Differentia

Tag: Satire

Vorfahrtsregeln @konsumunddrang @neomagazin @BKasslatter

Irgendwann hört jeder Spaß mal auf. Auch der Satiriker versteht nicht jede Art von Humor. Das wäre zu viel verlangt.

Was ich an diesem „Krisenexperiment“, das in dieser Video-Studie vorgeführt wird, bemerkenswert finde ist, wie fahrlässig dieser Jan Böhmermann die Vorfahrtsregeln, die ja zunächst zu seinen Gunsten eingerichtet sind, missachtet. Die Art, wie er in dieser Geschichte auf die Frechheit reagiert, mit der er überfallen wird, zeigt, wie gering das professionelle Durchhaltevermögen ausgebildet ist. Sehr bemerkenswert finde ich seinen Belehrungsversuch. Er, Böhmermann, sei ein Profi; ein Profi müsse vorher wissen was er tut. Ein Profi macht nicht einfach drauf los, ein Profi bereitet sich vor usw. All das mag stimmen, aber darauf kommt es bei Satire nicht an. Es kommt bei Satire darauf an, ob’s witzig ist, nicht, ob’s professionell ist. Es kommt auch nicht darauf an, ob der Satiriker, der selbst zum Gespött gemacht wird, die Pointe findet oder nicht. Es kommt darauf an, dass das Publikum sie findet. Und gewiss gilt in diesem wie in jedem anderen Fall: die einen lachen, die anderen nicht. So ist das Geschäft, das der Amateure genauso wie das der Profis.
Das ist ähnlich wie im Sport. Der Sportler gewinnt nicht, weil er ein Profi ist, sondern weil er sich in der Konkurrenz durchsetzt. Gewiss steigert Professionalisierung die Gewinnchancen, aber garantiert sie nicht. Hier haben wir den interessanten Fall, dass der Profi seinen Zugvorteil gegenüber dem Amateuer ohne Grund preisgibt. Er verstößt gegen die Vorfahrtsregeln. Er verzichtet auf seinen Vorsprung und setzt sich dem Spott aus, der mit diesem Angriff gegen ihn gerichtet wird.  Es wird jetzt zurück gespottet; und eigentlich müsste der Amateuer das Nachsehen haben. In diesem Video sind nun aber zwei Amateure zu sehen. Das ist die Pointe dieses Überfalls. Der eine, ein unbekannter und bedeutungsloser Youtube-Nutzer, der andere ein Zwangsgebührenfinanzierter Clown, der auf einmal wie ein kleiner Trottel wirkt. Das ganze Spektakel wirkt wie ein peinlich-kindliches Gerangel von zwei inkompetenten Wichtigtuern. Es handelt sich hierbei um ein Beispiel der  Re-Amateurisierung eines aussichtslosen Spiels. Der Amateur gewinnt.

Werbung

Wie Fairness verhindert wird, Beispiel einer „Shitbackschleife“ @dieternuhr @jenscmoeller

Die Shitbackschleife, von der Dieter Nuhr in diesem FAZ-Artikel berichtet, ist ein schönes Beispiel dafür, wie Fairness verhindert werden kann, wenn jeder Versuch, den eigenen Widersprüchlichkeiten mit Rechtfertigung zu entkommen, den anderen selbst zum Vorwurf gemacht wird, wenn also die Rechtfertigungen der anderen als obszöner erscheinen als die eigenen, obwohl dafür nüchtern und sachlich gar kein notwendiger Grund vorliegt. Das man erkennen, wenn man den Artikel liest.
Der Artikel beginnt mit einem Rückblick auf einen Tweet von Dieter Nuhr:

Ich habe mit einem Twitter- und Facebook-Post – „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ – satirisch-ironisch darauf hingewiesen, dass man den Bruch eines Kreditvertrages nicht durch demokratische Abstimmung legitimieren kann. (Hervorhebung von mir, KK)

Im Anschluss an diesen Tweet ereignete sich ein Shitstorm oder, wie ich es formulieren würde: eine Shitback-Schleife.

