Differentia

Tag: Sexualität

Der Normativ ist der Ab-Fall der Gesellschaft

Der Aufreger um den Fall Matussek könnte kaum langweiliger sein, weil die Debatte sich um den schwächsten Punkt dreht, den sie möglich macht: Normative Festlegungen über Sexualität. Beiderseits der Konfliktlinie werden normative Ansprüche zum Zweck des Angriffs erhoben und zum Zweck der Verteidigung zurecht gebogen. Es geht – nicht nur bei Matussek, der oben verlinkte TAZ-Artikel zeigt das überdeutlich – auf der Ebene der Argumentation um die Frage nach der Natürlichkeit von Sexualität, die beiderseits der Front mit der Feststellung beantwortet wird, dass mindestens Sexualität etwas sehr Natürliches sei. Aber mit dieser Antwort kommt niemand sehr weit, weil damit kein Aufreger verknüpft werden kann.

Wenn man nun vorschnell meinen wollte, der Aufreger ergebe sich aus der Feststellung, dass Homosexulaität nichts Natürliches sei, dann könnte man das genauso gut beiseite lassen, weil der Normalfall körperlicher Angelegenheiten nur sehr wenig Natürliches an sich hat: ständiges Sitzen, wenig Bewegung, übermäßige Nahrungsaufnahme, Medikamentierung von gesunden Menschen, permanentes Glotzen auf Bildschirme um nur Weniges zu nennen, das alltäglich verrichtet wird und über dessen Unnatürlichkeit sich niemand erregt. Und dass ein Erregungsvorschlag zum Thema unnatürlicher Sexualität selbstverständlicherweise bessere Aussichten auf kommunikativen Erfolg hätte, kann man angesichts der Vielzahl höchst unterschiedlicher erfolgreicher Errregungsthemen (Steuerhinterziehung, Doping u.a.) kaum behaupten. Es ergibt sich: in der Sache ist kein Lernfortschritt zu erwarten, zumal man leicht feststellen kann, dass alles, was dazu gesagt wird, seit 150 Jahren schon gesagt wird, wenn auch noch nicht von allen.

Also, was soll’s?

Achtet man stattdessen darauf, von welcher Funktion diese Art der Argumentation (gemeint sind die Argumente beiderseits der Differenz) ist, stellt man etwas ganz anderes fest. Um eine Machtfrage geht es nicht, weil nicht erkennbar ist, welche Argumente innerhalb der beobachtbaren Machtverhältnisse einen Vorzug erhalten. Auch geht es nicht um eine „Deutungshoheit“ im Meinungskampf, weil es kaum eine Undeutlichkeit gibt. Jede Meinung ist sehr deutlich erkennbar, Grauzonen des Gemeinten sind schon aufgrund des virulenten Verdächtigungsgeschehens gar nicht erkennbar. Nirgendwo geht es um ein „Vielleicht“, und schon gar nicht geht es um Stimmungsmache zur Beförderung von Entscheidungen, weil ja (auf der Basis der gewählten Differenz) angeblich Natürlichkeit vorliegt, weshalb Entscheidungen ohnehin keine Rolle spielen können. Und dass Homosexuelle diesen Aufreger nutzen könnten, um ihre gesellschaftliche Marginalitätserfahrung zum x-ten Male zu verbreiten, reicht nicht aus, um diesen „fall out“ von Irrsinn zu erklären. Denn: was sich als marginal behauptet fällt selten als normal auf. Marginalität ist Randerscheinung, ist Ausnahme, nicht Regel.

Interessanterweise kann man mit der Einsicht, dass Homsexualität keineswegs normal sein kann, weil Sexualität allgemein keine Normalitäten, sondern nur Differenzen zulässt, nirgendwo eine Stich machen, weil dann der Aufreger wegfällt, dessentwegen die Debatte abläuft. So kommt man zu der Einsicht, dass das alles nur wenig mit Sexualität zu tun hat.
Es geht um was anderes.
Es geht nicht um Wissensvermehrung hinsichtlich einer Differenz, es geht nicht um Macht, es geht nicht um Recht oder um Wahrheit, und auch geht es nicht einfach darum, irgendwelche Vorurteile zu kultivieren, weil die genauso alt sind wie die Versuche, sie durch Aufklärung aus der Welt zu schaffen.

Es geht vielmehr darum, die Barrierelosigkeit der Argumentation einzuüben, damit die Gesellschaft lernen kann, ihren Normativ (also: den Ab-Fall der Gesellschaft) in Erfahrung zu bringen um ihn in der Folge besser vergessen zu können.

