Differentia

Tag: Persuasion

Hass ist ein sehr gutes Konzept. Zur deadlock-Situation massenmedialer Kommunikation

 

Bei Spiegelonline wird jetzt eine Marktlücke genutzt, die schon seit längerer Zeit offen war. Es geht dabei um Counterspeech: Es geht darum, Leserbriefe an Leser zu schreiben, die sich nicht an die redaktionellen Vorgaben des Verlags halten und stattdessen irgendetwas schreiben, das eine Kolumnistin gar nicht lesen will, aber lesen muss, weil es sich dabei um ihr tägliches Brot handelt, weshalb sie an ihren unbekannten Leser etwas schreibt, das sie lieber nicht geschrieben hätte. Sie ist also das Opfer eines unmenschlichen Hasses, um so mehr, da das Zeilenhonorar des Verlags nicht überdurchschnittlich großzügig ist. Wie man weiß.

Man erkennt sofort, welches Unrecht dieser Kolumnistin widerfährt. Und, aber: das Maß an Betroffenheit kann allerdings das Zeilenhonorar nicht übersteigen. Das wäre unverhältnismäßig. Und unverhältnismäßig wäre es obendrein, solch ein Ungemach mit Spott zu überschütten, sind wir doch alle das unschuldige Opfer von Umständen, die sich keiner ausgesucht hat. Von irgendetwas muss der Mensch sich ernähren. Warum nicht vom Hass der anderen?

Tatsächlich haben wir es mit einer massenmedialen deadlock-Situation zu tun. Schriftliche Kommunikation braucht Schreiber und Leser: niemand schreibt etwas, wenn niemand etwas liest, und wenn niemand etwas liest, schreibt niemand etwas. Massenmedien lösen das Problem der Anschlussfindung durch adressenlos gerichtete Verbreitung von Dokumentkopien an ein abwesendes Publikum, wodurch es wahrscheinlich wird, dass dennoch gelesen wird, obwohl niemand zuvor weiß, was geschrieben wurde; und dass dennoch geschrieben wird, ohne dass man zuvor wüsste, ob gelesen wird. Es geschieht dennoch. Nun können Leser und Schreiber ihr Handeln sehr unterschiedlich rechtfertigen. Der Schreiber rechtfertigt sich durch die Nennung seines Namens, also in dem er im verbreiteten Dokument seinen Namen als Adresse einfügt und sich damit auf das ansprechbar macht, was er geschrieben hat. Der Leser kann anonym verbleiben und muss darum sein Handeln nicht rechtfertigen, und weil er dies auch nicht kann, ist sein Handeln schon deshalb gerechtfertigt, weil er für niemanden ansprechbar ist. Denn das Publikum verbleibt stumm, es hat keine Möglichkeit, sich selbst zu publizieren.

Soweit entspricht dieser Zusammenhang dem konventionellen massenmedialen Übungssystem.

Jetzt aber ändert sich etwas. Durch Internet wird nun das Publikum publiziert, während gleichzeitig die Verlage ihr Business as usual verteidigen. Jetzt entsteht die deadlock-Situation, die besagt, dass Leser und Schreiber, weil sie für einander nun pseudonym erscheinen, sehr unterschiedlich auf das massenhafte Aufkommen von Dokumentkopien reagieren. Die Kolumnistin, die ihr Business as usal verteidigt, schreibt immer noch für ein anonymes, unadressierbares Publikum, aber das Publikum schreibt nun zurück, und, ohne seine Anonymität aufzuheben, kann es seine Dokumente genau adressieren und muss dabei keine Rücksicht auf redaktionelle Vorgaben einhalten. Das sich selbst publizierende Publikum hat keinen Verlag. Der einzelne Schreiber muss nicht einmal Rücksicht auf sich selbst nehmen. Diese Konstellation macht, wenn die Kommunikation von Persuasion weiterhin attraktiv bleiben sollte, Hasskommunikation wahrscheinlich. Denn gelingende Persuasion verlangt strenge Voraussetzungen der Zurückhaltung von Einspruchsmöglichkeiten gegen die Unhaltbarkeit persuasiver Zumutungen. Fallen diese Voraussetzungen weg, zerfällt die ganze Kommunikation in Unhaltbarkeiten. Der Indikator dafür ist die Kommunikation von Hass. Sie ist die Hyperbolisierung, zu der es kommen muss, wenn die deadlock-Situation einrastet: jeder kann sich nun für sein Schreiben jederzeit verantworten, weil es nämlich egal ist, was gelesen wurde. Denn was auch immer gelesen wurde, lesen kann man nur, was geschrieben steht. Und darüber gibt es keine klare Meinung. Gilt auch für Hasskommentare.

