Differentia

Tag: Privatheit

Private Überwachung einer öffentlichen Veranstaltung #StopWatchingUs – ein Beobachtungsprotokoll

https://twitter.com/kusanowsky/status/362126202355462144

Am Samstag, den 27. Juli 2013 fand auf dem Roßmarkt in Frankfurt am Main eine Veranstaltung statt. Diese Veranstaltung war als öffentliches Ereignis vorgesehen, das sich dadurch auszeichnen sollte, dass eine große Versammlung von Einzelmenschen, wie sie in Städten jeden Tag üblich ist, nicht als zufällige Ansammlung erschien, die ein unvorhersehbares Ordnungsmuster erzeugte. Vielmehr ging es im Gegenteil um die Organisation eines durch Macht gesteuerten Ordnungsmusters, ohne, dass ein einzelnes Organisationssystem das Zustandekommen eines öffentlich beobachtbaren Musters hätte garantieren können. Es ging um die Demonstration der Macht von Masse und um den Versuch, diese Macht nicht nur öffentlich zur Schau zu stellen, sondern ihr durch Zurschaustellung den Charakter von Imposanz zu geben.
Der Selbstauskunft nach sollte öffentlich gezeigt (demonstriert) werden, dass es eine Macht gäbe, welche die Forderung nach Privatheit stellen könne, wobei die Forderung an eine andere, abwesende Macht adressiert wurde, nämlich an eine solche, die scheinbar, aber erkennbar ein Recht auf Privatheit versagt, obgleich die Legitmitität der adressierten Macht (gemeint ist die Staatsmacht) sich eigentlich durch das Gegenteil ergebe: gerade weil die adressierte, aber abwesende Staatsmacht Privatheit garantieren sollte, sei sie legitim und verlöre diese Legitimität, wenn sie sich der anwesend sich zeigenden Massenmacht nicht beugen wollte.

#StopWatchingUs war die Parole, die auf die vorgetragene Forderung verwies. Und es ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten, ob nun die Forderung erfüllt wurde oder nicht. Denn einerseits wurde diese Veranstaltung sehr wohl überwacht, nämlich von Passanten, Journalisten, Polizisten, Bühnenredern und vom Publikum, andererseits war die Wirkung des Überwachungsgeschehens recht marginal. Das hatte viele, sogar sehr viele Gründe, die sich vor allem darauf beziehen, dass in Frankfurt gleichzeitig viele andere Veranstaltungen stattfanden, die ebenfalls Aufmerksamkeit beanspruchten, wodurch es unwahrscheinlich wurde, dass auch nur einem dieser zahlreichen Ereignisse viel Aufmerksamkeit zuteil werden konnte. So blieb diese Veranstaltung, wenn auch nicht gänzlich unüberwacht, so doch wenig spektakulär, was übrigens für jede andere Veranstaltung auch galt. Zwar fand die Veranstaltung auf dem Roßmarkt nicht im privaten Kreis statt, aber ihr öffentlich wirksamer Charakter war nur schwer festzustellen.

Die Überwachung dieser Veranstaltung konnte dadurch besser gelingen, dass gleichzeitig in anderen Städten ebenfalls solche Demonstrationen stattfanden. Doch galt erstens für alle gleichzeitigen Veranstaltungen anderorts das gleiche wie ebendort: kaum einer bekam das mit. Und zweitens war durch die Berichterstattung in den Massenmedien eine Überwachung des Gleichzeitigkeitsgeschehens besser möglich, jedoch gilt auch für Massenmedien, dass sie immer über viele verschiedene Dinge gleichzeitig berichten, so dass auch die Verhinderung der Überwachung durch Massenmedien relativ gut gelang, weil die Berichterstattung der Massenmedien niemand so leicht überwachen kann.

So kommt man zu dem nüchternen Ergebnis, dass die Forderung #StopWatchingUs größtenteils erfüllt wurde, woraus sich allerdings die paradoxe Schlussfolgerung ergibt, dass das Ausbleiben einer Überwachung – also die Erfüllung der Forderung – einem Misserfolg dieser Veranstaltung gleichkommt, weil es der Selbstauskunft nach nicht darum gehen sollte, nicht diese Veranstaltung nicht zu überwachen, sondern die Überwachung der Überwachung durch Internet nicht zu überwachen.
Das heißt: es ging bei dieser Veranstaltung nicht um das, was diese Veranstaltung nicht über sich selbst aussagte, sondern um das, was woanders über diese Veranstaltung hätte ausgesagt werden können, wäre diese Veranstaltung ausreichend überwacht worden, nämlich: um die öffentliche Anerkenunng der Forderung nach Unterlassung von Überwachung privater Kommunikationen.
Aber ob private Kommunikation tatsächlich überwacht wird, ist bis heute eher nur auf der Basis von massenmedialer Berichterstattung möglich, von welcher oben schon gesagt wurde, dass diese Berichterstattung niemand sehr gut überwachen kann. Man könnte es auch so formulieren: aufgrund mangelnder eindeutiger Beweise was und wer überwacht wird und warum und wie oft und wie lange und aus welchem Grund Überwachung stattfindet, richtete sich diese Veranstaltung gegen ein Gerücht, das lautet: ihr werdet überwacht, woraus sich folgerichtig die Forderung ableitete #StopWatchingUs! welche prompt erfüllt wurde, ohne allerdings an den Gründen für die Wiederholung dieser Forderung etwas zu ändern.

