Differentia

Tag: Simulation

Vernichtung der Öffentlichkeit durch ihre Veröffentlichung

Zu dem Artikel Das Internet vernichtet Öffentlichkeit hat es in diesem Blog eine lange Diskussion gegeben, die sehr viel Unübersichtlichkeit zustande gebracht hatte, durch welche das Argument, dass durch das Internet Öffentlichkeit vernichtet wird, zugeschüttet wurde. Darum möchte ich das gleiche Argument noch einmal aufgreifen und zugleich ankündigen, dies noch häufiger zu tun, weil vermutlich die gleiche Unübersichtlichkeit jedesmal wieder anfällt und abgetragen werden muss. (Gäb es eine Öffentlichkeit für solche Diskussionen, so würde sich das Problem vielleicht nicht mit dieser Hartnäckigkeit stellen.)

Im Sommerloch 2010 verbreiteten sich höchst aufgeregte Diskussionen um Google Street View. Diese Diskussion war durch die Frage geprägt, aus welchem Grunde man seine eigene Hausansicht auf einer Internet-Panorama-Fotografie verpixeln lassen wollte, wenn doch die Hausansicht selbst auch ohne dies von allen Seiten öffentlich ansehbar ist und nicht eigentlich ein geschütztes privates Gut darstellt. Die Irritationen könnte man auf den die Feststellung bringen, dass mit Google-Street-View nur der öffentliche Raum veröffentlicht wurde, weshalb sich konsequenterweise die Frage stellte, was sich denn eigentlich änderte, wenn dies geschieht.
Die Antwort könnte lauten, dass die Veröffentlichung des öffentlichen Raumes das Beobachtungsschema ändert, durch welches der öffentliche Raum als solcher erscheint, womit zugleich ein anderes Beobachtungsschema abgelöst und vernichtet wird.

Eine Möglichkeit, den öffentlichen Raum zu definieren wäre, dass es innerhalb dieses Raums keine privilegierte, kein exponierte Stelle gibt, von welcher aus dieser Raum als öffentlich erscheint. Weil der Raum für alle und für alles zugänglich ist – ein Umstand, den besonders Terroristen ausnutzen – kann niemand ihn von sich aus und für sich als solchen reklamieren. Öffentlicher Raum hieße, dass er von niemandem für alle zur Verfügung gestellt wird, was auch für den Staat gilt. Denn aus diesem Grunde braucht der Staat eine Polizei, eben weil auch die Polizei kein Privileg besitzt, Zugangsrechte vollständig zu kontrollieren, wodurch das Problem entsteht, dass die Polizei lösen soll, nämlich die Sicherstellung der öffentlichen Ordnung, was wenigstens prinzipiell nur ginge, wenn der Raum im Privatbesitz der Polizei wäre. Aber dann stellte sich das Problem nicht.

Unter Öffentlichkeit könnte man eine Verallgemeinerung dieses Sachverhalts verstehen, die besagt: Öffentlichkeit ist das, was jeder wahrnehmen kann, ohne für die eigene Wahrnehmung haftbar gemacht zu werden, weil die Wahrnehmung des Wahrgenommenen als Wahrnehmung niemandem zur Verfügung steht.

Das ändert sich, denn durch Dokumente Wahrnehmung öffentlich kommuniziert wird, da die Dokumente (Malereien, Fotografien, Plakate, Filme usw.) Referenzen abgeben, die auf Sujets, Adressen, Geschmack, Publikum, Gesinnung und ganz allgemein auf affektbesetze Differenzen verweisen, für die keine individuellen oder kollektiven Zurechnungsinstanzen haftbar gemacht werden können. (Daher z.B. das gesetzliche Recht auf das eigene Bild, denn man kann nur für das Bild jemanden verhaften, nicht für dessen Wahrnehmung.)
Solange diese Dokumente sozial-chorologisch verstreut sind, können aus den Ordnungsregeln, durch die diese Verstreuung zustande kommt, auch Regeln abgeleitet werden, um diese Verstreuung kontrollieren. Und erst dadurch, also durch Selektionen der Ordnungsfindung, entstehen Regeln, durch welche Öffentlichkeit als etwas erscheint, das durch diese Ordnung nicht mehr erreichbar ist. Öffentlichkeit wäre das, was durch eine öffentliche Ordnung als unerreichbar erscheint.

Ein Beispiel war die Bennetton-Werbung in den 1990er Jahren: schockierende Bilddokumente wurden öffentlich ansehbar. Deshalb musste herausgefunden werden, von wem sie veröffenlicht wurden. Da die Veröffentlichung dieser Werbung durch eine Ordnung geschah, die Adressen (also die Firma Benetton) schon kannte, konnten die öffentlich wahrnehmbaren Bilder als Werbeaktion sanktioniert werden, ohne damit weder die Wahrnehmung noch die Verbreitung der Bilder zu sanktionieren.
Zugespitzt formuliert: Öffentlichkeit ist die systeminterne, soziale Wildnis der Zivilisation.

