Differentia

Tag: Sexismus

Wie Antirassismus zum Rassismus erzieht

Dieser Film erzählt, wie Rassismus eingeübt und trainiert wird. Ein rassistisches Beobachtungsschema kennt nämlich keinen Antirassismus, weil jeder Antirassismus das gleiche rassistische Beobachtungsschema benutzt.

Rassismus wird dadurch kommunikabel, dass Handlung von Menschen einerseits eingeteilt werden in solche Handlungen, die sie selbst mit Sinn versehen haben, weil diese Handlungen als gewählt erscheinen und ihre Zurechenbarkeit darum als Absicht genommen wird; und andererseits in solche Handlungen, die nicht einer eigenen Wahl unterliegen und die trotzdem zugerechnet werden. Damit ist die Handlung der anderen gemeint. Man kann Handlung wählen (oder unterlassen), aber man kann nicht die Handlung der anderen und damit auch nicht die Handlung der Zurechnung von Eigenschaften wählen. Das heißt: Rassimsmus ist – im Gegensatz zu Feminismus – Fremdstigmatisierung. Feminismus aber ist Selbststigmatisierung.
Der Vorgang der Fremdstimatisierung geschieht zum Beispiel durch eine Handlung, in der Menschen sich der Wahrnehmung und der Ansprechbarkeit anderer aussetzen, also eine gewählte Handlung zur Kommunikation anbieten, die auch hätte unterbleiben können und darum sinnhaft als Intention erscheint. Wenn nun in einer solchen sozialen Situation die Hautfarbe (oder die Augenfarbe), von welcher beiderseitig bekannt ist, dass sie nicht der Wahl unterliegt, genommen wird als Kriterium weiterer kontingenter Sinnselektion und wenn ferner auch noch intentional vom Ansprechenden die Gründe für diese Wahl verschwiegen werden, dann möchte man meinen, liege Rassismus als intentionale Handlung vor. Aber das selbe gilt auch im Fall einer intentionalen Handlung, die sich als antirassistisch beschreibt, weil sie nach dem selben Schema verfährt.
Auch ein Antirassismus wählt Nichtwählbares und fügt noch die moralische und damit paradoxe und selbstwidersprüchliche Entscheidung hinzu, dass so nicht gewählt werden sollte. Deshalb muss jeder antirassistische Beobachter stets seine moralische Besserstellung kommunikativ verstärken, um seinem  Selbstwiderspruch zu entkommen.
Ein Antirassimsmus kann sich darum nur als ein besser gemeinter Rassismus zu erkennen geben. Aber damit wird kein Ausweg aus dem rassistischen Beobachtungsschema gefunden, sondern es wird nur moralisch bewertet und auf diese Weise sozial konditioniert, ohne zugleich erklären zu können, wie dieser Rassismus entsteht. Rassismus wird nur als verboten und Antirassimus als erlaubt hingestellt. Es wird Erziehung zum Anirassismus versucht, aber Rassismus wird durch Sozialisation hergestellt . Denn das gemeinsame Schema der Beobachtung bleibt als blinder Fleck unangetastet.

Rassismus und Anitrassismus entstehen, weil gemeint wird, es müsse zwischen natürlichen – also nicht wählbaren – und sozialen, also wählbaren Eigenschaften von Menschen unterschieden werden; und es wird gemeint, Hautfarbe, Augenfarbe oder Anatomie seien natürliche Eigenschaften, die nicht gewählt werden können, weshalb sich eine Unrechtssituation einstellte, wenn sogenannte „natürliche Eigenschaften“ dennoch mit sozialer Werthaftigkeit versehen würden. Man meint: der Mensch könne doch nichts für seine sogenannten „natürlichen Eigenschaften“,  er sei in dieser Hinsicht unschuldig.
Der blinde Fleck ist, dass es nicht auf den Unterschied zwischen natürlichen und sozialen Eigenschaften ankommt, weil dieser Unterschied nur eine soziale Relevanz hat und niemals selbst natürlich ist. Diese Unterscheidung ist selbst nur eine soziale Wahl, die keine Notwendigkeit hat.

