Differentia

Tag: Religion

Ignorantia

Die rhetorischen Manöver, mit denen Wissenschaftler ihr Nichtwissen rechtfertigen, sind in den meisten Fällen sehr kompliziert und nicht immer leicht zu durchschauen. Dabei werden sehr verschiedene, teils raffinierte und sehr elegante Tricks angewendet, die auf eine eigene Professionalitätsmagie der Wissenschaft verweisen. Diese wissenschaftliche Professionalitätsmagie, wenn es nicht um Fächer geht, die technikintensiv sind und deren Forschung hauptsächlich im Labor vonstatten geht, besteht dabei oft in Vortrags- meistens in Textmagie.
Abgesehen von relativ obszönen Versuchen, wie etwa dieser von Professor Bieri, der darin besteht, Nichtwissen durch das Herausblasen eines bildungsideologischen Stuhlgangs (Wie wäre es, gebildet zu sein?) zu rechtfertigen, finden sich nur selten sehr plumpe und unversteckte Darlegungen der Rechtfertigung von Nichtwissen. Einen solchen habe ist gestern gefunden.
Es handelt sich dabei um Ausführungen zu einem religionswissenschaftlichen Ausstellungskatalog. Dabei ging es um eine Ausstellung religiöser Malerei aus Taiwan, die allerdings schon einige Zeit zurück liegt (1980). In dem Einführungstext heißt es unter der Überschrift: „Himmel und Hölle als Problem der Religionsgeschichte“ wörtlich:

Die Frage, was ‚religiöse Kunst‘ eigentlich sei, ist kontrovers. Schwierigkeiten, Kunst als ‚religiös‘ zu bestimmen, ergeben sich nicht zu letzt daraus, daß es der Religionsforschung bisher nicht gelungen ist – vielleicht gar nicht gelingen kann? – ihren Gegenstand, die Religion, allgemeingültig zu definieren. So steht jedes Vorhaben, das der religiösen Kunst gewidmet ist, von neuem vor der Aufgabe, sein Thema zu rechtfertigen.

(Wer das nachlesen will vgl.: Religiöse Malerei aus Taiwan. Veröffentlichungen der Religionskundlichen Sammlung der Philipps-Universität Marburg. Hg. von Martin Kraatz. Marburg 1980, S. 31.)

Das ist dreist. Der ganze Text hat 37 Druckseiten (Querformat, 2spaltig, vom Umfang her also 60 oder 70 Druckseiten, wenn man es  Taschenbuchformat bringen würde) und befasst sich nur damit, ein Problem zu lösen, dass Wissenschaft gar nicht lösen muss, nämlich: Nichtwissen zu rechtfertigen.

Was passiert hier? Eine Religionswissenschaft behauptet, einen objektiven Gegenstand zu erforschen, nämlich Religion und erkennt relativ schnell die Grenzen der Objektivierbarkeit. Denn was Religion ist, kann überall und zu allen Zeiten als etwas sehr unterschiedliches aufgefasst werden; und es gibt kaum eine Möglichkeit, ein Kriterium für die Objektivität des Gegenstands zu formulieren. Denn ein solches Kriterium fände man, wenn man einen Fall beschreibt, der für alle Fälle gilt, nämlich die Beschreibung einer Art von Religiösität, die in allen Religionen zu finden ist. Da das nun gar nicht geht, könnte man doch zu dem Schluss kommen, dass es zwar Religion gibt, aber nicht als objektiven Gegenstand, und weiter: dass es Religion nur dann geben kann, wenn sie keine objektive Realität hat, wenn man also epistemologisch die Bedingung der Möglichkeit von Religion mitberücksichtigt.
Dann aber weiß eine Wissenschaft zunächst nicht viel darüber zu sagen, weil sie keine geeigneten Mittel und Wege kennt, Nichtobjektivierbares zu erforschen. Sie wüsste dann ganz viel nicht. Das aber wäre gar keine Schande, wäre gar nicht unehrenhaft. Einem Wissenschaftler, der Nichtwissen zugibt, ist daraus gar kein Vorwurf zu machen, denn gerade dies motiviert Forschung: Nichtwissen veranlasst Forschung, nicht Wissen.
Stattdessen aber wird in dem hier zur Rede stehenden Text die Herkunft des Problems (die Unterscheidung von Himmel und Hölle) unterschlagen. Denn wo kommt das Problem her? Die Unterscheidung ist entstanden durch die christliche Religion der Alten Zeit, die sich selbst als eine, wahre und allgemeingültige Religion beschrieben hat. Diese Selbstbeschreibung mag nun eine Wissenschaft nicht akzeptieren (warum auch?), aber die gewählte Unterscheidung übernimmt sie trotzdem und beobachtet nun asiatische Malerei mit dieser Unterscheidung und stellt kritisch fest, dass man es, nur weil man Himmel- und Höllendarstellung sehen kann, nicht deshalb schon mit religiöser Malerei zu tun hat. Das leuchtet ein.
Und was passiert jetzt? Jetzt wird umfangreich gerechtfertigt, dass man es trotzdem mit religiöser Malerei zu tun hat, obgleich zugestanderweise nichts Eindeutiges zu finden ist, wodurch das bestätigt wird. Der Wissenschaftler findet also keine Erklärung für die Herkunft seines Problems, weshalb er ein anderes Problem löst, das gar nicht gelöst werden muss, nämlich die Rechtfertigung seines Nichtwissens, bestätigt durch Stempel und Unterschrift des zuständigen Amtsvorstehers (aka Professor).

