Differentia

Tag: Physik

Dogma und Dispositiv 4

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4. Natürliche und künstliche Bewegung 1

Es gibt in der aristotelischen Physik eine Unterscheidung, die bis ins Mittelalter hinein von einiger Bedeutung gewesen ist, und welche – wie ich vermute – entscheidend dafür war, dass in der alten Gesellschaft eine Ingenieurskunst sich zwar mit Mechanik beschäftigte, welche aber offensichtlich nicht dazu kam, leistungsfähige Motoren zu bauen. Gemeint ist die Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Bewegung, die interessanterweise bis heute sowohl für die Physik wie für die Soziologie eine Rolle spielt, weil mit dieser Unterscheidung die handlungstheoretischen Probleme des szientistischen Dualismus zustande kommen, von denen die Soziologie sich nicht lösen und welche die Physik sich nicht aneignen kann.

Kurz erläutert. Was meint die Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Bewegung? (Ausführung nach: Wolfgang Wieland: Die aristotelische Physik. Untersuchungen über die Grundlegung der Naturwissenschqft und die sprachlichen Bedingunen der Prinzipienforschung bei Aristoteles. 3. Auflage, Göttingen 1992, S. 249 ff.)

Bewegung ist nach Aristoteles alles, was sich verändert, wobei Aristoteles unterscheidet zwischen Bewegtes und Bewegendes und Bewegung nur am Bewegten empirisch zu erkennen ist. Die natürliche Bewegung ist alles Bewegte, das sich ursächlich von selbst bewegt, ist also eine in sich selbst geschlossene und vollständige Verkettung von Ursachen und Wirkungen. Dazu zählen in etwa alle Bewegungen in der Natur, die von Physik, Chemie und Biologie beschrieben werden. Die natürliche Bewegung erzeugt ihren eigenen Input oder Anstoß, den sie allerdings nicht erzeugen muß, da alles, was sich bewegen kann, dazu neigt, zur Ruhe zu kommen. Die künstliche Bewegung kommt dagegen zustande, wenn dem Bewegten durch einen Willen, der auch nicht zustande kommen muss, eine Bewegung aufgezwungen wird. Das würde also dem entsprechen, was die Soziologie Handlung nennt.

Die Beziehung zwischen natürlicher und künstlicher Bewegung könnte man in etwa so beschreiben: wirft man einen Stein nach oben, dann handelt es sich, gemäß der aristotelischen Auffassung, zunächst um eine künstliche Bewegung. Mit dem Willen zwingt man dem Stein eine Bewegung auf. Die Kraft, mit der der Stein geworfen wird, entspricht dem Willen, dies zu tun. Dieser Wille setzt sich auch auf die Luft durch, die sich dem Willen soweit ausliefert, wie die Kraft durchsetzungsfähig ist. Da aber auch diese Bewegung dazu neigt, zur Ruhe zu kommen, ergibt sich ab einer bestimmten Höhe ein Ruhepunkt, ab dem dann die natürliche Bewegung von selbst einsetzt und der Stein ab da nach unten fällt. Würde der Stein danach in ein unendlich tiefes Loch fallen, dann würde er am Mittelpunkt der Welt zur Ruhe kommen. Er würde dort praktisch schwerelos hängen bleiben.

Die ganzen philosophisch-theoretischen Implikationen dieser Unterscheidung will ich beiseite lassen. Es geht nur darum zu zeigen, dass die Konstruktion eines Motors diese Unterscheidung kollabieren lassen würde. Denken wir uns einen wenig leistungsfähigen Motor, z.B. einen Gummizugmotor, den man an ein Spielzeugflugzeug anbringt. Das Aufdrehen des Gummizugs wäre eine künstliche Bewegung, es wird damit ein Potenzial für Bewegungsenergie erzeugt. Würde man nun das Flugzeug fliegen lassen, kann nicht mehr erkannt werden, an welcher Stelle die künstliche Bewegung aufhört und an welcher die natürliche Bewegung einsetzt. Die Abwicklung des Gummis setzt den Propeller in Bewegung, welcher ober- und unterhalb der Tragflächen eine Differenz zwischen Unterdruck und Überdruck erzeugt, durch dessen Ausgleich wiederum Auftrieb entsteht, der wiederum das Flugzeug in der Luft hält. Würde jetzt auch noch das Flugzeug gegen einen Ast fliegen und ein Blatt abreißen, das zu Boden segelt, dann könnte der aristotelische Physiker nicht mehr angeben, wie die natürliche von der künstlichen Bewegung zu unterscheiden wäre, und würde darum empfehlen, Motoren als Irreführung zu betrachten.

