Differentia

Tag: Personen

Schutzfunktion der Wissenschaft @offengesprochen @Erbloggtes

Die Wahrheit von Sachverhalten zu benennen ist nur erlaubt, wenn man sie auch beweisen kann, um so mehr, wenn die behandelten Sachverhalte Personen sind. Denn Wahrheit kann, wenn es um Angelegenheiten der Rechtfertigung geht, niemals folgenlos bleiben. Das liegt daran, dass Personen über Wahrheit, sofern sie selbst eine solche sein könnten, keine Eigenmächtigkeit besitzen. Keine Person kann eigenmächtig darüber bestimmen gegenüber anderen bevorzugt zu werden. Wenn sich in Konkurrenzsituationen jeder gegen jeden stellen darf, darf es niemanden geben, der innerhalb solcher Konkurrenzverhältnisse exklusive Mittel des Konkurrenzkampfes in Anspruch nehmen kann.
Deshalb sind Personen notwendig auf sozial organisierte und legitimierte Schutzfunktionen angewiesen, weil ohne solche Schutzfunktionen Rechtfertigungen für Entscheidungen über Bevorzugung gar nicht getroffenen werden könnten. Denn die wichtigste Schutzfunktion besteht darin, Personen nicht als Sachverhalte zu beschreiben, weil nur auf diesem Weg gerechtfertigt werden kann, dass Personen über Sachverhalte entscheiden und nicht über Personen. Durch die Schutzfunktion wird sicher gestellt, dass Personen für andere Personen als Sachverhalte in Erscheinung treten, sofern über sie Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber die Entscheidungsinstanz, sofern sie eine Person ist, darf dann selbst kein Sachverhalt sein.
Auf diesem Wege werden bei ausreichendem Differenzierungsgrad von Organisationen immer mehr Personen für einander zu Sachverhalten, wenn für alle beteiligten Personen entsprechende Schutzfunktionen erreichbar sind. Das hat auch zur Folge, dass alle Personen unter solchen Bedingung das Merkmal kafkaesker Opazität auf sich ziehen, weil man die Wirrnisse nicht mehr durchschaut, die durch sozial stabile Schutzfunktionen garantiert werden.

In der Wissenschaft ist die Erreichbarkeit solcher Schutzfunktionen asymmetrisch verteilt. Je höher in der Hierarchie angekommen, um so besser konnten Personen Schutzfunktionen für sich in Anspruch nehmen um von da aus anderen, subalternen Stellen eine solche Schutzfunktion zu entziehen, bzw. durch Beförderung zuerkennen. Diese Asymmetrie hat sich seit der Geburtsstunde moderner Wissenschaft sozial differenziert. Sie wurde nie abgeschafft, vielmehr wurden im Laufe von etwa 200 Jahren immer voraussetzungsreichere Möglichkeiten geschaffen, um immer mehr durch Organisation vergesellschaftete Personen in die Funktionsweise solcher Strukturen einzubinden.

Der vorläufig letzte Schritt in der Entfaltung von Schutzfunktionen dürfte sich durch die Verbreitungsmöglichkeiten des Internets ergeben. Das Blog „offengesprochen“ – eine gute Schutzfunktion wird übrigens auch durch Ironie gewährleistet – veröffentlicht sog. „Whistleblower“- Geschichten über Missstände in der Wissenschaft. Neu sind keineswegs die berichteten Missstände, die Heuchlei, das Versteckspiel, das Tricksen und Täuschen, wie es in allen Bürokratien üblich ist; neu ist nur, dass diese Berichte veröffentlicht und massenweise verbreitet werden können, aber eben nur unter der Voraussetzung, dass sie alle Wahrheit nur in Anführungsstrichen setzen dürfen, weil die Wahrheit um die es geht, Personen sind, die von ihr folgenreich adressiert werden könnten. Die Wahrheit, um die es geht, darf zwar mitgeteilt werden, aber nur so, dass sie folgenlos bleibt.