Und nun stelle ich mir vor, dass diese Wildnis durch Selektion noch einmal geordnet werden könnte, aber so, dass sie jetzt als eine für einzelne unverfübare Komplettdokumentation durch das Internet beobachtbar wird. Zwar entsteht durch die Dokumentation von Google zunächst eine Verfügbarkeit, weil man die Dokumentation auch ändern kann. Da das Unternehmen eine Adresse als Zurechungsinstanz für die Veröffentlichung von etwas lieferte, das niemandem privilegiert zugänglich ist, richtete sich der Protest an das Unternehmen, es möge doch Verpixelungen vornehmen, weil es angeblich einen privilegierten Zugriff auf diese Dokumentation habe, also ein Vorrecht, das sonst keiner hat. Aber abgesehen davon, dass niemand erklären kann, was es denn mit diesem Privileg auf sich hat, worin das Vorrecht von Google bestehen könnte, da ja die Komplettdokumentation von jedem wahrnehmbar und von niemand privilegiert sanktioniert werden kann, zeigt sich nun, dass die Technik, mit der der öffentliche Raum fotorealistisch veröffentlicht werden kann, selbst wiederum durch den Markt zugänglich wird. (siehe: Google-Streetview-Kamera zum Selberbauen), ein Markt, der sich übrigens durch das Internet strukturiert.

Abschluss der Argumentation: wenn die soziale Wildnis der Zivilisation durch die Ordnung der Zivilisation einem jeden Internetnutzer weltweit durch die Verfügung über einen Internetanschluss der Wahrnehmung zur Verfügung gestellt wird, dann könnte man glauben, dass nur eine neue Ordnungsebene für unverfügbare Wahrnehmung und damit für eine soziale Wildnis nächster Ordnung entsteht. Das könnte man wie Christoph Kappes und Weltenbummler argumentieren – eine Mega-Öffentlichkeit nennen.

Mein Argument lautet, dass man es dann nicht mit einer unverfügbaren Wahrnehmung zu tun bekommt, sondern mit unverfügbarer Dokumentation von Wahrnehmung, also mit Simulation von Öffentlichkeit. Aber diese Unverfügbarkeit muss, damit sie als solche erscheint, selektiv behandelt werden („Filter-Blase“). Und daraus könnte man ableiten, dass diese Unverfügbarmachung einer Komplettdokumentation durch eine Ordnung genauso komplett geordnet werden könnte.

Konsequenz: Vernichtung der sozialen Wildnis – Vernichtung der Öffentlichkeit durch ihre Veröffentlichung.