Das heißt: es spielt keine Rolle, ob ich meine Kleidung wählen oder meine Hautfarbe nicht wählen kann. Denn egal ob ich wähle oder nicht, eines kann niemand wählen, nämlich die Wahl der anderen. Das heißt: niemand kann wählen, richtig oder falsch, moralisch korrekt, anständig oder ehrlich von anderen angeprochen zu werden. Niemand kann wählen, von einem antirassistischen Beobachter rassistisch beobachtet zu werden.
Das soziale Geschehen selbst ist nicht wählbar, egal, welche Eigenschaft vom anderen mit Werthaftigkeit versehen wird. Das soziale Geschehen kann nicht ohne Wahl geschehen, aber niemand kann die Wahl der anderen wählen, egal, was immer gewählt wird, und gleichgültig auch, mit welcher Moral die Wahl gerechtfertigt wird.

Man sieht es in dem oben verlinkten Film sehr deutlich: der Versuchsleister belügt die Probanden, indem er ihnen verschweigt, dass sie Versuchskaninchen in einem Experiment oder einen Rollenspiel sind. Der Versuchsleister hält sich selbst für einen Antirassisten und hat an seiner eigenen moralischen Integrität keinen Zweifel. Aber das liegt nur daran, dass er Moral in Anspruch nimmt und eine defizitäre Moral nur anderen, entweder den Probanden oder den Zuschauern zurechnet und sie dann damit konfrontiert, gleich so, als hätten sie die Möglichkeit gehabt, seine Wahl zu wählen. Stattdessen soll erzählt werden: alle anderen sollen die bessere Wahl wählen, nämlich die des Versuchsleiters. Aber das geht nicht. Weil die Wahl, auch diejenige, die als nicht wählbar vorgestellt, selbst schon wieder gewählt wurde.

Diese Geschichte des Films erzählt, wie Menschen zu Rassisten erzogen werden, weil sie sich weigert zu erzählen, dass der Antirassismus das gleiche Beobachtungsschema wie ein Rassimsus verwendet und genau wie ein Rassismus sich selbst als moralisch besser gestellt beschreibt. Der Antirassist will aufklären, weil er sich besser informiert fühlt. Aber er ist nur ein in die Paradoxien seiner Wahl verstrickter Beobachter wie jeder andere Beobachter auch. Sein Ausweg besteht darum nur in moralischer Zudringlichkeit und – wenn es nicht anders geht – in der Ausübung von Gewalt.

Eine Analyse der Kontingenz der sozialen Wahl kann er nicht leisten, weil diese Analyse auf Moral verzichten muss.

„Es geht nicht um dich!“ – Ist #Sexismus ein statistisches Problem? #aufschrei

Als junge Frau hatte ich mich ein paar Jahre lang vom Feminismus entfernt. Denn: Ich war beruflich erfolgreich, ohne dass mein Geschlecht auch nur Thema war … Also sagte ich: Altersgenossinnen, stellt euch nicht so an. Wir haben so viel erreicht, der Rest ist Details. Seht her, es geht doch.
Es war eine … Feministin, die mich davon runterholte. Erst hörte sie sich diese meine Ausführungen gelassen und in allen Details an. Dann blickte sie mir fest ins Auge und sagte: “Es geht nicht um dich.” Und begann Zahlen und Fakten zu Frauenbenachteiligung aus der ganzen Welt zu nennen: Lohnunterschiede, die Verteilung von Macht nach Geschlechtern, Einschränkungen körperlicher Selbstkontrolle in kleiner und ungeheurer Dimension, Wahlrecht, Bildungschancen, religiösen Extremismus. Ihre abschließende Frage: “Details?”

Fundort hier: http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2013/01/aufschrei-es-geht-nicht-um-mich.htm