Der beste Wirkung dieser Veröffentlichung dürfte in ihrem apokalyptischen Gehalt liegen. Es wird auf diese Weise offenbar, worüber schon immer alles gewusst und über das schon immer alles geredet wurde, dies aber immer so, dass zwar die Wahrheit für adressierbare Personen folgenlos bleibt, dass sich jedoch für die soziale Struktur immer eine Differenzierungoption eröffnete. Genau dazu dürfte auch dieses Blog und weitere Publikationsversuche beitragen.
Nicht, dass sich etwas an den Missständen in der Wissenschaft infolge solcher Berichte etwas ändern würde. Vielmehr dürfte deutlich werden, dass es sich so verhält. Solche Publikationsversuche verbessern die Immunisierungsmöglichkeiten der Wissenschaft bis zur vollständigen Perfektion. Denn die perfekte Immunisierung funktioniert dann, wenn beinahe alle über fast alles sehr gut Bescheid wissen und trotzdem funktionieren die Abläufe so, dass es allen Grund gibt, ihre Missständigkeit stets auf Neueste und Schärfste zu kritisieren.
Man erkennt dann, dass die Irritation über diese Abläufe ein wichtiger Beitrag dafür sind, ihre regelmäßige Erwartbarkeit zu kritisieren.

Twitter, über die Sachlichkeit der Kommunikation

In einem Interview mit Maren Lehmann zum Thema „Twitter“, das im ganzen nur wenig interessante Irritationsmöglichkeiten liefert, findet sich folgende Anwort auf diese Frage:

Hegen Sie Hoffnungen, was die zukünftige Nutzung der Plattform für die Wissenschaft angeht?

Lehmann: Ja, die hege ich; sie betreffen eine Umstellung von personalen auf sachliche Zurechnungen. Was mich an Twitter überzeugt, ist der Verzicht auf Komplementärrollen und auf oben/unten- sowie Zentrum/Peripherie-Asymmetrisierungen. Was mich gar nicht überzeugt, ist die Dominanz der Sozial- gegenüber der Sachdimension. Man müsste die Möglichkeit haben, „Follower“ von sachlichen Zurechnungen zu werden. (Herkunft)

Bemerkenswert an dieser Formulierung von Lehmann ist, wie schwer es  in einem funktional festgelegten Betrieb einer Organisation wie der Universität fällt, einen Beobachtungsstandpunkt und ein entsprechendes Beobachtungsschema zu finden, mit dem man diese Art der Netzwerkkommunikation beobachten und beschreiben kann.

Unter Rollen versteht man in der Soziologie Verhaltenserwartungen, die einerseits nur an bestimmte Personen gerichtet werden können, die aber, damit sie wirksam sind, schon strukturgeneralisierend vorgeprägt sein müssen, da Funktionsstellen auch jederzeit auswechselbar sind ohne, dass damit die Systemfunktion zerfällt. Es muss gelingen, Verhaltenserwartungen so zu spezifizieren, dass sie genauso individuell wie allgemein gültig sind. Da dies von keiner Stelle aus eigenmächtig gelingen kann, versucht man in der Theorie zwischen „Leistungsrollen“ und „Komplementärrrollen“ zu unterscheiden: Leistungsrollen gewährleisten die Systemfunktion der Problembildung und Komplementärrollen liefern gleichsam die Akzeptanzwerte, die davon sprechen, dass sich andere diese Probleme machen lassen, dass sie zur Übernahme einer Problembewältigungsleistung bereit sind ohne diese Probleme gleichwohl lösen zu können oder zu müssen. Daraus folgt dann, dass einerseits Individualität im Verhalten beobachtbar wird, dies aber andererseits nur im Zusammenhang von Rollenerwartungen, durch die Zurechnungsweisen festgelegt werden.