Die Integrationsfähigkeit sozialer Strukturen, wie sie durch die Industriegesellschaft erschaffen wurden, kann normativ nicht mehr durchgesetzt werden. Denn die Beobachtung von Sexualität, wie sie gegenwärtig betrieben wird, unterliegt den Strukturen einer Industriegesellschaft: Zuverlässigkeit hinsichtlich einer Produktivität, einer Leistungsfähigkeit und Leistungssteigerung, Zeugungsfähigkeit, Integrativität in Rechtsnormen und Lebensführung, soziale Kontrolle durch Organisationen, einer Akzeptanz sozialer Inkommunkabilitäten, die als Selbstverständlichkeiten auftreten – all das funktioniert nicht mehr auf bekannte Weise. Da aber eine Alternative nicht einfach gewählt werden kann (denn woher sollte sie kommen?), muss zunächst auf symbolischer Ebene der Argumentation der soziale Ab-Fall erarbeitet und ermöglicht werden. Das geht am besten, indem innerhalb der bekannten symbolischen Ordnung eine vollständige „all-out“-Kritik ( inkl. Gegenkritik) zugelassen wird, damit in der Folge neue Ordnungsmuster attraktiv werden, die etwas besseres zulassen als ermüdende und besinnungslose Diskussionen.

Aber solange noch Ressourcen ausgenutzt und Kapazitäten belastet werden können, die auf diese Art der Diskussion regenerativ wirken können, solange geht der Zirkus weiter. Aber wenigstens zeigt schon der Artikel von Matussek bei The Euorpean, dass die Diskussion sich entgrenzt, dass sie sich dumm läuft.

Noch bevor etwas Besseres als diese Debatte gefunden werden kann, muss ihre Dämlichkeit zu einer echten Hirnbelastung werden. Anders geht es nicht.

Homosexualität und Fussball

Der Fußballer Thomas Hitzlsperger bezeichnet sich als homosexuell. Man nennt sowas Coming Out, aber niemand weiß genau, warum diese Mitteilung von Bedeutung ist. Handelte es sich um eine Kontaktanzeige, wüsste man, wen und warum das interessieren könnte. Aber darum geht es wohl er nicht. Nun, es ist klar, es geht um das Gespräch.

Der normale Weitergang der Dinge ist, ein solches Outing gut oder schlecht zu finden. Eine ganz andere Frage ist die nach der Herkunft des Problems. Denn das Problem ist ja nicht Homosexualität, sondern das Gespräch darüber. Und die Frage, warum das Gespräch darüber ein Problem ist,  ist nicht so einfach zu beantworten, jedenfalls nicht so einfach, wie dies vom einem naiven Standpunkt aus erscheint. Denn man könnte einfach behaupten, dass es ausreicht, wenn jeder seine Meinung zum Gesprächsthema äußert und, nachdem das geschehen ist, äußert jede seine Meinung über das Themengespräch. Der Normalverlauf ist dann der, dass man Vorurteile feststellt, um dann darüber zu reden, wer welche hat und warum. Und diese Frage wird umgehend beantwortet. Die Meinung beruht auf Vorurteilen von Menschen. Das ist sehr naiv.

Naiv ist es die Herkunft des Problems auf Vorurteile, auf wert- und geringschätzige Meinungen von Menschen über andere Menschen zurück zu führen und im defizitären Charakter der Meinungen der anderen die letzte aller ausprechbaren Wahrheiten zu finden. Die Dinge sind ein bißchen komplizierter und möglicherweise sind sie aus diesem Grund wenig attraktiv, weil das Nachdenken darüber von Minenfeldern umgegeben ist, die ganz strenge Ge- und Verbote des Sprechens und Schreibens verlangen, bei deren Übertretung oder Missachtung ganz strenge Sanktionen folgen können, die sich ganz unterschiedlich rechtfertigen lassen.
In diesem zu betrachtenden Fall liegen die Schwierigkeiten darin, dass ein Gespräch über Sexualität und Sport zwei Themenkomplexe verknüpft, die in ihrer Kommunikabilität asymmetrisch gelagert sind und nicht zusammen gehören : Über Sport zu sprechen ist sehr leicht und muss der leicht sein was für Sexualität nicht gilt. Denn Sport hat mit Sex etwas wichtiges gemeinsam: beides geschieht sehr körperbetont und beides kann seine Kommunikabilität nur unter der Voraussetzungen geltend machen, dass die Grenzen entsprechender sozialer Systeme nicht durcheinander geraten, weil sonst nicht erkennbar ist, ob noch von Sportlichkeit oder von Sexualität gesprochen wird. Aber die Einhaltung der Grenze ist für beide Komponenten der Themenwahl sehr wichtig.

