Differentia

Tag: Subjekt

Was ist Subjektivismus?

Die Begründung des subjektiven Urteils und die Chance seiner sozialen Vermittelbarkeit lässt sich ungefähr so beschreiben:
Stell dir vor, du wirst aufgefordert an einer Lotterie teilzunehmen. Das Angebot lautet, dass ein Los fast nichts kostet. Du bist einverstanden, ziehst ein Los – und hoppla: ein Hauptgewinn!
Wie kann das sein? Nun, du bringst in Erfahrung: fast jedes Los ist ein Hauptgewinn. Und was hast du gewonnen? Nichts weiter als die Teilnahme an der nächsten Lotterie nach den selben Regeln. Das ist Subjektivismus – ein einfaches Spiel für einfache Leute mit einem einfachen Verstand, die in einfachen Verhältnissen leben und einfach nicht wissen, was sie sonst machen sollten.

Bleibt noch die Frage übrig, warum sich dieses Spiel so großer Beliebtheit erfreut, wenn es so trivial ist? Die Antwort lautet, dass es fast nichts kostet und man fast immer gewinnt.
Aber das ist nur meine subjektive Meinung.

Die Kontingenz des Selbst #selbstreferenz @sms2sms @jenscmoeller

Zwar kann ich an keine Form von Selbst glauben, das nicht im Lauf der Zeit aus Sprache hervorgegangen wäre, aber das überzeugt mich noch lange nicht davon, von mir selbst in der zwangsläufig gesetzten Sprache eines soziologisierten Subjekts zu reden. Dieses ‚Ich‘, mit dem ich mich selbst beschreibe, ruft eine Unruhe hervor, die durch keine Theorie seines konstruierten Charakters gemildert werden kann … Was ‚Ich‘ zu sein behauptet, antwortet mir, und ich kann nicht ganz glauben, was ich es sagen höre.

Denise Riley, The World of Selves. Gefunden in: Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt. Adorno Vorlesungen 2002. Frankfurt/Main 2007, 2. Kapitel S. 58.

Anmerkung: Die nicht zu mildernde Unruhe, von der da die Rede ist, ist ebenfalls selbst konstruiert und wäre ohne Soziologie (oder Theorie) gar nicht als etwas relevant, das der Behandlung bedürfte. Natürlich kann die Unruhe trotzdem weiter gehen. Aber das heißt nur, dass die Theorie weiter geht, um so besser, je mehr ich Grund habe zu fragen, ob ich glauben kann, was das ‚Ich‘ über den sagt, der etwas glauben will oder auch nicht.

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