Differentia

Tag: Rhizomatik

Rhizom – Selbstorganisation ohne System

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Rhizomatische Kommunikation zeichnet sich durch kontingente Diskursereignisse, die geregelte Kommunikationserwartungen sabotieren, aus. Es handelt sich um nomadisierende und intervenierende Zeichenketten und -verknüpfungen, welche die Referenzialität der Dokumentform irritieren und diese in ein Medium auflösen. Dabei entstehen ungesättigte Kontexte, die es auch sonst immer gibt, hier aber deutlicher bemerkt und selber thematisch werden; beständig entgleitende Referenzen und Signifikate, die durch die anwesende Abwesenheit aller Beteiligten merklich verstärkt wird. Das Ergebnis ist dann kein “sinnloses Rauschen”, sondern eine strukturierte Unordnung, ein in sich selbst intervenierendes Gefüge, eine Selbstorganisation ohne System – ein Rhizom.
Interessant in diesem Zusammehang könnte der Aufsatz „„Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen““ von Derrida sein, in welchem es darum geht, die Dezentralität solcher strukturierten Unordnung zu beschreiben. Derrida knpüft damit an den Widerspruch an, der sich aus Saussures Thesen ergibt. Nach Saussure entstünden Sinn und Bedeutung eines Zeichens nur im Spiel der sich unterscheidenden Lautbilder. Wenn ein Sinnzentrum einen distinkten Sinn haben soll, kann es diesen nur im Unterschied zu anderen Marken der Struktur haben. Dann kann man den distinkten Sinn aber nicht als zentral setzen, denn er gehört zur Struktur, deren Werte alle dezentral sind. Ist der Sinn dagegen ein zentrales Muster, gäbe es keine Beobachtungsöglichkeit, weil man ihn als zentralen, also außerstrukturellen nicht von den anderen Elementen unterscheidet. Der Beobachter müsste zugleich – als deren Prinzip außer der Struktur sein, um sie zu begründen; und er muss in der Struktur sein, weil es anders keinen Anschlusswert hätte. Das Prinzip oder der Erklärungsgrund oder auch nur die Rationalität einer aufgewiesenen Struktur implizieren also immer die Vorstellung eines strukturierenden und selbst außerstrukturellen Zentrums; und genau diese Überlegung lässt sich nach Derrida nicht halten. Es gibt kein transzendentales Zentrum, im Sinne einer selbst nicht seienden Bedingung von etwas, das kraft seiner ins Dasein tritt. Die Alternative, die Derrida formuliert, lautet: „Dezentrierung“. Alle Strukturalität ist ein unendliches Spiel von Differenzen. Das heißt, nichts ist dem Spiel der Differenzen entzogen, die Idee einer geschlossenen Testeinheit scheitert aus strukturellen Gründen: Strukturen können nur dezentriert kommuniziert werden.

Derrida, Jacques: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen. In: Die Schrift und die Differenz (Paris 1967), Frankfurt/M. 1997, S. 422-442.

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Assoziologie, Rhizomatik und Internetkommunikation

Unten stehend ein Kommentar von @str0mgeist zum Artikel Etwas über Zitate und Plagiate, der in der Sache, um dies es geht, sehr gut weiter hilft, weil er dazu beiträgt, das Beobachtungsschema zu verderben, durch welches das zu diskutierende Problem überhaupt erst aufkommt und durch den Fortgang dieser Art der Kommunikation eine andere Art der Kommunikation ermöglicht.

Ein unbestreitbarer Wert der sog. kritischen Methode besteht offenbar darin, solche Geschichten überhaupt erzählen zu können: Epochale Restrospektiven. Wie alles gewesen ist: Immer schon und bis jetzt. Das kann man “beobachten”. Warum? Man hat ja deren Dokumente – deren Methode nun aber entschieden zurückgewiesen werden muss. Wenn das gelingt, was technisch möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich wird, gibt es irgendwann keine ‘Dokumente’ mehr. Nur noch Ketten und Netze aus a-signifikanten Signifikanten: Ein Rhizom?

“Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden, es setzt sich an seinen eigenen oder an anderen Linien weiter fort. […] Jedesmal wenn segmentäre Linien auf einer Fluchtlinie explodieren, gibt es eine Unterbrechung im Rhizom, aber die Fluchtlinie bildet einen Teil des Rhizoms. Diese Linien verweisen ununterbrochen aufeinander.” (Gilles Deleuze und Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin: Merve 2002, S.19)

1. These: Assoziologie=Rhizomatik?
Frage: Wäre dies (auch) eine Antwort, die “die Sache, um die es geht, verdirbt”?
Wenn ja/nein, dann: Was hält Rhizome/Assoziologie noch zusammen? Wodurch bleibt Anschlusskommunikation möglich?

“Der Baum braucht das Verb ‘sein’, doch das Rhizom findet seinen Zusammenhalt in der Konjunktion ‘und… und… und…’. In dieser Konjunktion liegt genug Kraft, um das Verb ‘sein’ zu erschüttern und zu entwurzeln. Wohin geht ihr? Woher kommt ihr? Was wollt ihr erreichen? Das sind unnütze Fragen.” (Deleuze und Guattari: Tausend Plateaus, Berlin: Merve 2002, S. 41)

2. These: Internetkommunikation=Rhizomatik? (Mehr dazu auch hier und hier)
Einwand: Wie unterscheiden wir die kommunikative Konjunktion von ihrer technischen Form? Ist das Setzen von Hyperlinks und das Klicken von Antwort-und Share-Buttons überhaupt ein Kommunizieren? Müssen wir den Begriff der Kommunikation nicht grundsätzlich in Zweifel ziehen?

3. These: Internetkommunikation desavouriert die kritische Methode und führt damit die Wissenschaft in eine Krise.
Einwand: (a) Sofern damit zunächst einmal nur die dramatische Beschleunigung der Produktion und Entlarvung von Plagiaten gemeint ist, bleibt die Krise trivial. Sie ließe sich nämlich durch Entschleunigung entschäften. Wie? Z.b. durch Abschaffung des Publikationszwangs. Die eigentliche Krise bestünde dann nur in der positiven Rückkopplung zwischen dem medialem und bürokratischem Dispositiv. Nicht die kritische Methode wäre dann das eigentliche Problem, sondern die administrativ-ökonomische Prozession des Reputationsdrucks. (b) Sofern damit die Form der wissenschaftlichen Kommunikation gemeint ist, so wird die spezifischen Irritationen des Internet (Anonymität, Trolle, Manipulation), die bewährten Formen der Wissenschaftskommunikation nur marginal berühren. Etablierte Gegendispositive hier: Archive und Communities. Sofern genannte Irritationen auftreten, sind die Dispositive wirkmächtig genug, sie als behandelbare Störungen und nicht als fundamentale Krise bewältigen zu können.
(c) Sofern (a) und (b) zutreffen, würde ich den Einwand (das Argument vom) kommunikativen Fehlschluss nennen.

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