Differentia

Tag: Skandal

Selbstreferenz – Eine kleine Apokalyptik des Medienskandals

In einem kleinen, nicht einmal mehr wichtigen, aber dennoch instruktiven Blogbeitrag von leitmedium findet sich eine Kurzuntersuchung über die Tracking-Gewohnheiten bekannter Tageszeitungen, die gern und ausführlich über die obszönen Gewohnheiten der Datensammelwut berichten, aber mit keinem Wort erwähnen, dass sie in dieser Hinsicht auch nicht sehr faul sind. In dem Artikel wird berichtet wie man mit einfachen Methoden heraus finden kann, dass auch auch die Verlage dieser Tageszeitungen sehr gern Daten sammeln und dieses Begehren zugleich, ob schamhaft oder nicht, ihren Leser verschweigen. Sie müssen schon von selbst darauf kommen.
Hat nun ein journalistischer Detektiv so etwas heraus gefunden, dann wird normalerweise der Weg der Skandalisierung beschritten. Die Skandalisierung besteht in diesem Fall im Vorwurf einer Doppelmoral. Man predigt Wasser und trinkt selber Wein. Man kennt das. Und je obszöner diese Doppelmoral ins Auge springt, um so besser läuft der Skandal an, der sich allerdings niemals einstellen würde, könnte der Verkünder solcher Schändlichkeiten damit nicht selbst auch sein Geld verdienen. Denn für was sollte es sich sonst lohnen, wenn nicht für Umsatz? Eben dies ist die Devise, mit der alle Tageszeitungen ihr Geschäft betreiben und welche sie gleichfalls ihren Leser nicht mit übertriebenen Anstrengungen unter die Nase reiben. Auch in diesem Fall gilt: sie müssen von selbst drauf kommen. Und wenn heraus gefunden wird, dass die Dinge sich so verhalten wie sie sind, was schlechterdings niemand leugnen kann, dann ist es auch egal.

https://twitter.com/kusanowsky/status/408522982009487360

Das Geschäft kann trotzdem weiter gehen, was um so besser gelingt, wenn die Vermeidung von Selbstreferenz an jeder Stelle des Systems mit gleicher oder ähnlicher Wertschätzung bedacht wird. Damit stellt jeder Fortsetzungsversuch jedem anderen eine Falle zur Verfügung, in die man hinein tappen kann, weil alles unter der Voraussetzung steht, die Verantwortlichkeit dafür nicht selbst zuzurechnen. Es wird alle Verantworlichkeit allein fremd referenziert.
Das bedeutet, dass gerade der Versuch der Vermeidung von Selbstreferenzialität ideal geeignet ist, Selbstreferenz als Schließoperation des Systems zu verwenden, weil auf diese Weise verschiedene Elemente über den selben blinden Fleck verknüpft werden. Sie teilen gleichsam eine gemeinsame Ignoranz (ignorantia: Nichtwissen) hinsichtlich der Differenzen, mit denen sich sich auf der Basis ihrer referenzierbaren Beiträge befassen. Die selbstreferenzielle Schließung des Systems geschieht durch Fremdreferenzierung; und das System kann darin sogar seine letzte Wahrheit finden, weil ja das, worüber nicht berichtet wurde, an der gleichen Stelle nicht anschlussfähig ist. Wird aber an anderer Stelle die andere Seite der Unterscheidung, nämlich Nichtreferenziertes bezeichnet, dann geht das nur wieder auf der Basis einer eigenen Vermeidung von Selbstreferenz, wodurch sich System autopoietisch reproduziert. In diesem System ist also durch das System kein Ausweg möglich.

Es sei denn, es passiert etwas anderes, was im Programm der Selbstrepoduktion gar nicht vor gesehen ist. Was wäre, wenn die Aufdeckung, die Offenbarung, die Enthüllung, die Apokalypse nicht am positiven Wert der Unterscheidung anschließt, sondern am negativen Wert? Wenn also die Fortsetzung der Kommunikation nicht durch den selben Versuch der Vermeidung von Selbstreferenz vor sich geht, sondern wenn im Gegenteil der Vermeidungsversuch gar nicht skandalisiert und damit auch nicht sanktioniert wird? Eben dies geschieht im Artikel bei Leitmedium.
Der Berichterstatter deckt mit seinem Artikel diese sogenannten Doppelmoral auf, weist darauf hin, ohne sie als „Erregungsvorschlag“ (Peter Sloterdijk) zu kennzeichnen und belässt es dabei. Er betreibt gleichsam Versachlichung.
Eine Skandalisierung kann gar nicht funktionieren, was auch daran liegt, dass spätestens mit der ausschließlichen Verbreitung dieses Artikel via Internet der festgestelle Vermeidungsversuch von Selbstferenz nicht noch einmal unternommen werden kann. Denn spätestens jetzt muss ja mitberücksichtigt werden, dass auch der Betreiber von „Leitmedium“ Daten sammelt, weshalb eine Weiterskandalisierung keinen obszönen Gehalt vorweisen kann.