Deshalb ist dieser Hass ein sehr gutes Konzept, das eine Lernsituation provoziert. Das konventionelle Übungssystem der Massenmedien trollt sich selbst, wenn Business as usual die letzte große Pflicht ist, die ein gehorsamer Mensch beachten soll. Und solange der Umsatz stimmt, gibt es keinen Grund daran etwas zu ändern.

 

Seduktion und Persuasion @JayRachel

Dies Video gibt einen kurzen Einblick in die Arbeitsweise von Tilo Jung.
Es wird immer mal wieder die Frage aufgeworfen, ob Tilo Jung genauso jung und naiv ist wie sein Format. Die Antwort, die für konventionelle Journalisten nicht so einfach zu verstehen ist, weil sie sich gegen die Bedingung der Möglichkeit ihres Geschäfts relativ naiv verhalten dürfen, lautet: es kann sein, dass sein Konzept seinem Konzept entspricht. Es kann aber auch sein, dass das ein Irrtum ist. Aus diesem Grunde können sie den Erfolg des Formats nicht gut erklären. Es lässt sich nur schwer mit Konzepten persuasiver Kommunikation der Massenmedien vereinbaren.
Das liegt daran, dass sie selbst in die Strukturen massenmedialer Kommunikation von Persuasion verwickelt sind, die es erforderlich machen, dass Journalisten von ihrer Kompetenz dadurch überzeugen, indem sie den Zuschauer eben von dieser Komptenz ablenken (nämlich durch Professionalitätsmagie), was gelingt, solange sie sich relativ sicher sein können, dass der Zuschauer sich auch ablenken lässt, solange er für Journalisten zuverlässig ausgeschaltet bleibt.
Die Ausschaltung des Zuschauers geschieht durch einen Riesenaufwand an arbeitsteilig und kapitalintensiv organisierter Professionalität, deren Undurchschaubarkeit zwar sehr wohl kritisierbar, aber genauso zwecklos ist, weil Sendeanstalten und Verlage zuverlässig funktionierende Machtapparate (soziologisch: Organisationssysteme) sind, deren interne Konkurrenzverhältnisse es jedem Journalisten zur Aufgabe machen, von seiner Kompetenz dadurch zu überzeugen, dass er die Konkurrenzfähigkeit der jeweiligen Organisation befördert. Deshalb sprechen Journalisten mit Politikern nicht über Politik, weil das Gespräch über Politik selten jener Rationalität folgt, denen das Geschäft des Journalismus folgen muss. Die Zwecklosigkeit jeder Kritik ergibt sich dadurch, dass diese Machtapparate selbst zwecklos funktionieren. Denn haben sie die Zwecke erreicht, derenwegen sie zustande gekommen sind, dann fangen sie wieder von vorne. Zwecke werden also nicht erreicht, um sie abzuschaffen, sondern um sie wiederherzustellen (Autopoiesis). Das Ergebnis ist Zwecklosigkeit des Geschäfts, woran auch jede Kritik nichts ändern kann, um so weniger, da jede Kritik wiederum nur geeignet ist, genau diese Zwecklosigkeit zu befördern.

Das Geschäft von Journalisten besteht nicht darin, über Politik zu berichten, sondern darin, Auflage und Einschaltquote zu erreichen, Aufmerksamkeit zu steigern, also: marktfähig zu bleiben. Diese Rationalität – wie immer sie bestellt sein mag – ist gänzlich verschieden von derjenigen Rationalität, die Politiker berücksichtigen müssen. Denn auch Politiker unterliegen einem internen Konkurrenzdruck ihres jeweiligen Machtapparates, der sich aus der strukturellen Überschneidung von Staatsbürokratie und Partei ergibt. Das führt bei unvermeidlicher Verwicklung dazu, dass die persuasive Kommunikation der Politik ganz andere Rücksichten nehmen muss als dies bei Journalisten üblich ist. Politiker müssen den Gefälligkeitsstrukturen ihrer Organisation gerecht werden, nicht der Meinung des Publikums. Denn die Meinung des Publikums ist eine Sache der Journalisten, die, wenn sie anfangen, darüber zu berichten, nur von sich selbst überzeugen, nicht von der Meinung des Publikums.
Wenn unter diesen Bedingungen Politiker und Journalisten miteinander reden, wenn es zum Interview kommt, besteht das Ergebnis dieser Verkopplung in dem bekannten Ping-Pong-Spiel zwischen Journalisten und Politkern: für Journalisten sind Leser und Zuschauer genauso für die massenmediale Kommunikation ausgeschaltet wie Wähler und Bürger für die Politik ausgeschaltet sind. Denn in beiden Fällen sind sie durch die Machtapparate (Sendeanstalten und Parteien/Staat) exkludiert, können nicht mitreden, nicht eingreifen, nicht mitentscheiden. Das hat zur Folge, dass sowohl Journalisten und Politiker sich nur in Rücksicht auf ihre jeweilgen organisationalen Strukturen verhalten, was dazu führt, dass Journalisten nur solche Fragen stellen und Politiker nur solche Antworten geben, die die Funktionsweise ihrer jeweiligen Organisationen nicht beeinträchtigen. Und in dem Maße, wie diese Machtapparate stabil bleiben, bleiben auch die Formen der Kommunikation stabil. So kommt man zu dem Eindruck, dass man alles schon kennt, dass man alles schon weiß, wenn auch nicht hinsichtlich der Wahl des jeweiligen Themas, sondern hinschtlich der sozialen Struktur. Es ist immer das selbe, was um so besser gelingt, da die Arbeitsteilung eben jene Professionalität konditioniert, die schließlich die Kontingenz des Geschehens unsichtbar macht. So entsteht ein Normalitätseindruck, der zu Gewißheiten darüber führt, wie man richtigen Journalismus oder wie man richtige Politik macht.

