Differentia

Tag: Sprache

Eine Weltsprache – eine Fremdsprache für alle 1

Die Idee von Esperanto ist, eine Weltsprache zu benutzen, die für alle, die sie lernen und benutzen, eine Fremdsprache ist. Das ist keine schlechte Idee. Die Sprache hat aber seit ihrer Erfindung kaum nennenswerte Erfolge erzielt. Denn eine Sprache zu erfinden, ist nicht sehr schwer; sie kommunikabel zu machen aber sehr wohl. Und zwar deshalb, weil kaum einer bereit ist eine Sprache zu lernen, die kaum einer spricht. Und nur weil andere auch die Bereitschaft zeigen, Esperanto zu lernen, reicht das als Grund nicht aus. Denn worüber sollte man reden, wenn nicht bloß auf Esperanto über Esperanto? Ein Gespräch, egal in welcher Sprache, ist auf sehr viel mehr Voraussetzungen angewiesen als nur ein passendes Gesprächsthema. Das gilt erst recht, wenn es um eine Sprache für alle geht. In dem Fall muss sie auch für alle kommunikabel sein. Aber die Kommunikabilität einer Sprache entsteht durch ihren Gebrauch. Gebraucht werden kann sie allerdings nicht, wenn man mit kaum jemanden über kaum etwas reden kann.

Eine Weltsprache kann also durch Planung und Vermittlung nur einen sehr geringen Teil der Weltbevölkerung erreichen. Daran kann man erkennen was Sprache leistet: sie muss die Voraussetzungen ihrer Kommunikabilität selbst durch ihren Gebrauch kommunikabel machen. Das erklärt, warum Sprachen eine sehr lange Entwicklungszeit haben, warum sie in der Regel sehr kompliziert sind und warum es so viele gibt. Sprachliche Komplikationen entstehen, weil Kommunikation, wenn sie mit dem Sprachgebrauch zugleich das Gesprochene irritabel macht, ihre eigene Schwierigkeiten versprachlicht, weshalb Komplikationen Ablehnung wahrscheinlich machen, was zu sprachlicher Differenzierung führt. Diese Differenzierungsleistung kann nur durch Selbstorganisation, die keine Zeitnot kennt,  zustande kommen. Differenzierung kann aber nicht geplant und geregelt, nicht organisiert und durch Organisation vermittelt werden. Und für die massenmediale Verbreitung von Schriftsprache gilt das selbe wie für das Gespräch: wer soll das Lesen und warum?

Genau das musste mit Esperanto aber versucht werden, wenn man die Idee, eine Weltsprache zu erfinden, ernst nimmt. Entsprechend konnte sich Esperanto nur auf dem Weg der Persuasion verbreiten, und deshalb kann sie nicht die Ansprüche erfüllen, die sie stellt: eine Fremdsprache für alle zu sein.

Esperanto ist an ungeeigneten Bedingungen gescheitert. Aber was wäre, wenn in dem Augenblick, wo das Scheitern des Versuchs, eine Sprache für alle einzuführen, erkannt wird, zeitgleich erkennbar wird, dass die Bedingungen, durch die das Scheitern hervorgerufen wurde, hier: persuasive Kommunikation, ebenfalls scheitern?

Fortsetzung

Hyperbolisierung: Die Diskriminierungsstrategie genderneutraler Sprache

An der Humboldt-Universität ist der Versuch auffällig geworden, sprachplanerisch diejenigen Unterschiede zu verwischen, zu verzerren oder zum Verschwinden zu bringen, die durch die Bemühung um diese Art der Sprachplanung aktualisiert und in Erinnerung gerufen werden. Dabei handelt es sich um sog. „feministisches Sprachhandeln“, durch das Geschlechterunterschiede auf dem Weg der Zerrüttung sprachlicher Konventionen wieder hergestellt werden. Geschlechterunterschiede werden auf diese Weise sozial reproduziert. Wie sollte es auch anders gehen? Unterschiede können nicht dadurch vermieden werden, dass sie kommunikativ zirkulieren.

Diese feministische Doktrin – in diesem Fall formuliert von Lann Hornscheidt – fällt dadurch auf, dass man leicht die Nerven verlieren möchte ob des Schwachsinns, der damit verbunden ist. Man muss sich das mal vorstellen: Die sprachliche Behandlung von wahrnehmbaren Unterschieden der Geschlechter soll durch andere Sprachkonventionen zerstört werden, weil mit der Versprachlichung solcher Wahrnehmungen angeblich irgendwelche Diskriminierungen verbunden seien, die sich auf das Erleben von Menschen nachteilig auswirken könnten und darum unterdrückt werden sollten.