Die Kombination von Fußball und Sexualität ist ein sehr gutes Beispiel, mit dem man zeigen kann, warum die Grenzziehungen nicht so leicht übertreten werden können. Darin besteht nämlich der Grund für die zu beurteilende Schwierigkeit, Sexualität und Fußball mit einander zu verknüpfen. Es geht nämlich darum, dass niemand über eine souveräne Urteilskompetenz verfügt; und nur naive Beobachter können sich eine solche Souveränität selbst zurechnen, weshalb sie in der Folge kaum etwas anderes tun, als ihr fortwährendes Scheitern in dieser Sache zu rechtfertigen.

Sportlichkeit zeichnet sich durch eine beinahe vollständige Verhaltenskontrolle aus, die ihren Ursprung in der Nichtnotwendigkeit der Einhaltung von Erwartungsregeln findet. Das Ergebnis ist Fairness, die ohne Zwang entsteht und die darum bei allen beliebt ist, obwohl jeder die Frage, was Fairness bedeutet, nur schwach beantworten kann. Wie auch immer sie beantwortet wird, in jedem Fall muss sich Kommunikation von Sportlichkeit und Sexualität streng trennen lassen, damit man weiß, worum es noch geht.
Denn bei sexueller Kommunikation gibt es keine Fairness, ja, Fairness kann es bei sexueller Kommunikaiton von gar nicht geben und kann trotzdem zufriedenstellend gelingen, denn Fairness verlangt immer auch Verzicht, Entsagung, Nachgiebigkeit, Chancenteilung, Geduld und die Bereitschaft auf berechtigte Begünstigung, auf Rechte gelegentlich zu verzichten.

So etwas gibt es bei sexueller kommunikation nicht, jedenfalls lässt sich das nicht so einfach sozial herstellen. Sexuelle Kommunikation ist gleichsam das genaue Gegenteil von Fairness und ist gerade darum so schwierig wie interessant. Sexuelle Kommunikation geht nicht ohne Gier, ohne Verlangen und Begehren. Sexuelle Kommunikation ist ja gerade der Versuch, sich jeder Verhaltenskontrolle zu entziehen und trotzdem noch Kommunikation zu ermöglichen. Deshalb liegt man nicht ganz falsch, wenn man Sexualität als irgendetwas Tierisches beschreibt, wohingegen sportliche Fairness der Gipfel aller zivilisierten Verlässlichkeit ist.

Bei Fußballspielen unterliegen nun alle Beteiligten einer strengen Beobachtung durch andere, welche die Voraussetzung für eine optimale Verhaltenskontrolle ist: die Spieler auf dem Platz, die Schiedsrichter, Trainer, der ganze Betreuungsstab, die Organisatoren, aber auch die Zuschauer, die Reporter. Sogar Fernsehzuschauer ziehen es vor, Fußballspiele in Gruppen anzuschauen, in Kneipen oder sonst wo. Wenn beobachtbar wird, dass ein Spieler einen anderen anrempelt, foult, ihn mehr oder weniger verletzt, dann muss in jedem Augenblick erkennbar sein, dass es um Sport geht und nicht um etwas anderes wie z.B. eine agressive Handlung zur Abweisung des sexuellen Anliegens eines anderen. Das gleiche gilt für den Fall, dass sich Spieler anfassen, umarmen, küssen, sich beglückwünschen. Auch in solchen Fällen muss immer erkennbar sein, dass es sich nicht um sexuelle Kommunikation handelt.
Und solange Sport und Sexualtität von einander getrennt werden können, ist immer nur die Sportlichkeit des Kommunizierten erkennbar. Die umarmen sich nicht, weil sie sich begehren und sie treten sich nicht, weil sie sich hassen. Wenn aber sexuelle Kommunikation in einem solchen Kontext auch beobachtet werden kann, dann kann es mitunter schwer fallen, die Trennung von Sportlichkeit und Fairness zu vollziehen. Und um dieses Problem abzuwenden, erscheint es besser, gerade weil niemand eine souveräne Urteilskomptenz besitzt, diese Vermischung nicht vorzunehmen.

Jeder unterliegt der Beobachtung durch andere und niemand kann einseitig die Regeln festlegen, an die sich die Beobachtung zu richten hätte, was umso weniger geht, da die Aufdringlichkeit des körperbetonten Geschehens nicht beiseite geschoben werden kann.
Daher kommen diese Schwierigkeiten.  Diese Schwierigkeiten liegen begründet in der erfolgreichen Kommunikation von Sportlichkeit, die auf strenge Vermeidungsstrukturen angewiesen ist, damit sich erwartbar funktioniert. Und wenn solche Vermeidungsstrukturen dennoch vermieden werden können, dann nur unter ganz vielen Vorbehalten, die der Fußballer Hitzlsperger berücksichtigt. Erst nach Beendigung seiner Karriere kann ein solches Outing leichter fallen, aber auch dann noch ist das Irritationspotenzial nicht sehr gering.

Wer diese Schwierigkeiten nicht ernst nimmt, versteht weder etwas von Sportlichkeit noch von Sexualität.