Differentia

Tag: Rechtfertigung

Fundamental und radikal // Rechtfertigung und Provokation

@bertrandterrier hat die Unterscheidung von Fundamental- und Radikaltheorie vorgeschlagen. Mit dieser Unterscheidung wird versucht, die Behandlung von blinden Flecken zu ordnen. Sowohl Fundamental- als auch Radikaltheorie sind Reflexionsleistungen von Beobachtungen zweiter Ordnung, die sich auf die Beobachtung von blinden Flecken beziehen und die sich auf Irrtumskommunikation einlasssen.

Eine Fundamentaltheorie weist auf die blinden Flecken von anderen hin; sie findet und formuliert Gründe (also Fundamente) dafür, die eigenen blinden Flecke als Wahrheit zum Zweck der Irrtumsvermeidung zu empfehlen, ohne diese Wahrheit allerdings als letztbegründet aufzufassen. Auch eine Fundamentaltheorie ist eine Reaktion auf die Unsicherheit in der Welt, aber ist entstanden als die optimistische Auffassung, Sicherheiten der Urteilsfähigkeit dadurch zu ermitteln, dass niemand daran gehindert werden soll, nach dem gleichen Verfahren auf die blinden Flecke anderer zu zeigen. Das geht, wenn gesellschaftliche Verhältnisse, trotz aller Unsicherheiten, schon genügend Sicherheiten liefern, deren parasitäre Ausnutzung von einer Fundamentaltheorie empfohlen wird.
Sowas geht also, wenn Unsicherheit bereits in genügendem Ausmaß vermieden wurde.

Das heißt: auch eine Fundamentaltheorie war als Radikaltheorie entstanden; sozial wirksam wird sie aber zunächst nur als Provokation (pro-vocare, hervorrufen, ohne es zu können). Gemeint damit ist eine soziale Problemlösung, dies sich aus den unlösbaren Inkomunikabilitätsproblemen von vorausgesetzten Rechtfertigungen ergibt. Rechtfertigung, zzgl. einer ihnen zugeordneten Reflexionsform der Theorie, kommen nämlich dann zustande, wenn sich bekannte gemachte Provokationen von Radikaltheorien ausschließlich auf sich selbst beziehen, wenn eine solche theoretische Reflexion sich selbst als Differenz im Verhältnis zu einer anderen Radikaltheorie auffasst, die nach einem identischen Schema verfährt. Wenn sich also die Provokationen von Radikaltheorien bei fungibler Vermeidung,  Aussortierung aller anderen Möglichkeiten, die auch potenziell anschließbar wären, sich ausschließlich auf sich selbst beziehen, entsteht eine Fundamentaltheorie, die deshalb Gründe für alles finden kann, weil sie für ihr eigenes Zustandekommen keine findet, keine finden muss und keine mehr finden kann. Aus diesem Grund ist sie „fundamental“. Sie kann zwar auf die blinden Flecken der anderen zeigen, für ihre eigenen hat sie aber kein geeignetes Beobachtungsschema und kann auch keines finden, solange sie erfolgreich ihre Fungibilität als normal, selbstverständlich und natürlich auffasst und sich damit, nicht nur hinsichtlich ihrer Prämissen, Postulate und Axiome, sondern auch hinsichtlich ihrer Folgewirkungen in einer Nische der Indifferenz niederlässt, mit der Folge, dass sie ihre Wahrheiten selbst in die Inkommunikabilität überführt. In dieser Situation prägt sich eine Fundamentaltheorie pessimistisch aus. Sie ist mit ihren Möglichkeiten am Ende und ganz andere kann sich nicht so einfach zulassen, solange andere Möglichkeiten nicht als heteroclitisch auffallen. Denn in dem Fall erscheinen sie immer als wiedererkennbar und damit als normal und sind folglich für Veränderung ungeeignet.
Voraussetzung für die Transformation von Provokation und Rechtfertgerigung ist ein Gedächtnisverlust, der sich ereignet, wenn Lösungen für Probleme gefunden werden, weshalb die Probleme verschwinden und sich diese Lösungen neue Probleme suchen, ohne eben dies zur Auskunft zu geben.

Eine Radikaltheorie weist nicht nur auf die blinden Flecke einer Fundamentaltheorie hin, sondern offenbart auch ihre eigenen ungeniert, unverdeckt, unverhüllt, unverschleiert; sie empfiehlt sich selbst als Irrtum oder auch als Irrtum über Irrtum, aber sie kann diese Selbstoffenbarung nicht garantieren, sondern kann eine entsprechende Beobachtung nur provozieren und auf Antwort warten. Deshalb erscheint eine Radikaltheorie heteroclitisch und ist ein Indikator für Veränderung.