Das ist dreist und ist der aktuelle Stand der Dinge. Da kann man nichts machen. Erforschen jedenfalls kann die Wissenschaft die Herkunft ihrer Probleme nicht. Sie muss das gar nicht tun. Denn sie hat ein Recht auf Ignorantia (aka Wissenschaftsfreiheit, die besagt, dass die Wissenschaft nur den Vorschriften folgt, die sie sich selber macht.)

Die Verlusterfahrung der Transzendenz

Im Anschluss an den zurück liegenden Artikel Reaktanz und Vermeidungsverhalten hat sich eine hübsche Diskussion ereignet, in der es um die Anthropologie von René Girard ging. Oder vielleicht ging es weniger um diesen anthroplogischen Ansatz als mehr um die Frage der Erkenntnisvoraussetzungen für die Definition von Prämissen, die immer gebraucht werden, um innerhalb eines argumentativen Zirkels eine Anfangsposition zu finden. Es ging dabei um die Frage, wie man von der „menschlichen Natur“ wissen kann, wie sie beschaffen sei und welche Verwicklungen diese Kenntnis nach sich zieht. So kam zum Beispiel der Gedanke auf, ob die Offenbarungen der Religion ein Zeugnis geben für die Einsichtnahme in die menschliche Natur.

Das Interesse an dieser Diskussion, wie sie von @dasrettende angestoßen wurde, findet natürlich seinen Anfangspunkt im Prozess der Säkularisierung,  welcher eingebettet war in die Herausbildung einer funktionalen Differenzierunsform der Gesellschaft. Diese Differenzierungsform führte zu einem Verlust der Erfahrbarkeit von Transzendenz, da sich ein Wissen um soziale Realität nicht länger an einer Fremdreferenz der religiösen Welt orientieren konnte:
„Selbstreferentielle Autonomie auf der Ebene der einzelnen gesellschaftlichen Teilsystemen wird erst im 17./18. Jahrhundert eingerichtet. Vorher hatte die religiöse Weltsetzung diese Funktionsstelle besetzt. Vielleicht kann man sagen, daß der allem Erleben und Handeln zugedachte Bezug auf Gott als heimliche Selbstreferenz des Gesellschaftlichsystems fungierte. Man sagte etwa, ohne den Beistand Gottes könne keine Werk gelingen. Damit waren zugleich gesellschaftliche und moralische Anforderungen fixiert. Die religiöse Semantik war jedoch nicht als Selbstreferenz der Gesellschaft, sie war (und ist auch heute) als Fremdreferenz, als Transzendenz formuliert. “ (Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 624.).
Die Funktion der Religion in der vormodernen Gesellschaft war es, eine Lösung für das Problem der Beobachtung der unbestimmten Komplexität der Welt zu liefern. Demnach erschien die Welt als ein entropisches Chaos und als völlige Kontingenz. Mit dem binären Code von Immanenz und Transzendenz sorgte die Religion dafür, dass dieses Chaos neg-entropisch erschien: Die Welt existiere, man könne sie beobachten und ihr Sinn zuerkennen. Außerdem wurden Vorstellungen von Gott und von Heiligkeit dazu benutzt, um mit dem Paradox des Unbeobachtbaren umzugehen. Auf diese Weise verwandelte sich unbestimmbare in bestimmbare Kontingenz und so garantierte die Religion die Beobachtbarkeit transzendenten Bedingungen der Welt. Gott bot eine Garantie für die Welt als die Einheit ihres Seins. Sie war eine göttliche Heiligkeit, die eine vollständige Ganzheit all ihrer Möglichkeiten enthielt.
Schließlich wurde auch für das Problem des blinden Flecks von der Religion eine Erklärung geliefert. In den theologischen Begriffen wurde er von Gott besetzt. Gott spielte die Rolle eines Beobachters, der positionslos die Gesamtheit aller Beziehungen, einschließlich seiner eigenen Beobachtung beobachten konnte. So kam Gott selbst in der Welt vor und konnte sich zugleich von ihr unterscheiden.
Diese Beobachtungsmöglichkeit verschwindet jedoch in dem Maße, wie die Gesellschaft sich in eine Reihe von autonomen und operativ geschlossenes Teilysystemen ausdifferenziert.  Der Verlust entsteht dadurch, dass kein System einen übergeordneten Beobachtungsstandpunkt beanspruchen kann, wodurch die moderene Welt zugleich ihre Welterzählung verliert.

Die oben erwähnte Diskussion zeichnete sich dadurch aus, dass dieser Verlust gar nicht thematisiert wurde. Vielmehr konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Verlust einer göttlichen Offenbarung gewissermaßen durch den Gewinn einer Offenbarung über die menschliche Natur ersetzt wurde; ein Gewinn freilich, der nirgendwo ungeteilt beansprucht wird, auch nicht in solchen Diskursen, die die menschliche Natur als Erkenntnisvoraussetzung, als unbeobachtete Beobachtung nicht mit gleicher Gewissheit akzeptieren, da auch eine entsprechende Ungewissheit nicht auf die zivilisatorischen Errungenschaften von Religion verzichten kann.

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