Dieser kleine Erlebnisbericht offenbart die ganz Tragik des Problems ohne, dass es auf diese Weise verstehbar gemacht werden könnte. Denn die Mitteilung „es geht nicht um dich“ will in diesem Zusammenhang den Glauben an eine Individualitätsproblematik unter einen Vermeidungsvorbehalt stellen. Die persönlich ausgerichtete Mitteilung verweist auf die Information eines angeblichen Kollektivätsproblems. Es ginge bei dem hier zu betrachtenden Problem nicht um dich, um dich, um dich und selbstverständlich nicht um mich und auch nicht um den Absender dieser Mitteilung. Es gibt folglich keinen einzelnen Menschen, um den es geht.
Es geht, so die Belehrung, um die Ergebnisse einer Messung nach Datenerhebung und Vergleich dieser Daten mit anderen Daten, worunter das Geschlecht theoretisch zunächst nicht das einzige relevante Datum sein kann, weil andernfalls noch nicht verstehbar wäre, wie denn die Messergebnisse zu bewerten wären, wenn schon klar wäre, dass die Geschlechterdifferenz das maßgebliche Datum sei. Denn wäre dies so, ja, dann wären Messung und Vergleich völlig überflüssig, weil ja dann schon klar wäre was klar ist.

Da dies aber angeblich vor Messung und Vergleich noch gar nicht klar sein kann, so müsste im Prinzip das Ergebnis der Messung so verwirrend sein, dass man sich fragen müsste, wie das möglich ist, weshalb man nach einem maßgeblichen Beurteilungs- und Entscheidungsfaktor fragen muss. Wie anders wären die Ergebnisse zu sortieren und in Hinsicht auf Relevanz zu verzeichnen, wenn man nicht irgend ein Datum nähme, das Auskunft über den interpretatorischen Zusammenhang geben könnte? Dieses Datum kann aber wiederum nicht durch Abfrage, Zählung, Messung und Vergleich gewonnen werden, weil, wie schon erwähnt, dann wiederum nur eine verwirrende Vielzahl von Vergleichsmöglichkeiten erscheinen würde, die wiederum eines prominenten Interpretationswertes bedürften.

Aber woher nehmen? Welchen und warum?

Diese Frage ist eine Frage der Theorie, nicht der Kontingenz empirischer Komplexität, denn aus dieser ergibt sich nichts Relevantes von selbst. Die Entscheidung über die Wahl eines prominenten Interpretationwertes kann also nicht auf statistischen Ermittlungen beruhen, sondern müsste sich auf „irgendetwas“ beziehen, dessen Evidenz nur theoretisch einleuchten kann. Alles andere ist dann nicht eine Frage der Wahrheit statistischer Erhebungen, sondern eine Rechtfertigungsfrage für die theoretische Wahl eines maßgeblichen Interpretationswertes.

Und ist man an dieser Stelle angekommen, so ist man schon ermüdet und möchte von zuviel Theorie gar nichts wissen, weil allzu theoretisch darf es auch nicht sein. Also wird zur Rechtfertigung kurzer Prozess gemacht und gesagt: es ginge ums Geschlecht; womit nicht gesagt wird, es ging um die Differenz, sondern es ging um Frauen (oder: um Männer, wenn die Frage der Schuldzurechnung gestellt wird). Und wenn doch die Differenz gemeint wäre, dann könnte man die Daten auch anders differenzieren, weil auch andere Differenzen als relevant auffallen. Aber dann könnten auch andere Mess- und Vergleichsergebnisse heraus springen. Aber so funktioniert die Rechtfertigung für die Wahl eines prominenten Interpretationswertes nicht. Also muss was geschehen?

Der Diskurs muss sich auf die Rechtfertigung einer theoretischen Wahl konzentrieren, welche wiederum durch den Diskurs nicht ausreichend komplex diskutiert werden darf. Denn sonst könnte verfehlt werden, was durch den laufenden Diskurs mit Rechtfertigungsdringlichkeit versehen wird.

Es geht bei dem Problem also um ein Verbot: du sollst nur eine und nur eine bestimmte Differenz als maßgeblich erachten und keine andere. Und in dem Maße wie diese Wahl ideologisch sich verhärtet, entstehen Inkommunikablitäten, die es nicht mehr möglich machen, das zu beurteilende Problem auch ganz anders zu betrachten.

Entsprechend ist keine Lösung in Sicht. Es sei denn, die Beobachtungsweisen von Geschlechtlichkeit könnten sich dadurch ändern, dass die Verwirrungen ob einer Identitätszurechnung aufdringlicher werden als eine angebliche Wahrheit darüber.

Das Internet liefert diese Möglichkeit, aber diese werden noch nicht genutzt. Ein entsprechendes Dispositiv ist noch nicht ausreichend entwickelt.