https://twitter.com/leitmedium/status/406874092286251009

Das Ergebnis ist das einer Apokalyptik, die nicht darin besteht, dass selbstreferenzielle System der Massenmedien an seiner Funktionsweise zu hindern. Sie macht nur darauf aufmerksam, dass jetzt mit dem Internet als Massemedium für Massenmedien diese Selbstreferenzvermeidungsversuche nicht mehr geeignet sind die funktionsstabilisierende Anschlussfindung des Systems der Massenmedien durch Internet fortzusetzen. Die Selbstreferenzialität des Funktionssystems Massenmedien ist darauf angewiesen, Fremdreferenz erwartbar ansteuern zu können. Was statt dessen aber geschieht ist, dass diese Erwartbarkeit unterlaufen wird, ohne gleichwohl schon etwas anderes manifestierbar zu machen. Die Anschlussoperation vollzieht also kein re-enttry, sondern ein re-exit.

Kommunikation via Internet kann auf diese Weise keine selbstreferenziellen Systeme konstruieren.

Schundkampfrituale

In der Schrift von Émile Durkheim „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ findet sich eine Beschreibung des sogenannten „mimetischen Ritus“ (1). Dabei handelt es sich um eine von der Ethnologie sehr oft beschriebenen Praxis des regelmäßigen Vollzugs von Irritationsroutinen in tribalen Gesellschaften, die als Rituale eine Vergewisserung über das von einer Gemeinschaft geteilte Wissen reproduzieren um so eine symbolische Ordnung zu stiften. Dies geschieht durch Inszenierung eines Zustandes, der eben diesen Zustand erzeugen soll, um durch den Vollzug das Wissen um einen gemeinschaftsstiftenden Mythos zu reaktualisieren. Es handelt sich dabei nicht um das Nachspielen von Erlebnisgehalten, sondern um einen sich selbst bestätigenden Appell zum sozialen Zusammenhalt, der dazu führt, dass die Gemeinschaft wieder zusammenhält.

Eigentlich ist der Gedanke gar nicht so abwegig, dass diese immer wiederkehrenden Schundkampfrituale wie sie in den Massenmedien gegen die Massenmedien durchgeführt werden, eine Art „mimetischen Ritus“ darstellen. (2) Die letzte Nummer eines solchen Schundkampfrituals war die kritische Diskussion um die sogenannte „digitale Demenz„. Solche kritischen Diskussionen haben immer wieder Konjunktur. Zurückliegend bezogen sich diese Schundkampfrituale auf Computerspiele, Jugendzeitschriften, Videospiele, Fernsehen, Comics, Brettspiele, Radio, Kino, Tageszeitungen und Romanliteratur. Solche Schundkampfrituale lassen sich bis ins 18. Jahrundert zurück verfolgen.
Mit jeder Innovation wurden solchen Schundkampfrituale durchgeführt und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sich daran in nächster Zeit nichts ändern wird.

Warum werden diese Schundkampfrituale eigentlich immer wieder mit dieser Unbeirrbarkeit und Hartnäckigkeit durchgeführt, wenn doch leicht erkennbar ist, dass sie noch niemals dafür sorgen konnten, dass das, wovor gewarnt wurde, unterbunden wurde?

Die Antwort könnte lauten, dass die Schundkampfrituale keinen anderen Zweck erfüllen als denjenigen, der mit dem Begriff des sogenannten „mimetischen Ritus“  beschrieben werden könnte. So wäre die Funktion solcher Schundkampfrituale die Selbstvergewisserung über eine funktionstüchtige kritische Disziplin, die sich durch diese Innovationen ständig bedroht sieht. Durch den Vollzug des Rituals wird aber nicht nur die Erinnerung an die kritische Diszplin wach gehalten, sondern es werden zugleich die Anlässe zur Konstruktion von Gegenständen gefunden, die durch die kritische Methode analysiert und erforscht werden sollen.

So erfüllen diese Schundkampfrituale eine unverzichtbare Affirmation durch Kritik. Und dienen der Steigerung von Kritikfähigkeit.

(1) Émile Durkheim: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. 1984, S. 473 f.
(2) Kaspar Maase: Der Schundkampf-Ritus. Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit der Medengewalt in Deutschland. Passau 1993, S. 511.