinter Displays verschanzt und von dort aus beobachtet, was in nächster Nähe oder weit entfernt geschieht.
Eine Paranoik würde damit eine zu der transzendentalen Erkenntnisfähigkeit von psychischen Systmene inkongruente Perspektive eröffnen, die nicht zuerst ihre Wissenschaftlichkeit beweisen muss. Ein Begriff von Paranoik könnte nur erkennbar machen, dass sie sich auf der Ebene ihrer eigenen Operationen im Modus der Fremdreferenz kontrollieren lässt. Die Kontrolloperationen wären damit eine fremdreferenzielle Selbstkontrolle, wären Performate, mit all den daran sich knüpfenden Risiken und Chancen.

Die Frage ist nur, ob das transzendentenale Subjekt mit seiner eigenen Vernunft verrückt genug umgehen kann. Das wäre das zu Testende.

Leiblichkeit und Kommunikation

Parsons spricht im Zusammenhang von Handlung und Leiblichkeit von sogenannten „real assets“ oder von den „security basis“ symbolisch generalisierter Medien, die das Risiko der Generalisierung gleichsam integrieren. Luhmann übernimmt dieses Konzept von Parsons und spricht dann von „symbiotischen Mechanismen“. Das bedeutet aber nicht, dass man Handlungs- und Kommmunikationstheorie so einfach zusammenschließen kann. Parsons Konzept war Handlungen verpflichtet. Handlung selbst ist System. Jede Handlung bedarf, um als solche beobachtet zu werden, einer sozialen Sinnhaftigkeit. Diese Sinnhaftigkeit kann dann nicht aus der direkten Beobachtung der Handlungen gewonnen werden. Diesen Zusammenhang macht Parsons auch im Theorem der doppelten Kontingenz deutlich: Wenn Ego und Alter ihr Handeln gegenseitig vollständig aufeinander einstellen könnten, so würde Handeln gar nicht zustande kommen. „Real assets“ ist die Fähigkeit Sinn und Handlung aufeinander zu beziehen, etwas, dass Handlungssysteme gebrauchen, um sich an ihre Umwelt anpassen.
Kommunikation ist autopoietisches Geschehen und damit kann der Sinn von Kommunikation nicht aus der Beobachtung von Kommunikationen erschlossen werden. Wie aber erschliesst die Kommunikation sich selbst ihren Sinn? Die Antwort könnte lauten: indem sie ihre Umwelt beobachtet und sich an den so erzeugten Realitätskontakten orientiert. Das ist aber für Kommunikation als Kommunikation schlicht und einfach unmöglich.
Kommunikation hat keine „real assets“ und basiert in nichts anderem als in seinen eigenen Kommunikationen. So käme man zu der Frage: Wie ermöglichen sich Funktionssysteme, die aus Kommunikationen bestehen, dass sich in ihren symbolisch generalisierten Medien Kommunikationen reproduzieren, die symbolisch wieder als solche zu generalisieren sind?
Allen ausdifferenzierten Funktionssystemen steht ein symbiotischer Mechanismus zur Verfügung, der ihnen genau dies erlaubt. Die funktionale Ausdifferenzierung der Politik ist beispielsweise nur möglich, wenn das symbolisch generalisierte Medium Macht auch Macht symbolisch generalisieren kann. Dies kann aber Macht als Macht nicht. Der symbiotische Mechanismus ist die Gewalt, deren Kommunikation vom politischen System verwendet wird, um Kommunikationen im Medium der Macht zu reproduzieren. Dies sind zunächst Anschlüssse an vorangegangene Kommunikationsoperationen, die schnell aktualisiert werden. Nur unter der Bedingung der Kommunikation von Gewalt können diese vergangenen Kommunikationen plausibel und praktikabel in zukünftige Kommunikationen eingehen. Auch dies ist eine Leistung des symbiotischen Mechanismus Gewalt. Hier könnte zugleich ein Problem liegen, weil Gewalt unter Bedingungen der technischen Steigerbarkeit nicht nur als symbiotischer Mechanismus verwendet wird, der Sicherheit im politischen System steigert, sondern zugleich Unsicherheit in allen anderen Systemen erhöht. Bisher ist allerdings kein funktionales Äquivalent in Sicht. Gewalt als symbiotischer Mechanismus der Politik wird in anderen Funktionssystemen nicht verwendet und kann im politischen System generell nicht anders als eben als symbiotischer Mechanismus Verwendung finden.