Der paradigmatische Anwendungsbeispiel ist die Transzendentaltheorie der modernen Wissenschaft, die als Radikaltheorie zuerst provokativ gegen die Rechtfertigungstheorie der Scholastik gewirkt, sich dann aber, nachdem sie die damit zusammehängenden Probleme aufgelöst hatte, nur noch auf sich selbst bezog und damit in die Rechtfertigung einer Fundamentaltheorie überführt wurde.

Etwas über Ideologie und Theorie 3 @herr_monk

zurück / Fortsetzung: Alle Ideologie und ihre Kritik, sowohl ihre Ablehnung als auch ihre Akzeptanz, sowohl ihre Verurteilung als auch gesteigerte Erwartungen an ihre Legitimität, unterlagen im Evolutionsprozess der modernen Gesellschaft den Bedingungen der Rechtfertigung von Exkludierung. Es ging, kurz gesagt, darum, innerhalb unauflösbarer und unvermeidbarer Verhältnisse der Konkurrenz, Rechtfertigung für Meinungen, Entscheidungen und Handlungen zu formulieren. Die Konkurrenz bildete dabei den blinden Fleck, das heißt, sie wurde zugleich als Instanz für Rechtfertigung verwendet wie sie aber auch innerhalb dieser Konkurrenzverhältnisse abgelehnt wurde. Auch die Ablehnung der Konkurrenz um die Beanspruchung knapper Ressourcen unterlag selbstähnlichen Strukturen der Rechtfertigung von Konkurrenz. Und daran wird sich innerhalb stabiler Organisationen auch nicht viel ändern, sofern und solange Organisationen als Machtapparate zuverlässig den Zugriff auf Ressourcen gestatten und entsprechend Exkludierung vornehmen müssen.
Aber das schließt eben nicht mehr aus, dass alle Ressourcen durch Machtapparate der bekannten Art verfügbar gemacht werden müssen. Das geht, wenn die Verfügung ganz anderer Ressourcen durch andere Strukturen voraussetzungsreich entwickelt wird.

Mein Argument lautet, dass solche Strukturentwicklungsprozesse durch die Digitalisierung angestoßen werden, Prozesse, die gleichwohl in ihrer Bedeutsamkeit, in ihrer Durchsetzungsfähigkeit, in ihrer Attraktivität und in ihrer Möglichkeit, strenge Formen auszubilden, noch nicht sehr gut beurteilbar sind.
Aus diesem Grund kann man zurecht – und ganz leicht – eine Beobachtung dieser Prozesse ablehnen, aber aus dem selben Grunde kann man sich darauf einlassen. Beides ist gar nicht rechtfertgungsbedürftig, da nicht erkennbar ist, welcher spezifische Ressourcenzugriff dadurch entsteht und wodurch entsprechend Legitimierungsbedarf zustande käme. Wo aber dennoch Rechtfertigungen formuliert, vorgetragen und verbreitet werden, Rechtfertigungen, die angesichts der Unüberschaubarkeit der Verhältnisse, genauso unterbleiben könnten, offenbart sich nur, dass sich eine Struktur trivialisiert, nämlich die Erwartung auf Rechtfertigung, welche ob ihres funktional komplett entwickelten Status Quo kaum noch Begrenzungen zulässt. Man erkennt da, wo Rechtfertigung ohne Notwendigkeit vorgetragen werden, die aber der Selbstauskunft nach Notwendigkeit behaupten, ein Manöver der Lernunwilligkeit zur Fortsetzung, zur Beharrung auf Normailtäten, Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten, Regeln und Erwartungen, die aufgrund der Umgehung knapper Ressourcen aber eigentlich nur mit dazu beitragen, eine Strukturalternative zu erschaffen. Sich mit anschließenden Rechtfertigungen dieser Beobachtung entgegen zu stellen, heißt hier: ideologische Beharrung zu betreiben, auf Lernunwilligkeit zu bestehen, welche, wenn zwar auch ein Hindernis, aber ein unvermeidbares Hindernis sind, um Strukturalternativen, die die Inkommunikabilitäten funktionaler Differenzierung aufdecken könnten, zu befördern.

Ideologie wäre in dem Zusammenhang der Verzicht auf eine Theorie zur Beobachtung unbekannter Möglichkeiten, als ein kostengünstiges, weil ungehindertes Recht, Meinung zu äußern, welches solche Indifferenz zulässig macht. Ideologie wäre in dem Fall: trivial-transzendentaltheoretische Rechtfertigung für Subjektivität – Ideologie deshalb, weil solchen Rechtfertigungen der Widerstand verloren geht, durch den transzendentaltheoretische Begründungen Überzeugtheiten herstellen können.