Der Grund dafür ist aber nicht dogmatische Verblendung, sondern der, dass diese Unterscheidung innerhalb der antiken Kosmologie ihre Berechtigung hatte, mit der sehr wohl etwas erklärt werden kann, z.B. ein Unterschied zwischen Mensch und Tier, zwischen Mensch und Gott und sie hat auch eine Bedeutung für die Erklärung eines Herrschaftverhältnisses zwischen Herr und Sklave.

Und erst nachdem die ganze alte Gesellschaft gleichsam abgearbeitet war und  die neue Gesellschaft andere Voraussetzungen hergestellt hatte, konnte diese Unterscheidung weg gelassen werden. Und erst mit dem Verzicht auf diese Unterscheidung konnte das Dispositiv der wissenschaftlichen Methode sozial konstruiert und differenziert werden.

Physik konnte entstehen, weil sie diese Unterscheidung ignorierte, Soziologie konnte entstehen, weil sie das, was in aristotelischer Hinsicht künstliche Bewegung ist, als Ursache für objektive soziale Sachverhalte auffasste. Damit wird durch Ignoranz einerseits und Akzeptanz andererseits diese aristotelische Unterscheidung im szientistischen Dualismus von Subjekt und Objekt aufgehoben.

Fortsetzung

 

 

 

Hexerei, Zauberei und Magie als Vermeidungsproblem der Physik, Notizen

Noitzen zum Thema: Hexerei, Zauberei und Magie als Vermeidungsaufgabe der Physik, um zu zeigen, dass die Physik einerseits über die Meisterung dieser Vermeidungsaufgabe ihre Fortschritte erzielt hatte, aber andererseits ihre Erfahrungsgrundlage so geändert hat, dass sie nun wieder mit einer Art „Zauberwelt“ zu tun hat und jetzt nicht weiter weiß, weil die Notwendigkeit der Vermeidung von „Aberglauben“ die Kontingenz der wissenschaftlichen Methode erfahrbar machte. (Eine kleine Sammlung von Noitzen, Ergänzungen als Kommentare nehme ich gerne entgegen)

  • Reginald Scot (* vor 1538; † 9. Oktober 1599; auch Reginald Scott oder Scotte) war ein englischer Schriftsteller, Arzt und Skeptiker von Zauberei und Hexerei. In seinem bekanntesten Werk The Discoverie of Witchcraft von 1584 beschreibt er die Zaubertricks der angeblichen Zauberer. Es gilt als erstes neuzeitliches Buch über die Aufklärung der Zauberei. http://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Scot

Hieronymus Bosch: Der Gaukler, 1475 – 1480

  • Susan Greenwood: The Illustrated History of Magic and Witchcraft. Lorenz Books 2011
  • Klaus H. Kiefer, (Hrsg.): Cagliostro. Dokumente zu Aufklärung und Okkultismus. München: Beck 1991
  • Zweifel an Zauberkünsten und Kritik am Prozessverfahren
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung#Zweifel_an_Zauberk.C3.BCnsten_und_Kritik_am_Prozessverfahren

    Die Zweifel an Hexerei und Zauberei entwickelte sich über die Einschränkung ihrer Wirksamkeit auf der Basis der Annahme ihrer Möglichkeit:

    Friedrich von Spee .B. , der keinen Zweifel daran hatte, dass Hexerei und Zauberei ein schweres Verbrechen wären, aber sehr unwahrscheinlich seien.

    Martin Plantsch (um 1460–1533) betrachtete schon 1507 Zauberei als Einbildung; das Wirken von Hexen könne nicht bekämpft werden, da es unter Gottes Willen stehe: „Dies ist die erste allgemeingültige Wahrheit: Kein Wesen kann einem anderen Schaden zufügen oder irgendeine tatsächliche Wirkung nach außen hervorbringen, es sei denn durch den Willen Gottes“.

    Der Zweifel an Hexerei und Zauberei war theologischen Ursprungs:

    Jakob Heerbrand (1521–1600) stellte 1570 die Disputations-These auf, dass Menschen weder zaubern noch Wetter machen können, und ließ dies von seinem Schüler verteidigen: „Man darf nicht meinen, diese Worte der ‚Magier‘ hätten eine so große Wirksamkeit oder sie hätten Kräfte, um solche Dinge zu bewerkstelligen“ – es seien „Phantasmata“, die der Satan vorgaukele, aber keine wirklichen substanzhaften Veränderungen der Natur oder Schädigungen von Menschen, denn nur Gottes Wort könne tatsächlich schöpferisch wirken.

  • Entwicklung einer Zauberkunst als Unterhaltung seit dem 18. Jahrhundert
  • Über die Ausdifferenzierung einer Unhterhaltungskunst, der das Recht auf Manipulation, Trickserei und Täuschung zugesprochen wurde, erleichterte sich für die Physik die Rechtfertigung der Verzichts auf selbiges und normierte durch Methoden eine entsprechendes Vermeidungsverhalten.

    nächste Sammlung: die Erfindung des Experiments.

 

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