Aus dem zitierten Tweet geht hervor, dass damit eine Regel für die Anschlusskommunikation vorgeschlagen wurde, eine Regel, die lauten könnte: Es ist Satire, es ist Spaß, es ist vielleicht alles gar nicht so gemeint. Oder auch nicht, denn gerade der Selbstwiderspruch, die Unklarheit des Gemeinten und die Fallen und Verwicklungen, die damit verbunden sein könnten, wären der ideale Anzreiz für den Satiriker, die Kommunikation daraufhin zu beobachten, wie der Spaß sich fortsetzt. Denn Satire und Ironie sind für die Kommunikaiton eine Art „Kapier-Test“: mal sehen wer es merkt und wer nicht.
Wichtig ist, dass es sich dabei nur um einen Vorschlag handeln kann, denn keiner kann seine Regeln, seine Wertschätzungen, sein Ordnungsbegehren auf andere durchsetzen. Es gibt für die Kommunikation keinen Chefaufpasser, keinen Chefkontroller, keinen Führer, keine Zentralinstanz, die den Fortgang nach festgelegten Regeln sicher stellen könnte. Das kann Dieter Nuhr vollständig nachvollziehen, weil er in Bezug auf seine eigenen Hnadlungsmöglichkeiten das Argument gelten lässt: „Mir fehlt die Macht.“ Dies bezieht sich darauf, dass er als Betreiber einer Seite nicht die Macht hat, das Mitteilungsbegehren der anderen zu unterdrücken. Er hat nur die Möglichkeit, unerfreuliche Kommentare zu löschen, eine Zensur kann er nicht betreiben. Er hat keine Macht; und es gilt die Regel, die man nicht ablehnen kann: das gilt für jeden anderen auch. Keiner hat die Macht über die Kommunikation zu verfügen.

Interessant ist nun, dass derjenige, der auf diese Weise eine Regel vorschlägt, nämlich die Regel, dass alles nur satirisch-ironisch gemeint ist, beim überraschten Feststellen der Shitbackschleife von dieser Regel gar nichts mehr wissen will. Aus Spaß wurde, hokuspokus, plötzlich Ernst, so jedenfalls will es die Partei des Beleidigten. Und die Frage ist: warum lässt er die vorgeschlagene Regel nicht mehr gelten? Stattdessen zieht er sich auf eine Position des Beleidigten zurück und rechtfertigt sich mit seiner Vernunft, seiner Meinung, seiner Gesinnung, von welcher er selbst jederzeit wissen kann, dass sie bezweifelbar und kritisierbar ist, dass sie ihre Haltbarkeit nicht aus sich selbst heraus bezieht, sondern jederzeit von jedem abgelehnt, mit Geringschätzung bedacht oder sonst irgendwie lächerlich gemacht werden. Das nenne ich eine Shitback-Schleife: die Kommunikation über Kommunikation lässt keinerlei Gewissen oder Moral zu, sie kennt keine Grenzen der Vernunft, sie kennt keine zwingend überzeugende Argumente und keine letzten Wahrheiten. Demungeachtet, als hätte er in der Schule nicht aufgepasst und als sei er erst seit neulich auf dieser Welt, stellt er mit trotzigem Widerwillen und völlig humorlos sein Beledigtsein zur Schau.

Der Shitstorm ist der Versuch, eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden, um stattdessen durch Überwältigung und Etikettierung des Andersmeinenden den Sieg im digitalen Vernichtungskampf davonzutragen. Der andere wird nicht mit Argumenten überzeugt, sondern abgestempelt. (Hervorhebung von mir KK)

Wie bitte? Es soll irgendein Problem sachlich behandelt, indem zuerst die Regel der Ironie vorgeschlagen und dann humorlos ignoriert wird? Stattdessen gilt nun die Ernsthaftigkeit der Sache und man stellt fest: Es fehlt an Sachlichkeit! Ja, wo soll sie denn nuhr herkommen?
Und sollte wirklich erwartet werden, dass diese Art der Ernsthaftigkeit nun überzeugt? Wo bleibt die Ironie, die Satire? Weil dem Beleidigten die Schau nicht mehr gefällt, setzt er sie nach anderen Regeln fort als die, die er selbst vorgeschlagen hat und hofft eine gute Figur zu machen, was einem immer schwerer zu glauben, erst recht, wenn man den Artikel bis zum Schluß liest.

Fairness wäre stattdessen die einzige Art von Sachlichkeit, die in dieser Sache angemessen wäre: Der Spaßmacher hat den „Kapier-Test“ der Kommunikation nicht bestanden. Das ist alles. Und das ist ja für Profi-Spaßmacher kein Problem. Er kann jederzeit von vorne anfangen. Vorschlag zur Fairness: der Profi-Spaßmacher ist kein Experte, sondern nur ein gewöhnlicher Twittertroll wie alle anderen auch. Beweis: er macht dich ansprechbar wie alle anderen.

%d Bloggern gefällt das: