Differentia

Tag: Schule

Lernen als Machtspiel 3 Verhältnis von Schüler und Lehrer 2

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Ja, es ist wahr: Schulen sind pädagogische Halbtagsknäste; Schulen sind mit staatlichen Zwängen organisierte Lernfabriken, in denen Kinderarbeit massenweise ausgebeutet wird, um Lehrern Lebenschancen zu eröffnen. Gerechtfertigt wird das mit dem Versprechen, dass mit erfolgreichem Schulunterricht den Schülern ebenfalls Lebenschancen eröffnet werden, weil sie in der Schule entsprechende Kompetenzen erwerben können; ein Versprechen, das sogar erfüllt werden kann, wenn … ja, wenn nichts dazwischen kommt, wenn also die Gesellschaft dabei mitmacht, ein solches Versprechen zu erfüllen. Wenn die Gesellschaft aber ihre Mitwirkung bei der Nachwuchsförderung versagt, weil sie etwas anderes will, dann ist Hängen im Schacht.
Solange Wachstum gelingt, solange Investitionen vorgenommen werden, solange Arbeitsstellen entstehen, entstehen auch Lebenschancen für den Nachwuchs. Fleißiges lernen und studieren trägt aber nichts Entscheidendes dazu bei. Pädagogen wissen das natürlich, aber aufgrund ihrer gesicherten Lebenschancen können sie sich die Bequemlichkeit leisten, einen Schuldigen zu bennen, sollte es nicht klappen, vorzugsweise der Staat und stiften den Nachwuchs an, dagegen zu protestieren. Politiker beeilen sich dann, diese Missstände zu beseitigen, und wenn es nicht klappt, wissen die auch schon wer Schuld hat, nämlich die Politiker der anderen Partei. Die Politiker der anderen Partei haben aber auch eine Meinung, z.B. eine über inkomptente Lehrer.

In Spanien und Italien gibt es gegenwärtig Gegenden, wo es eine Jugendarbeitslosigkeit von 50% und mehr gibt. In Osteuropa gibt es Gegenden, wo die Jugend nur mit Kriminalität und Prostitution durchkommt. In der Schule und in den Universitäten haben diese jungen Leute ihren Lehrern und Professoren fleißig alle Formulare ausgefüllt, sind dann 25 Jahre alt und wissen nicht weiter. Schule und Ausbildung wurden erfolgreich absolviert, die Lehrer bekommen Gehälter, die jungen Leute keins, aber versagt hat das Schulsystem natürlich nicht. Es funktioniert wie die Europäische Zentralbank: Es werden Versprechungen in Umlauf gebracht, die die anderen erfüllen müssen. Wenn es gut geht, geht es gut, und wenn nicht, dann nicht. Und die bange Frage, ob das alles so bleiben muss, lautet schlicht: Ja. Der Klammergriff der Systemzwänge ist um so stärker, je mehr die Systeme alle Versuche absorbieren, um daran etwas zu ändern.
In Mitteleuropa, in Deutschland zumal, braucht man sich über solche Missstände keine Sorgen zu machen, weil es andere gibt: Burnout für Lehrer, Ärger und Stress für die Eltern, Medikamente für Schüler und nach der Schule direkt Führerscheinprüfung und Psychotherapie. Es geht nicht anders, weil alle Anklagen, alle Kritik, alle Beschwerden, alle Petitionen, alle Hinweise auf Missstände vom Erziehungssystem nicht etwa abgewiesen oder ignoriert werden, sondern überall eine Zuständigkeit und eine Adresse finden. Man kümmert sich darum. Versprochen. Also geht es so weiter.
Der Ausweg ist da wie überall der Rückweg ins System selber. Das heißt: die Zurückverweisung auf dasjenige, was die soziale Ordnung produziert, reproduziert die soziale Ordnung. Das Unterschiedene, die Aufteilung von Staat und Markt als wichtigste Ordnungsinstanzen, die Institutionen der Professionalisierung und die Gewohnheiten ihrer Kenntlichmachung sorgen selbst und sehr eigensinnig dafür, die Unterscheidung wieder aufzusuchen, mit der das Unterschiedene als Seiendes unterschieden wurde, vergleichbar mit einem Labyrinth, in welchem an jeder Ecke ein Plan hängt, der darüber Auskunft gibt, wie man aus dem Labyrinth heraus kommt, aber an jeder Ecke hängt ein anderer. So kommt man immer weiter, aber niemals hinaus, weil eben darüber jeder Plan Auskunft gibt.

Zurück zu der Frage, welche Überlegung daraus resultiert, wenn man das Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht als ein pädagogisches, sondern als ein politisches Verhältnis auffasst. Das entspricht zunächst keinen gewohnten Routinen der Diskurse, noch weniger, wenn man das Verhältnis als ein politisch-ökonomisches auffasst oder gar, wenn man Schule als eine politisch-ökonomische Plastik beschreibt. Davon hat man noch nicht gehört.

Fortsetzung

 

 

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Lernen als Machtspiel 2 Verhältnis von Schüler und Lehrer 1

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Das Verhältnis von Schüler und Lehrer ist ein Verhältnis, das aus autoritären Strukturen erwachsen, jedoch seit Abschaffung des autoritären Staates unter andere Bedingungen gekommen ist, ohne seinen sozialgenetischen Ursprung abstreifen zu können. Das kann man bemerken, wenn man das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer nicht mehr als ein pädagogisches, sondern als ein politisches auffasst und nicht darauf achtet, wer wem mit welchem Recht einen Willen aufzwingen darf, sondern wenn man danach fragt, wie eine Lernsituation noch gelingen soll, wenn niemand zu irgendetwas gezwungen wird, auch Kinder nicht. Denn Kinder, das weiß man, werden nicht unmündig geboren, sondern unmündig werden sie durch eine soziale Struktur gemacht, durch die die An- oder Aberkennung von Rechten infolge eines Machtspiels betrieben wird. Unter dieser Voraussetzung müssen Kinder als unmündig erscheinen, weil sie kaum eigene Möglichkeiten haben, sich an diesem Machtspiel zu beteiligen, weshalb viele Pädagogengenerationen sich eifrig darum bemühen, sie für die Beteiligung an solchen Machtspielen fit zu machen, was aber nur geht, wenn die Lernsituation erstens als Machtspiel betrieben und wenn zweitens durch die selbe Pädagogik geleugnet wird, dass es sich um ein Machtspiel handelt.

Die Leugnung geschieht durch sehr verwickelte Rechtfertigungszwänge, die viele Varianten, Auswege und Tricksereien zulassen, die aber alle als Letztbegründung die besondere Verantwortlichkeit der Lehrperson unterstreichen. Der Lehrer stelle sich, so die moralisch-pädagogische Verbrämung seiner Tätigkeit, gleichsam in den Dienst der Schüler, er sei für sie da, und habe stets nur Gutes im Sinn. Das kann man sogar glauben. Dafür bekommt er ein Gehalt und, wenn alles gut läuft, im Alter eine Rente. Das ist nicht schlecht. Und was bekommen die Schüler? Nichts!

Nichts? Sie bekommen Schulunterricht, heißt es. Aber was sollen sie damit? Sie können was fürs Leben lernen! Heißt es. Tatsächlich? Was denn genau? Mathematik 2, Sport 3, Englisch 1? Niemand, außer einem Lehrer, bzw. außer der Schule will das wissen. Also noch einmal, was bekommen Schüler, das jemand anderen interessiert, etwas, von von dem wir wissen, das es zum Tausch geeignet sein muss, damit es jemanden interessiert. Kein Lehrer würde, bekäme er für seine besonderen pädagogischen Fähigkeiten eine 1, damit zufrieden nach Hause gehen. Aber die Schüler sollen damit einverstanden sein? Warum? Der Lehrer bekommt etwas, das er eintauschen kann. Die Schüler bekommen nichts dergleichen.
Dass es sich so verhält, kann man bemerken, wenn die Gesellschaft selbst dafür sorgt, das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer als ein allein durch Gesellschaft gedecktes Verhältnis beobachtbar zu machen, nämlich dann, wenn die Gesellschaft ihre Deckung entzieht. Die Deckung geschieht nämlich allein durch Kommunikation, die gar nicht zustande kommen muss und auch durch Zwang gar nicht sicher gestellt wird.

Beispiel: Die Geschehnisse in der sog. „Bud-Spencer-Restschule“, die sich dadurch auszeichnen, dass man zwar den Körper der Kinder dazu zwingen kann, den Halbtagsknast aufzusuchen, den Willen, am Schulunterricht mitzumachen aber nicht. Die Schüler verweigern das Mitmachen, weshalb die Lehrer nicht unterrichten können. Lernen in der Schule geht nur, wenn jemand auch lehren will. Und lehren geht nur, wenn auch jemand lernen will. Aber beides kann durch Zwang nicht sicher gestellt werden. Das heißt, wenn Unterricht gelingt, engagieren sich nicht nur die Lehrer für die Schüler, sondern auch die Schüler für die Lehrer. Was viele Pädagogen kaum für möglich halten möchten, ist eine alltägliche Normalität an allen Schulen auf der Welt, nämlich: die Schüler helfen den Lehrern sehr fleißig dabei, ihre Arbeit zu verrichten. Man kann das auch eine Kinderarbeit nennen, für die die Kinder nicht bezahlt werden.

Nicht wahr? Und: Muss das so bleiben?

Fortsetzung.

 

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