Differentia

Tag: ökologische Krise

Lernen als Machtspiel 5 ökologische Krise 1

https://twitter.com/kusanowsky/status/1054457760778280961

zurück /weiter: Schund- und Schmutzkampfrituale gibt es, seit im 17. Jahrhundert das Zeitunglesen und bald danach das Romanlesen zur Alltagsübung in der bürgerlichen Kultur wurde. Zeitung, Roman, Fotografie, Kino, Werbung, Comics, Radio, Schallplatten, Fernsehen, Computerspiele, Unterhaltungselektronik und jetzt natürlich Smartphones und Internet – jede Pädagogengeneration hat sich seit dem 18. Jahrhundert ihr eigenes Bedrohungsszenario für die Gefährdungen der Moral, der Sittlichkeit, der Verstandesfähigkeit und der gesellschaftlichen Integrierbarkeit geschaffen. Solche Bedrohungsszenarien werden aus mindestens zwei Gründen gebraucht:

  1. Sie dienen als Ersatz für die Nichterklärbarkeit von Gesellschaft. Da zwar die Gesamtheit aller gesellschaftlichen Tatsachen dazu beiträgt, Medieninnovationen hervorzubringen, aber diese Gesamtheit nicht objektivierbar und daher nicht feststellbar ist, können nur Korrelationen gebildet und diese als Tatsachen nur selektiv gewonnen werden. Diese Selektionen werden dann induktiv auf die Erwartung von Ordnungen angewendet, was selbst dazu beiträgt diese Ordnungen herzustellen und zu ändern.
    Solche Bedrohungsszenarien erfüllen die gleiche Funktion wie utopische Versprechungen: Da Gesellschaft als Gesamtheit ihrer Tatsachen nicht erklärbar ist, wird die Selektion von Korrelationen als „Wahrheit“ (oder als Hoffnung oder Angst) entweder bestätigt oder zurück gewiesen. Diese Medieninnovationen helfen nun dabei, die Selbstbeobachtung von Gesellschaft zu betreiben, was aber wiederum dadurch erschwert wird, dass die Vorbehalte gegen Medieninnovationen auf den Wegen und mit den Mitteln zustande kommen, die durch diese Medieninnovationen selbst ermöglicht werden: Vorbehalte gegen Schriftgebrauch werden in Schriften verbreitet; Druckwerke, die darüber informieren, dass gelogen wird wie gedruckt; Fernsehsendungen, die über die Gefahren des Fernsehens informieren usw.
    Eine stets gut funktionierende Strategie für solche Bedrohungsszenarien ist die Ausnützung von Erpressbarkeit; Kinder seien unschuldig, unmündig und unfähig mit dem Zumutungen, die aus solchen Innovationen entstehen, umzugehen, weshalb sie dringend der Fürsorge und dem Wissen von Erwachsenen bedürfen, die, wenn sie unterbleibt, stets die allerschlimmsten Folgen haben würde. Auf diese Weise wird die Nichterklärbarkeit von Gesellschaft als Erwartung der Zukunft über die Runden gerettet.
  2. Diese Bedrohungsszenarien und ihre ritualisierte Behandlung verhindern gar nicht die Durchsetzung von Medieninnovationen, sondern begleiten sie und sind unverzichtbare Lieferanten von Differenzen zur Gewinnung von Widerständigkeit; keine Widerständigkeit gegen diese Innovationen, sondern Widerständigkeit gegen diese Widerständigkeit, weil auf diese Weise sehr viele Unklarheiten geordnet werden können. Das Ergebnis ist dann die Realität der Gesellschaft. Alle Medienkompetenzen, Professionalisierungen, Kapitalbildungen, alle Strukturgewinne infolge solcher Medieninnovationen wären ohne solche Bedrohungsszenarien gar nicht möglich, solange mit jedem Durchlauf dieser Vermeidungsrituale neue Ressourcen erschlossen und genutzt werden können; solange also Wachstum nach erwartetem Muster geschieht.

Etwas ähnliches scheint mir auch für die Diagnose von ökologschen Krisensymptomen zu gelten. Die ökologische Krise wird im Verlauf der Industrialisierung nicht bewältigt, sondern in Erfahrung gebracht, ablesbar an den immer monströser wirkenden Zustandserscheinungen, deren Bedrohungscharakter ständig überboten werden muss, um Motive für Handlung und Entscheidung kommunikabel zu machen. Aber auch in diesem Fall gilt, dass zur Behandlung dieser Symptome immer neue und weitere Ressourcen erschlossen und genutzt werden müssen, um trotz der Nichterklärbarkeit von Gesellschaft die Ritualisierung der Bedrohung über die Runden zu retten, sie also auf die Zukunft zu verschieben.