In dem Gespräch des Videos oben gibt Tilo Jung nun Auskunft darüber, was er sich leisten, was er versuchen und ausprobieren kann, wenn er keine Rücksicht auf einen Machtapparat nehmen muss.

Ab Min 0:59 sagt er: „Ein Politiker kommt dann zum Reden, wenn  eine von zwei Bedingungen erfüllt ist. Entweder sie haben das Gefühl, dass sie dir alles erzählen können, weil du ihnen alles abnimmst, weil du keine Ahnung hast, und sie das Gefühl haben, der glaubt alles, dem kann ich jetzt alles erzählen. Dann kommen sie automatisch in Fahrt. Oder du gibst ihnen das Gefühl, dass du eh ihrer Meinung bist – also: ja, ja, das sehe ich auch so. Dann kommen sie auch in Fahrt und lassen sich zu mehr hinreißen.“

Hier passiert etwas ganz anderes als das, was konventionelle Journalisten begreifen können. Tilo versucht gar nicht erst, seine Kompetenz zu beweisen. Das heißt, dass er sich jederzeit gegenüber seiner Inkompetenz inkompetent verhalten kann. Er kann, wie in diesem Video gezeigt, „geheimnisfrei“, unprofessionell, inkomptent über seine Inkompetenzinszenierung reden. Er könnte versuchen, seine besondere Kompetenz zu beweisen, er muss es aber nicht tun, weil für ihn der Zuschauer nicht prinzipiell ausgeschaltet ist. Denn jeder Internet-Zuschauer macht von den gleichen Möglichkeiten Gebrauch, von der auch Tilo Gebrauch macht, heißt: Beteiligung an der Kommunikation ohne Rücksicht auf organisationale Strukturen eines Machtapparates: Beteilung ohne, bwz. mit geringer und wenig aufwändiger Vorplanung, ohne Vorabstimmung, ohne Vorabsprachen, ohne Redaktionssitzungen, ohne Chefredakeuer, ohne Kapitalinteressen, ohne Rücksicht auf Verkaufserfolge, ohne Rücksicht auf die Rücksichten, die andere innerhalb des Machtapparates zu nehmen haben, weil es für die Beteiligung nicht darauf ankommt, in einen Machtapparat verwickelt zu sein. Ja, Tilo nimmt – wenn man seine Interviews anschaut – nicht einmal Rücksicht auf seine Zuschauer, was man daran erkennen kann, dass sie ewig lang und mit wenig Schneideaufwand zum Angucken bereit gestellt werden. Man könnte das in der Devise zusammen: Die Leute sollen gefälligst auf sich selbst Rücksicht nehmen. (Ein Rat, der bei Shitstorms gern unberücksichtigt bleibt.)

Es handelt sich um sozial geprägte und medial vermittelte Rücksichtslosigkeit, die man nicht nur hier, sondern überfall in der Interkommunikation findet. So kann Persuasion nicht mehr zuverlässig funktionieren, weshalb logisch das Frageverhalten von Tilo auf Seduktion umstellt. Seine Frage lautet nicht mehr: wie kann ich von mir in der Rolle eines Journalisten überzeugen, sondern: wie kann ich den Politiker verführen etwas zu äußern, das er unter anderen Bedingungen verschweigen wollte oder müsste? Wenn es klappt, dann könnte es sein, dass man jetzt etwas erfährt, das man mit Rücksicht auf organisationale Strukturen nicht hätte erfahren können, weil die Machtapparate ihre eigene Kommunikabilität streng limitieren. Und wenn es nicht klappt, ist der Journalist inkompetent.
Aber das ist nicht länger sein Problem, sondern das Problem derjenigen, die diese Inkompetenz kritisieren. Denn jetzt erkennt man endlich, dass die Kritik zwecklos ist, weil sie auf bereits mitgeführte Selbstkritik stößt, oder sagen wir besser: auf Selbstrücksicht.