Amina – Identität und Authentizität als Problem der Simulation

Es funktioniert immer wieder. Im Jahre 1906 hatte es der entlassene Strafgefangene Friedrich Wilhelm Voigt geschafft, in der Kostümierung eines Hauptmanns der preußischen Armee die Stadtkasse von Köpenick zu plündern. Die Geschichte ist bekannt und war als Ereignis gleichsam eine variierte Nacherzählung des bekannten Novellenstoffes „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller aus dem Jahre 1874. Dieser Erzählung fand ihre Motive in verschiedenen Erzählformen wie die des Märchens, in der Berichterstattung über solche Fälle und in Komödien, die wiederum nur populäre Erzählstoffe aus dem 18. Jahrundert aufgriffen und umformten. Der bekannteste Fall von Hochstapelei in jüngerer Zeit war der des Gert Postel, der eine beachtliche Karriere als Arzt durchlief. Und damit wäre nur eine kleine Sammlung aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetragen. Aber nicht nur im europäischen, sondern auch im arabischen Raum dürfte man eine variantenreiche Komplexität von Erzählungen finden, welche sowohl Identitätsbetrug als auch Identitätsvertauschung thematisieren.
Es ist also keineswegs eine übertriebene Einschätzung, wenn man bemerkt, dass solche Erzählungen, die immer wieder eine Trinität von Realität, Identität und Authentizität unterscheiden, zum normalen Erfahrungsprogramm sozialer Systeme gehören. Diese Normalität repoduziert sich durch Analyse und Synthese ihrer Elemente, zu denen Humor genauso gehört wie die Skandalisierung von Empörung.
So ist es auch kein Wunder, dass Hochstapler, Betrüger und Spaßvögel in der Internetkommunikation auffallen und durch dieses Medium eine solche Erzähltradition fortsetzen.
Aktuell geht es um den Fall „Amina Abdallah Arraf“, eine syrische Bloggerin, von welcher erzählt wird, dass sie ihre Identität nur vorgetäuscht habe. In Wirklichkeit sei sie aber die Erfindung eines amerikanischen Studenten, der die Geschichte eines „Hauptmann von Damaskus“ wiedererinnert habe und mit diesem Hoax weltweite Aufmerksamkeit erregen konnte, da es gelang, durch diese Fiktion die politische Realität in Syrien authentisch zu thematisieren.
„Amina“ – nomen est omen, wie man sagt – „die Vertrauenswürdige“, so die übersetzte Bedeutung dieses Namens, wurde vom Publikum als prominente Figur eines Widerstandes inszeniert, welcher in der Erzählung der westlichen Welt ebenfalls eine aufmerksamkeitsgenerierende Funktion besitzt. Widerstand ist dieser Erzähltradition nach mit Unschuld, Rechtschaffenheit und Courage konnotiert. In diesem Zusammenhang fällt schließlich die Unterscheidung auf: Macht auf der einen Seite, die als erstrebenswert erscheint unter der Voraussetzung, dass die sich daran knüpfenden Erwartungen von Gerechtigkeit und Wahrheit erfüllbar wären, wodurch Macht auf der anderen Seite durch ständige Enttäuschung solcher Erwartungen immer verdächtig ist und damit Widerstand legitimiert, der aproiri von solchen Enttäuschungen durch Unterstellung von Unschuld befreit sein sollte. Die Legitimität von Widerstand wird also immer dann ungeprüft akzeptiert, wenn Macht nachprüfbar die Erwartungen enttäuscht, durch die sie legitim sein sollte. Und diese Legitimierung von Widerstand kannn eine Projektionsfläche entrollen, auf welcher sich alle möglichen Ansprüchen, Hoffnungen und Erwartungen abbilden, die sich selbst schließlich nicht als Problem bemerken können. Wenn man Grund zur Hoffnung findet, dann auch Grund zum Vertrauen, solange die Welt ein riesiges Reservoir unerfüllter Versprechungen bereit hält.
So ist es dann auch kein Wunder, wenn ein Vertrauensbedürfnis sich dadurch befriedigt, dass es sich Phantome schafft, die passgenau die Selbstillusionierung verstärken und sich ob dieser Trefflichkeit zu einer Blase ausbilden, die ihre Instabilität in dem Maße steigert wie sie Hoffnung verbreiten kann. Das Phantom kann aber erst in dem Augenblick als solches erkannt werden, wenn die Überspanntheit des Publikums auf den Zusammenbruch der Illusion zuläuft mit dem Ziel, diese Illusion zu retten. Es zeigt sich nämlich plötzlich die angebliche Realität des Phantoms: es war ja nur ein privilegierter amerikanischer Student, also nur ein Symbol, das für eine grundsätzlich verdächtige oder jedenfalls nicht generell statthafte Lebensweise einer gesellschaftlichen Schicht steht, der als Ausganspunkt für eine Gespenstergeschichte genommen wird, die sich nur deshalb global verbreiten konnte, weil ein sich selbst bestätigender Zirkel von Unschuld und Vertrauen solche Phantome wie ein Magnet anzieht um seine selbstreferenzielle Stabilität zu garantieren. So zeigt sich schließlich was durch die Entlarvung des Phantoms gewonnen wird: die Berechtigung einer Illusion, die um so härter wird, da nunmehr die moralische Integrität amerikanischer Mittelschichtsstudenten trefflich bezweifeln werden kann.
Der Troll, der hier schließlich mit Geringschätzung überhäuft wurde, kann auf diese Weise nichts zur Aufklärung beitragen, weil er nur als Phantom behandelt wird und nicht als die Realität einer Simulation, die man, wollte man sich für Aufklärung interessieren, auf die Integrität ihres Formenspiels untersuchen könnte. Würde man dies tun, könnte man eines hohes Maß Perfektion bemerken, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass der Troll im Verlauf der Geschichte immer mehr Figuren ins Spiel bringen musste, um die Konsistenz der Erzählung zu verfizieren. Schließlich ist auch das Ende der Geschichte, also ihre „Wahrheit“ noch ein Bestandteil der Erzählung, kann doch allen Erntes nach Beurteilung eines solchen Illusionszusammenbruchs geglaubt werden, dass der Autor der Geschichte eine eigene Authentzität besäße, die außerhalb dieses Formenspiels der Simulation eine Wirklichkeit habe. Dass aber beide, die syrische Bloggerin genauso wie der amerikanische Student, nur Figuren innerhalb einer ablaufenden Simulation sind, die sich durch ihren Ablauf zu einer eigenwilligen Realität verdichtet, kann nur auf der nächsten Beobachtungsebene der Erzählung verstanden werden.

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