Fortsetzung

 

Weltuntergang und Vollnarkose

Sehr geehrter Herr Lesch,

ich habe Ihren Vortrag „Die Menschheit schafft sich ab“ bei der Teleakademie des SWR auf youtube in voller Länge gehört und gesehen. Dabei ist mir eine Frage eingefallen, die ich Ihnen gerne stellen möchte. Vielleicht können Sie ihre Dringlichkeit erkennen und sie mir beantworten.

Zunächst sei gesagt, dass ich, abgesehen davon, dass mir Ihr Unterhaltungstalent sehr gefällt – ein Talent, das mich während der Betrachtung Ihrer Ausführungen gelegentlich zum Lachen brachte – eigentlich keine Einwände gegen das vorbringen kann, was Sie vorgetragen haben. Die Welt ist in einem schlechten Zustand und muss dringend gerettet werden. Daran besteht gewiss gar kein Zweifel. Wohingegen jedoch die Erfahrung zeigt, dass solche Appelle, die Welt nun endlich zu retten, schon vor dreißig, vierzig, ja gewiss schon vor fünfzig oder hundert Jahren Verbreitung fanden, wodurch sich keineswegs eine Abwendung von Gefahren und Gefährdungen ergeben hat. Tatsächlich haben sich die Defizite einer Welt des Wohlstands nur immer monströser ausgestaltet. Und es darf zum wiederholtem Male und ganz unbeirrt der Aufruf ergehen, damit endlich Schluss zu machen. Es geht nicht anders, als die Durchsage an alle zu versuchen, weil es mit dieser Ausplünderung eines Planeten nicht mehr weiter geht.

Einen guten Grund zum Lachen gibt es deshalb eigentlich nicht. Sollte das Gelächter dennoch in der Runde akzeptiert sein, wie aus dem Mitschnitt Ihres Vortrags hervor geht, scheint mir das eher der Traurigkeit der Lage geschuldet zu sein. Wer anders nicht mehr weiter weiß, kümmert sich um die Stimmung. Es wird gelacht. Die Abläufe der Gesellschaft, ihre Geschäfte, ihre Organisationen, ihre Verfahrensweisen, ihre Institutionen lassen sich nicht ändern, aber vielleicht die Stimmung? Und die sollte heiter sein? Ja, denn die andere Variante wäre Wut, Empörung oder – wollte man Ansprüche an zivilisiertem Verhalten eher locker betrachten – Fanatismus und Radikalismus, was als Möglichkeit für verständige Menschen eher ausscheidet.
Sie, Herr Lesch, haben sich auf den Habitus des Aufklärers eingerichtet: Klug, belesen, fachkompetent, wortverständig und – neuerdings, das gehört dazu – unterhaltend tätig, damit niemand einschläft. Grund genug gäbe es. Wer überzeugend wirken will, kann nicht mehr autoritär sein, sondern muss auch die Bereitschaft haben, lächerlich wirken zu können. Der Fachmann darf auch ein Kaspar sein. Die Dinge sind schlimm, aber auf Spaß zu verzichten wäre auch unangebracht. Die Mischung aus Alarmismus und Publikumsbespaßung hat was Rührendes. Wenn der Ruf „Es brennt“ nicht mehr allein durchsagefähig ist, ergänzt man ihn mit Witzeleien. Mal sehen, ob das helfen könnte.

Was ich Sie fragen möchte ist, woher Sie eigentlich die Unbekümmertheit nehmen, mit der Sie glauben, dass die Wissenschaft die richtige sei, während die übrige Menschenwelt offensichtlich mehrheitlich falsch über sich selbst informiert sein muss. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ganze Brigaden von Physikern, Chemikern, Meteorologen, Ozeanologen, Geologen, Botanikern und Glaziologen sich nicht in ihren Messdaten irren. Ich beobachte aber, dass diese Brigaden auf eine Weise die Welt erleben, beschreiben, vermessen und interpretieren, die nur für eine Minderheit einer globalen Gesellschaft von Bedeutung ist, nämlich ausgerechnet für jene Fachwissenschaftler selbst, welche übrigens an keiner Stelle zu widerspruchsfreien Ergebnissen kommen und welche obendrein aufgrund einer seltenen Ausnahmesituation ihre Kenntnisse verbreiten können. Die Ausnahmesituation ist: garantierte Lebenschancen aufgrund von Anstellung oder Verbeamtung bis zum Ende des Lebens, während sich der allergrößte Teil aller Menschen, also ca. 99,99998 Prozent um eben eine solche Lebensicherheit bewirbt.