Durch Sprache soll Wahrnehmung kontrolliert werden. Man erinnert sich an das Neusprech bei George Orwell und neigt zur Empörung, zur Ablehnung oder mindestens zum Kopfschütteln. Jedenfalls frisst es an den Nerven – und mir scheint, dass eben dies die Falle dieses sog. „feministischen Sprachhandelns“ ist.
Die Falle besteht darin, dass durch solche Versuche die Geschlechterunterschiede nicht aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil: sie werden durch diese Art ihrer sprachlichen Behandlung in Erinnerung gerufen, sie werden prolongiert und weiter differenziert. Sie werden umso aufdringlicher der Wahrnehmung unterbreitet, je weniger es gelingt, den Zweck solchen Tuns zu erreichen.

Damit wird aber das nachteilige Erleben für Menschen genauso wenig aus der Welt geschafft wie es allein durch Wahrnehmung und Versprachlichung entsteht.  Sprache muss diskrimierend wirken, damit sich im Reproduktionszusammenhang von Kommunikation ihre soziale Wirksamkeit entfaltet, wobei gerade die vornehmste Wirksamkeit von Sprache eine Differenzierungsleistung von Sinn ist, die ohne Diskriminierung, also ohne Trennung zwischen Gemeintem und Andersgemeintem, gar nicht zustande käme. Entsprechend wirkt auch dieses „feministische Sprachhandeln“ diskriminierend, weil es sprachliche Zumutungen anbietet, die auf dem Wege der selbstwidersprüchlichen Verwendung der Anbieter ein Rätselraten darüber denjenigen überlässt, die sich ob dieses Blödsinns empören. Es wird mit diesem Versuch zwischen Akzeptanz und Ablehnung getrennt und getestet, ob sich eine geeignete Diskriminierungsstrategie finden lässt, die schließlich in eine Unvereinbarkeit von sprachlicher Wertschätzung mündet. Wenn dies geschieht, wäre der Normalfall, den Sprache immer erbringt, erreicht: Trennung zwischen denen, die so sprechen und denen, die anders sprechen. Das ist ganz normal.

Solange diese Trennung, diese Diskriminierungsleistung sozial nicht vollzogen ist, geht es nur darum, die Unerklärbarkeit des eigenen Erlebens von Benachteiligung bei Sprachgebrauch auch denjenigen zu überhändigen, die bislang dieses Erleben nicht geäußert haben. Wenn nachteiliges Erleben durch Sprachgebrauch, so könnte man die Maxime zusammenfassen, dann nicht nur für diejenigen, die dieses Erleben äußern, sondern auch für diejenigen, die das bislang nicht getan haben.

Und prompt geschieht dies. Emörung macht sich breit. Die Falle funktioniert. Es wird Diskriminierung geprobt. Aber das geht nur auf dem Wege der Hyperbolisierung, der Übertreibung, durch verstärkte Maßnahmen, eben diese Diskrimierungsleistung, die nur sozial erbracht werden kann, mitzuvollziehen, was eben heißt: entweder so sprechen oder anders.

Warum die Übertreibung? Die Übertreibung ist die notwendige Folge, weil auf dem Wege des Argumentierens diese Leistung sozial nicht so leicht vollzogen werden kann. Denn Sprache erzeugt ein Ja/Nein-Schema, das wunderbar geeignet ist, Kommunikationen zu koppeln, statt zu trennen. Entsprechend kann durch Argument oder Appell und durch Fortsetzung der Kommunikation eine Diskriminierung nicht so leicht vollzogen werden. Es kommt hinzu, dass Diskriminierung um so schwieriger wird, je weniger Möglickeiten die Beteiligten haben, Gewalt anzuwenden. Damit aber dennoch Diskrimierung möglich wird, muss sie irgendwie auf provokative Weise zustande kommen. Entsprechend wäre die Hyperbolisierung eine geeignete Strategie. Es wird übertrieben, es wird in den Schwachsinn getrieben und das mit soviel Nachdruck und Beharrlichkeit, dass man sich irgendwann einer Ordnungsfindung durch Trennung nicht mehr widersetzen möchte.

Aber ob dies tatsächlich geschehen wird bleibt immer fraglich, weil ja auch die Empörungsroutinen sich verstärken können. Sie können ebenfalls in die Übertreibung geführt werden. Und dann koppeln sich die Kommunikationen umso strenger. Und je strenger die Koppelung geschieht, umso weniger wird Diskrimnierung erreicht, was dann dazu führen muss, die Nervenbelastung der Menschen weiter zu steigern.

Die Hyperbolisierung ist gleichsam der Versuch, die Unhaltbarkeit des Geschehens durch verstärkte Autoimmunreaktionen zu belasten um zu testen, ob Diskriminierung und Ablösung nicht dennoch geschehen könnte.

Man kann nur hoffen, dass es in dieser Hinsicht bald zu einer Diskriminierung kommt. Und wenn nicht, dann ist ist es nur diese unhaltbare Kommunikation, die sich nachteilig auf das Erleben von Menschen auswirkt.