Interessant war zu bemerken, dass sich in einer Zeit, in der sich offensichtlich leicht heraustellt, dass Privatheit – was immer das heißen mag – gar nicht selbstverständlich ist, weil immer mehr Schwierigkeiten zu bewältigen sind, um sie zu garantieren, sich nicht ebenso leicht heraustellt, dass auch Öffentlichkeit gar nicht selbstverständlich ist, obgleich sie herzustellen mindestens genauso schwer ist.
Diese Demonstration zeigte dies empirisch: die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz von dieser Demonstration, was der Selbstauskunft der engagierten Demonstranten nach einem Misserfolg gleichkommt, obwohl doch eigentlich dieser Misserfolg die Möglichkeit erkennen lässt, dass auch Öffentlichkeit sehr unwahrscheinlich wird, je mehr Ereignisse gleichzeitigen diesen- wie andernorts stattfinden, über die gleichzeitig hier wie überall durch Internet berichtet wird.

Noch einmal: die Veranstaltung auf dem Roßmarkt in Frankfurt am Main am 27. Juli 2013 hatte keinen privaten Charakter. Dafür waren zuviele Menschen anwesend, die sich untereinander hätten persönlich kennen können. Aber eine öffentlich wirksame Demonstration von Massenmacht war vollständig ausgeblieben, weil nämlich jede andere, gleichzeitige und zufällige Versammlung vieler anderer Menschen genauso viel Macht entfalten kann, nämlich: keine, bzw. kaum eine.

Es sei zugegeben, dass Privatheit schlechtere Chancen hat, aber diese Veranstaltung hätte demonstrieren können, dass die Chancen für die Herstellung Öffentlichkeit auch nicht mehr sehr gut genutzt werden können.

Aus diesem Grunde war sie ein voller Misserfolg. Diese Einsicht jedoch ergibt sich nur aus einer sehr privaten Überwachungssituation.

neulich abgelauscht: Ein Dialog über den verbliebenen Rest von Öffentlichkeit #Bildschirmfesselung

gestern abgelauschtes Gespräch in einer Kneipe

Er: … also, dann hatte ich mich umgesehen und hoppla, da war niemand … äh, was machst du da?
Sie: Ich? Nichts. Schreib nur noch einen Tweet über unser Gespräch.
Er: Und was schreibst du?
Sie: Das sag ich dir nicht. Das ist ein Geheimnis.
Er: Quatsch. Ich folge dir doch. Also mal sehen

….

Er: Was schreibst du denn über unser Gespräch?
Sie: Ich sagte doch, das ist geheim.
Er: Aber bei Twitter ist doch alles öffentlich!
Sie: Was hab ich denn über unser Gespräch geschrieben?
Er: Das will ich ja von dir wissen. Ich finde nichts.
Sie: (genervt) Ich sagte bereits, dass ich dir das nicht sagen werde. Sag du mir was ich geschrieben habe.
Er: Das kann ich nicht. Ich weiß nicht, welchen Twitteraccount du benutzt.
Sie: Ach was?
Er: Aus diesem Grund musst du mir sagen, was du öffentlich schreibst. Ich kann das ja nicht wissen.
Sie: Alle meine Twitteravatare sind öffentlich.

(Pause der Verwirrung)

Sie: Weißt du was ich meine?
Er:  Willst du mich verarschen?
Sie: (zuckt mit dem Schultern…) Vielleicht. Äh nein, nur in aller Öffentlichkeit. Solange wir so unter uns sind nicht.
Er: Was willst du damit sagen?
Sie: Was willst du eigentlich von mir?
Er: Das hatte ich doch gesagt. Dass du mir sagst, was du öffentlich über unser Gespräch mitteilst.
Sie: Was geht dich unser Gespräch an?

(Pause der Verwirrung)

Er: (genervt) Also ich meine, dass mich unser Gespräch sehr viel angeht.
Sie: Na bitte. Worüber reden wir denn?
Er: Worauf willst du hinaus?
Sie: Das habe ich öffentlich mitgeteilt. Alles andere ist privat und geht dich nichts an.

(Bis zu dieser Stelle konnte ich das Gespräch protokollieren, dann ging mein Kugelschreiber kaputt. Wenn Google-Glass kommt kann das nicht passieren.)