Lehmann stellt nun zutreffend fest, dass diese Unterscheidung in Leistungs- und Komplementärrollen bei Twitter wegfällt, aber sie unterlässt es nicht, ein Dominazverhältnis von Sozial- und Sachdimension zugunsten der Sozialdimension zu monieren.
Was passiert denn hier? An dieser Stelle könnte doch erkennbar werden, wozu diese Unterscheidung von Leistungs- und Komplementärrolle dient. Sie dient der Versachlichung der Kommunikation unter der Voraussetzung, dass sich bei der interaktiven Begegnung in der Organisation immer nur bestimmte Menschen begegnen, die bestimmte Erwartungen an einander richten und dies nicht ändern können, weil die Menschen im Augenblick der Übernahme von Rollenerwartungen immer nur diesen generalisierten Erwartungen gerecht werden müssen und dies immer nur nach je individuellem Vermögen, wozu auch dieses ganze subjektive Gedöns zählt, Charaktereigenschaften, Idiosynkrasien und dergleichen. Aus diesem Grund bedarf eine solche Kommunikation der Versachlichung, damit Individualtiät nicht nur erkennbar, sondern auch wertschätzbar wird oder wenigstens erträglich bleibt.
Wenn nun aber, wie man dies bei der Netzwerkkommunikation feststellen kann, Individualität als Referenzpunkt für generalisierende Rollenerwartungen wegfällt, weil ja keine Funktionsgarantieen hergestellt und akzeptiert werden müssen, so fallen auch alle Versachlichungsstrategien von Organisationssystemen weg. Das Interessante ist nun, dass Lehmann nicht erkennt, dass sich im Fall der Kommunikation via Twitter keineswegs ein Dominanzverhältnis einstellt, vielmehr wird eine Änderung der Versachlichungsleistung der Kommunkation vogenommen. Das heißt: auch das Sozialverhältnis kann nun versachlicht werden. Das geht aber nur, wenn die Nutzer bereit sind, den Unterschied zwischen gerechtfertigten und ungerechtfertigten Zurechnungen indifferent zu behandeln. Aber dies kann eine Professorin nicht leisten, weil sie bei dieser Netzwerkkommunikation weder die Rollenerwartungen anderer entkommen kann, sofern sie nicht pseudonym beteiligt ist, noch könnte sie performativ darauf reagieren, eben weil auch die Professorin sich selbst darauf hin beobachtet, wie sie von anderen beobachtet wird und entsprechend selbstkontrollierend handelt. Allenfalls bliebe noch sozial akzeptierbare Ironie oder so etwas übrig. Aber das ist auch schon alles.
Eine Steuerung der Beobachtung entlang von Strukturen der Peformativität – und damit auch eine Selbstbeobachtungsleistung der Indiffferenz gegen sich selbst – kann aber nicht erklärt werden. Dazu gehört auch, dass Organisationen Personen als moralische Instanzen erzeugen. In der Kommunikation mit Unbekannten läßt sich Moral aber nicht mehr garantieren.

Man erkennt wozu diese Unterscheidung von Leistungs- und Komplementärrollen in Organisationssystemen gebraucht wird: sie wird gebraucht, um eine Vermeidungsstruktur zu etablieren, die eine Versachlichung der Personen unterläuft um damit Personen als Objekte der Wert- oder Geringschätzung der Beobachtung anzuliefern. Setzen sich nun solchermaßen sozialisierte Personen einer anderen Art von Kommunikation aus, die für die Funktionsstabilität von Systemen keine Garantieen übernehmen, so wird prompt ein Vermeidungsstandpunkt eingenommen: „Was mich gar nicht überzeugt, ist die Dominanz der Sozial- gegenüber der Sachdimension.“

Stattdessen müsste anders herum formulieren: die Kommunikation via Twitter leistet die Komplettgeneralisierung von Sachverhalten und zwar auch solcher Sachverhalte, die als Personen, bzw. als moralische Instanzen beobachtbar sind.

Und erst, wenn eine Komplettversachlichung für die Wissenschaft akzeptierbar wird, kann sie mit Twitter etwas Intelligentes anfangen.