Kaum einem gelingt das freilich. Ihnen aber, Herr Lesch, ist es aufgrund Ihrer höchst vorzüglichen Talente gelungen, sich gegen beinahe alle durchzusetzen, weshalb Sie trefflich auf einer gut vorbereitenen Bühne Ihre Kompetenz, Ihre Urteilsfähigkeit und all Ihre moralische Kraft des Ausdrucks dem Publikum entgegenbringen, das teils erheitert, teils ergriffen, teils empört ist und sich als rechtschaffender Adressat empfinden darf.
Tatsächlich aber urteilen Sie, geschützt durch eine hoch wirkungsvolle Macht, nämlich durch einen mit Atombomben bewehrten Staat, der Sie bis zum Rest Ihres Lebens umfänglich alimentiert, wie einer, der meint, dass eben dies die normale und selbstverständliche Lebensweise sei, die eben darum auch ein Wissen herstellt, das für alle, also für die Mehrheit derer, die ganz andere Lebenserfahrungen machen, verbindlich von Bedeutung zu sein habe.

Was ich zwischen Ihnen und Ihrem Publikum beobachtet habe, ist eine Verständigung über eine rechtschaffende Moral derer, die den größten Teil dazu beitragen, diesen ganzen Dreck in die Umwelt zu pumpen und die dann so tun, als seien die Schädlinge woanders zu verhaften als in den eigenen vier Wänden. Da herrscht wohl die reine Unschuld des Konsumenten, der werkstags Müll produziert und sich sonntags im Hörsaal zur Feierstunde einer launigen Rede eine Moral abholt, die ihm erlaubt, die Bedrückungen infolge seines Tuns besser zu ertragen. Was für eine kossale Frechheit ist das? Eine Gottlosigkeit, die kein religiöser Fanantiker, eine Planlosigkeit, die kein politischer Radikalinski zuwege bringen könnte. Massenweise Müll, Dreck, Gift und Schäden hinterlassen und sich dann in aller Öffentlichkeit daran zu erfreuen, auf der richtigen Seite der Moral zu stehen, während man, ungeniert geblähte Spaßbacken zeigend, gleichzeitig mit dem Fingern auf die anderen, die abwesenden, unverständigen verweist, und denen man mal ordentlich die Meinung geigen müsste. Was fällt Ihnen eigentlich ein? Sind sie noch bei Verstand? Habe Sie Ihre Medikamente nicht genommen? Die Welt geht unter infolge eines unverschämten Verschmutzungskonsums, aber diejenigen, die ihn produzieren, klatschen fröhlich Applaus, wenn es heißt, die anderen sollten mal endlich wissenschaftliche Wahrheiten zur Kenntnis nehmen. Wurden irgendwelche Narkosemittel verabreicht? Merken Sie noch was?

Ich glaube, dass da etwas ganz anderes nicht zur Kenntnis genommen wird, nämlich die Lebensweise der Anwesenden, ihre unverschämte Konsummoral genauso wie die Beleidigungen, die Sie, Herr Lesch, in aller Unschuld und unterstützt von ihrem Publikum vom Katheder verbreiten lassen. Ihr Vortrag beleidigt jeden unerschrockenen Beobachter, der, ausgestattet mit Einsicht in die Gebrechlichkeit der menschlichen Urteilsfähigkeit, nicht dazu in der Lage ist, die eigene Moral, die eigene Lebensweise inklusive ihrer entsprechenden Erfahrungen, anderen zum Vorbild zu empfehlen. Warum bleidigen Sie so unverschämt? Wenn die Dinge so schlimm seien, wie sie aufgrund wissenschaftlicher Forschungsergebnisse angeblich sind, ja, welchen Grund gibt es dann, sich durch Vortrag und Gespräch über eine Moral zu vergewissern, die sich selbst als eine vorzügliche deklariert und doch nichts anderes vermag, als Dreck in die Welt zu setzen und dann Alarm zu rufen, der mit lustigen Witzen gewürzt wird?

Wie Menschheit sei in Gefahr? Wem sagen Sie das? Der Menschheit? Die hört nicht zu. Die ist nirgendwo anwesend, die hat keine Adresse und kann nirgendwo ein Eintrittsgeld bezahlen. Verhaften und belehren, indem man einmal kräftig mit der Faust auf den Tisch haut, geht auch nicht. Anwesend waren nur Wohlstandsbürger, die mit einer Welt unzufrieden sind, die sie mit ihrem Konsum zerstören und die ihnen jede Vollnarkose beinahe kostenlos ins Haus liefert.

Ihr Engagement ist ernst gemeint, aber vergeblich: Die Fische im Wasser bemerken das Wasser gar nicht. Der Konsument, der hauptsächlich Müll produziert, ist mit einer Zeigefingergelehrsamkeit nicht zu belehren, weil er ebenfalls nichts anderes tut als mit dem Zeigefinger zu wedeln.

Woher, um alles in der Welt, nehmen Sie die Sorglosigkeit, mit der Sie Ihr verlorenes Geschäft fortsetzen? Ich bin auf Ihre Antwort gespannt und fürchte sehr, enttäuscht zu werden, sollten Sie mir einfach mit Ihrer moralischen Pflicht kommen.

Mit freundlichen

Klaus Kusanowsky

(Soziologe und Erfahrungstheoretiker)